Das Wichtigste auf einen Blick:
- Szenarioanalysen liefern keine Prognosen, sondern mehrere plausible Zukunftsbilder und machen Chancen sowie Risiken sichtbar.
- Sie helfen Unternehmen, strategische Entscheidungen vorausschauender zu treffen. Dabei ist der so genannte Robustheits-Check ein wichtiger Schritt.
- Maßnahmen, die in allen Szenarien funktionieren („No-Regret-Maßnahmen“), sind besonders zukunftssicher.
Die Zukunft handhabbar machen – geht das überhaupt? Experten für Szenarioanalysen sagen: Sichere Vorhersagen treffen, das ist zwar kaum möglich. Doch ein systematisches Erarbeiten unterschiedlicher Zukunftsbilder ergibt Sinn. Vor allem für Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie. Denn diese müssen inmitten geopolitischer Turbulenzen, steigenden Kostendrucks und schärferen Wettbewerbs ihre Position von morgen bestimmen.
Daher stellten die Evonik-Experten für Corporate Foresight, Björn Theis und Cornelius Patscha, im Auftrag des Verbandes der Chemischen Industrie die Chancen der Szenarioanalysen dar – und wie man sie im Unternehmen nutzt.
Lesetipp: Deutschland 2045 – fünf Szenarien
Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) ließ in Workshops, Debatten mit Mitarbeitenden aus Verband und Mitgliedsunternehmen sowie durch Experteninterviews insgesamt fünf Szenarien für die Zukunft der Chemie- und Pharmaindustrie in Deutschland erarbeiten. Einige der zentralen Fragen waren: Wie steht es um Innovationskraft, europäische Einigung und Zukunftsinvestitionen? Die 93-seitige Publikation gibt dazu sehr unterschiedliche Antworten und ist per Gratis-Download erhältlich.
Die Szenarionanalyse: Was ist das, und was leistet sie?
Die strategische Szenarioanalyse, auch Strategic Foresight genannt, ist bereits seit Jahrzehnten Teil der Zukunftsforschung. Im Unterschied zu festgelegten Visionen, die es je nach Unternehmensphilosophie zu gestalten und zu erreichen gilt, ist die Szenarioanalyse nicht auf ein bestimmtes Zukunftsbild festgelegt. Im Gegenteil: Sie lotet mehrere plausible Zukunftsbilder aus. Dies geschieht faktenbasiert und mit bewährten Methoden.
„Szenarien sind ein Denkwerkzeug“, erläutert Björn Theis, Head of Foresight bei Evonik. „Dieses Werkzeug macht Chancen und Risiken sichtbar. Nicht ausdrücklich gesagte Annahmen werden ausgesprochen und beleuchtet.“ Das Ergebnis, so der Experte, ist eine solide Diskussionsbasis – ein Anstoß für neue Perspektiven.
Gut zu wissen: Die erarbeiteten Szenarien zeigen nicht, was passieren wird, sondern was passieren könnte. Damit legen sie Chancen, Risiken und Wechselwirkungen offen. Der Vorteil: Statt sich auf eine Prognose zu verlassen, öffnet die Szenarioanalyse den Blick für einen ganzen „Möglichkeitsraum“ – und hilft, Unsicherheiten aktiv zu managen.
Die Szenarioanalyse kann in vielen Unternehmensbereich nützen
Szenarioanalysen für Unternehmen (Corporate Foresight) unterstützen vor allem in diesen Bereichen:
- bei der strategischen Planung von Geschäftszielen,
- im Risiko- und im
- Projektmanagement,
- in der Personal- und der
- Standortplanung.
Außerhalb der Unternehmenswelt spielt die Szenarioanalyse in der Politik- und Gesellschaftsforschung sowie beim Militär eine Rolle.
Szenarien systematisch entwickeln – in vier Stufen
Der Szenario-Entwicklungsprozess erfolgt in vier Stufen:
- Umfeldanalyse: Dabei steht die Frage nach den großen Wirkkräften im Mittelpunkt. Dies können Gesetze, der Klimawandel sowie wirtschaftliche, technologische oder geopolitische Entwicklungen sein.
- Schlüsselfaktoren bestimmen: Aus der Vielzahl der Einflussgrößen gilt es diejenigen herauszufiltern, die den größten Einfluss auf die Zukunft haben.
- Projektionen entwickeln: Das Corporate-Foresight-Team beschreibt, welche künftigen Entwicklungen für diese Schlüsselfaktoren möglich beziehungsweise plausibel sind. Diese Entwicklungen können widersprüchlich sein.
- Szenarien bilden: Die einzelnen Projektionen für die jeweiligen Schlüsselfaktoren werden zu unterschiedlichen Zukunftsbildern kombiniert. Dies sind die eigentlichen Szenarien. Dabei sollte die Zahl der ermittelten Szenarien nicht zu hoch sein. Völlig abwegige, einander ausschließende Projektionen scheiden aus.
Am Ende hat man zwischen vier und acht unterschiedliche Szenarien, mit denen man arbeiten kann. Theis´ Tipp: „Jedes Szenario ernst nehmen.“
Der entscheidende Schritt der Szenarioanalyse: Der Robustheits-Check
Beim fünften Schritt geht es um konkrete Handlungsschritte. Hat ein Unternehmen bereits bestimmte Innovationsideen oder Investitionspläne, dann sollte es diese durch jedes der erarbeiteten Szenarien spielen. In einigen Szenarien wird das Vorhaben gelingen, in anderen scheitern. Funktioniert es in allen Szenarien, dann hat es den so genannten Robustheits-Check mit Bravour bestanden. Je öfter das Vorhaben bei den Szenarien durchfällt, umso höher ist das Umsetzungsrisiko.
„Manch eine Idee ist möglicherweise nicht robust“, sagt Björn Theis. „Möchte ich sie dennoch durchziehen, gehe ich eine Wette auf die Zukunft ein.“ Gerade für Startups stellt eine solche Wette durchaus eine Option dar – die erfolgreich ausgehen kann.
Auch die umgekehrte Betrachtungsweise bringt praxisrelevante Resultate: Aus jedem einzelnen Szenario lassen sich jeweils passende To-dos ableiten. Dann schaut man, welche Handlungsschritte in mehreren Szenarien auftauchen. Corporate-Foresighter Cornelius Patscha betont: „Was in jedem Szenario funktioniert, sind die so genannten No-Regret-Maßnahmen.“ Sie haben ein besonders großes Zukunftspotenzial.
Szenarioanalysen selbst durchführen: Mögliche Leitfragen für einen Workshop
Um Szenarien zu entwickeln, bringt man alle erforderlichen Perspektiven zusammen, zum Beispiel zu einem ganztägigen Workshop. Beim Thema „Zukunft des Standorts“ könnten dies Fachleute aus HR und Produktion, Supply Chain und Chempark-Management sowie Mitarbeitervertretung und Standortkommunikation sein. Mögliche Leitfragen wären:
- In welcher Hinsicht könnten sich die Marktsegmente verändern?
- Welche Energiepreisentwicklungen sind zu erwarten?
- Wie steht es um das regionale Innovationsnetzwerk?
- Auf welche Weise entwickeln sich Fachkräftebedarf und -angebot?
- Wie wirken sich Automatisierung und Digitalisierung aus?
- Welche Gesetzgebung steht an?
Gemeinsam erarbeitet das Workshop-Team die vier Stufen des Foresighting und macht dann den Robustheits-Check samt Maßnahmenableitung. Patscha, der kürzlich einen Foresight-Workshop zu Standortfragen bei Evonik durchgeführt hat, berichtet: „Die Maßnahmen lassen sich nach dem Workshop weiter verfeinern.“
Ein wichtiger Gewinn der Szenarioanalyse ist aus seiner Sicht: „Wir hinterfragen die gewohnte Logik.“ Er erinnert an das Zitat des bekannten US-Ökonomen Peter Drucker: „In turbulenten Zeiten ist die größte Gefahr nicht die Turbulenz an sich, sondern dabei mit der Logik von gestern zu handeln.“