Entscheiden & Gestalten

So übernehmen Sie Verantwortung für kritische Infrastruktur und die Resilienz Ihres Unternehmens

· Lesezeit 6 Minuten.
Ferdinand Gehringer ist Sicherheitsexperte bei der Unternehmensberatung FTI Consulting und Co-Autor des Buches „Deutschland im Ernstfall“.
Den Krisenfall einfach mal durchrechnen: Ausfälle sind teuer, betont Experte Ferdinand Gehringer. Wie sehr sich Investitionen in Resilienz und Sicherheit lohnen, lässt sich unter anderem anhand der Kosten von Ausfalltagen bestimmen. Foto: privat

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Hybride Bedrohungen – sowie das koordinierte Zusammenspiel von Spionage, Sabotage, Cyberangriffen und Desinformation – nehmen laut Verfassungsschutz Rheinland-Pfalz kontinuierlich zu.
  • Chemie und Pharma gelten als unterschätztes Ziel, obwohl die Branche Vorprodukte für viele Abnehmerindustrien liefert und teilweise zur kritischen Infrastruktur zählt.
  • Resilienz ist keine Aufgabe für eine einzelne Abteilung, sondern gehört auf die Agenda der Unternehmensführung.

Hybride Bedrohungen und Angriffe auf kritische Infrastruktur: Beunruhigender Trend

Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine registrieren die Sicherheitsbehörden einen deutlichen Anstieg hybrider Aktivitäten. Der aktuelle Verfassungsschutzbericht Rheinland-Pfalz beschreibt sie als „koordinierte, illegitime oder illegale Handlungen ausgehend von staatlichen oder staatlich gelenkten Akteuren“. Sie kombinieren Spionage, Sabotage, Cyberangriffe sowie Desinformation, um eigene Interessen durchzusetzen und gesellschaftliche Strukturen zu stören. Hauptakteure laut Bericht: Russland und China. Sie nehmen die wissenschaftlich-technologischen Ressourcen Deutschlands in den Fokus.

Auch Wirtschaftsspionage bleibt ein reales Risiko. Sie betrifft nicht nur Großkonzerne, sondern ausdrücklich auch kleine und mittelständische Unternehmen sowie Forschungseinrichtungen.

Diese Einschätzung deckt sich mit Ferdinand Gehringers Beobachtungen. Er ist Sicherheitsexperte bei der Unternehmensberatung FTI Consulting und Co-Autor des Buches „Deutschland im Ernstfall“. Gehringer sieht die Lage so: „Das Sabotagerisiko ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen, vor allen Dingen aufgrund der russischen Akteure, die ganz bewusst kritische Infrastruktur stören und damit Zeichen der Destabilisierung setzen wollen.“ 321 Sabotage-Verdachtsfälle seien für Deutschland 2025 erstmals überhaupt erfasst worden. Gehringer vermutet eine große Dunkelziffer. Denn viele betroffene Unternehmen seien sich der Gefahr nicht bewusst oder melden Vorfälle nicht.

Kritische Infrastruktur: Beispiele für die Verwundbarkeit von Unternehmen

Aus Gehringers Sicht werde die chemische Industrie in der öffentlichen Wahrnehmung als Teil der kritischen Infrastruktur unterschätzt. Dabei ist sie für Landwirtschaft und Ernährung, für industrielle Abnehmer und auch für die Rüstungsindustrie ein wichtiger Lieferant. Ihr Dilemma: Obwohl es in vielen Stufen der Wertschöpfungsketten auf die Chemie- und Pharmaindustrie ankommt, bestehen „leider bedeutende Abhängigkeiten unter anderem von China“.

Chemie und Pharma sind empfindlich für geopolitische Schocks

Gestörte Lieferketten? Sehr schädlich für die meisten Chemie- und Pharma-Betriebe! Das zeigt nicht erst der Irankrieg. Geopolitische Schocks treffen die Branche unmittelbar, weil sie stark exportorientiert und weltweit vernetzt ist. Sie bezieht zahlreiche Rohstoffe und Zwischenprodukte aus dem Ausland.

Auch die Klimakrise fordert ihren Tribut

Gerade auf Unternehmen in Rheinland-Pfalz wirken sich niedrige Flusspegelstände dramatisch aus. Unter anderem Röhm verfügt für solche Situationen über ein alternatives Transportkonzept. Extremwetter-Ereignisse im Ausland haben ebenfalls Auswirkungen. So legt Finzelberg für den Fall, dass karibische Stürme die Ernten von Palmfrüchten vernichten, entsprechende Vorräte an.

Was Kriege für die Bedrohungslage in Rheinland-Pfalz bedeuten

In anderen Weltregionen schlagen Raketen ein, in Deutschland und Rheinland-Pfalz knirscht es in den Systemen. Beispiel Nahostkonflikt: Der rheinland-pfälzische Verfassungsschutz hat dieses Jahr Aktivitäten einer iranischen Hackergruppe bemerkt. Diese will die Software vernetzter Produktionsumgebungen (SCADA-Systeme) schädigen. Ihr Vorgehen, so die Verfassungsschützer, steht stellvertretend für den insgesamt beobachteten Anstieg von Angriffen auf industrielle Kontrollsysteme.

Und bereits lange vor dem Drohnenanschlag Anfang August in Leipzig warnten die Behörden vor Attacken des russischen Militärgeheimdienstes gegen Knotenpunkte der Kritischen Infrastruktur. Es könne Unternehmen, Stromversorgung, Telekommunikation, Verkehr und Logistik treffen.

„Koordinierte Zwischenfälle“ nennt Gehringer die Häufung von Cyberangriffen sowie von Sabotagen an Stromversorgung und Unternehmen – bis hin zu Explosionen. Die schmerzhafte Erkenntnis: „Sicherheit ist verletzlich.“ Indes: „Wir haben zahlreiche Menschen in Behörden, Politik, Organisationen und Unternehmen erlebt, die den Ernstfall durchdenken, sich einsetzen und an entsprechenden Vorkehrungen arbeiten.“

Wie lässt sich die Resilienz gezielt stärken?

Resilienz beginnt für Gehringer nicht mit einer einzelnen Sicherheitsmaßnahme, sondern mit einer nüchternen Zahl: „Ich würde ausrechnen, wie hoch die Summe wäre, wenn ein Tag die Produktion ausfallen würde.“ Mit dieser Größenordnung lasse sich abwägen, welche Investitionen in Sicherheit sich lohnen. Als Dauer-Aufgabe sieht er den Check, Prozesse so zu gestalten, dass das Unternehmen bei einem externen oder internen Schock handlungs- und entscheidungsfähig bleibt.

Konkret bedeutet das für Chemiebetriebe, systematisch Abhängigkeiten zu identifizieren, darunter:

  • Rohstoffe: Lieferanten diversifizieren, Routen absichern;
  • Just-in-Time: Lagerhaltung anstelle kurzfristiger Lieferungen mindern das Ausfallrisiko;
  • Digitale Abhängigkeiten: die Herkunft eingesetzter Software und die IT-Standorte prüfen.

Resilienz ist Chefsache

Im Krisenfall handlungsfähig zu bleiben, das bedeutet, dass Netzwerke funktionieren, Abteilungen und Organisationen zusammenarbeiten und jede Ebene im Unternehmen sensibilisiert ist.

Gehringer betont: „Resilienz ist auf jeden Fall eine Führungsaufgabe und eben nicht nur ein Teilbereich für eine gewisse Abteilung im Unternehmen, weil viele, viele Themen zusammenlaufen.“ Dazu gehören IT, Sicherheitsabteilung und Werkschutz, Personal- und Rechtsabteilung, Kommunikation und Vorstand. Um eine Sicherheitskultur aufzubauen, gilt es, die Beschäftigten früh einzubinden, „statt sie im Ernstfall vor vollendete Tatsachen zu stellen“.

Fünf Tipps für die Umsetzung

  1. Den Preis des Stillstands berechnen: Dieser Schritt sollte stattfinden, ehe man Sicherheitsbudgets festzurrt.
  2. Abhängigkeiten systematisch erfassen: Rohstoffe, Logistik, Personal, Software und Kommunikationskanäle sind daraufhin zu prüfen, wo Abhängigkeiten und Schwachpunkte bestehen. Dies betrifft auch Digitalanbieter.
  3. Redundanzen aufbauen: Ein zweiter Abnehmer, eine alternative Logistikroute über Straße oder Schiene sowie eine überdachte Lagerhaltung und IT-Backups an verschiedenen Standorten erhöhen die Handlungsfähigkeit im Ernstfall.
  4. Krisenszenarien einüben: Planspiele (so genannte Tabletop-Übungen), Szenario-Analysen und Übungen helfen dabei, Druckpunkte, Lücken und bereits gut funktionierende Prozesse zu erkennen. Übungen sollten keine Eintagsfliege bleiben: Ihr Nutzen entfaltet sich in den Wiederholungen.
  5. Resilienz als Führungsaufgabe verankern und Vernetzung schaffen: „Wenn im Ernstfall alle wichtigen Personen sofort erreichbar sind“, das ist für Gehringer eines der klarsten Signale, dass ein Unternehmen auf dem richtigen Weg ist.

Die Bedrohungslage wird sich nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden und von Experten wie Gehringer vorläufig nicht entspannen. Umso wichtiger ist es für Chemie- und Pharmaunternehmen in Rheinland-Pfalz, Verantwortung für die eigene kritische Infrastruktur jetzt aktiv zu übernehmen – strukturiert und abteilungsübergreifend.

  • Like
  • PDF
War der Beitrag hilfreich?

Das könnte Sie auch interessieren

Cyberangriffe, Sabotage, Drohnenüberflüge oder sogar der Verteidigungsfall: Solche Risiken treffen nicht nur Staat und Behörden, sondern auch Unternehmen. Wer handlungsfähig bleiben will, braucht Notfallstrukturen und verlässliche Kontakte. Warum der Austausch mit der Bundeswehr dabei helfen kann, erläutert Oberst Michael Trautermann, Kommandeur des Landeskommando Rheinland-Pfalz.

Wir.Hier. zeigt, was die Betriebe bewegt

Lust mitzumachen?

Wir sind ganz nah dran an den Unternehmen, um die Geschichten und Erfahrungen aus den Belegschaften weiterzugeben. Als Branchenhub bieten wir Überblick und Einsichten – über die Werkzäune hinaus. Damit machen wir die Perspektiven und Stärken der Betriebe sichtbar – direkt aus der Region für die Region. Wir haben ein offenes Ohr für das, was Sie beschäftigt.

Kein Risiko: Alle Inhalte entstehen in enger Abstimmung mit Ihnen – ob kurzes Zitat, Interview oder Videoreportage. Nichts geht ohne Ihr „Go“ online. 

Zeigen Sie uns, was Ihr Team besonders macht! Welche Projekte treiben Sie gerade voran? Wie meistern Sie die Transformation im Arbeitsalltag? Wir freuen uns auf Ihre Perspektiven und Anregungen.

 

Jetzt für eine Reportage bewerben!
Wechseln zur Seite International Articles Wechseln zur Seite Wir.Hier.news.