Das Wichtigste in Kürze
- Der Irankrieg und Handelskonflikte machen die globalen Lieferketten der Chemie- und Pharmaindustrie spürbar fragiler.
- De Kriegsschäden und die Blockade der Straße von Hormus betreffen Öl, Gas und Rohstoffe wie Helium. Deren Preise steigen – ebenso wie die Transportkosten.
- Es gibt politische und unternehmensstrategische Gegenmaßnahmen, etwa Diversifizierung, Multisourcing, Lagerhaltung und drastische Szenarienanalysen.
Frau Kirchhoff, was bedeutet der Irankrieg für die Lieferketten der Chemie- und Pharmaindustrie?
Die durch den Krieg gestiegenen Energie- und Transportkosten treffen die Unternehmen empfindlich. In der energieintensiven Chemieindustrie, die auch schon vor dem Irankrieg unter Druck stand, fallen die hohen Gas- und Ölpreise besonders ins Gewicht. Gleichzeitig sind Öl und Gas für die Chemieindustrie unverzichtbare Rohstoffe für ihre Produktion. Damit steigen die Preise wichtiger Vorprodukte für zahlreiche Industrien, etwa für die Pharmabranche. Für den Pharmabereich wurde in den letzten Wochen zum Beispiel die Versorgung mit Helium als kritisch bewertet, das wir fast vollständig importieren. Es kommt vor allem in der Gas-Chromatografie zum Einsatz, einer Standardmethode bei der Qualitätskontrolle von Arzneimitteln. Ohne eine solche Prüfung kann eine Charge nicht für den Verkauf freigegeben werden. Bislang sind allerdings noch keine Auswirkungen in den Apotheken zu sehen.
„Was früher kein kritischer Knotenpunkt war, weil wir es mit zuverlässigen Partnern zu tun hatten, kann heute ein Risiko in der Lieferkette sein!“
Wie ist der Stand beim US-Zollkonflikt?
Die Prüfungen nach Section 232 des Trade Expansion Acts sind mittlerweile abgeschlossen. Dieses US-Gesetz ermöglicht es dem US-Präsidenten, Zölle zu verhängen, um nationale Sicherheitsinteressen zu wahren. Das Ergebnis: Ab dem 31. Juli werden Zusatzzölle von bis zu 100 Prozent auf patentierte Arzneimittel und Wirkstoffe eingeführt. Diese gelten aber nicht für die EU. Bei Importen aus der EU bleibt es bei der Obergrenze von 15 Prozent. Ansonsten ist das Abkommen, auf das sich die USA und die EU im Juli 2025 geeinigt hatten, noch nicht rechtsverbindlich umgesetzt. Insgesamt bleibt die Lage volatil.
Hilft es, einen Standort in den USA aufzubauen?
Investiert ein Unternehmen in den USA zum Beispiel in eine neue Produktionsstätte, kann es von Zöllen befreit werden. Aber eine Pharmaproduktion aufzubauen, das dauert Jahre und ist teuer. Denn die Innovations- und Produktionszyklen in dieser Branche sind lang. Ad-hoc-Entscheidungen sind daher kaum möglich und würden im Übrigen kleine und mittlere Unternehmen komplett überfordern. Zumal fraglich ist, ob sich ein neuer US-Standort lohnt. Denn die neue US-Preispolitik bei Medikamenten, mit der die Arzneimittelpreise in den USA sinken sollen, bleibt zusammen mit der Zollpolitik widersprüchlich.
Könnten Sie Beispiele erfolgreicher Diversifizierungsstrategien nennen?
Die Unternehmen dieser Branche haben ein großes Interesse, lieferfähig zu sein. Lieferketten breiter aufzustellen – Diversifizierung – bedeutet jedoch Kosten. Das ist immer zu berücksichtigen, weil die Arzneimittelpolitik vieler Länder häufig den günstigsten Anbietern den Zuschlag gibt. Dieser Preisdruck hat unter anderem zur Abwanderung der Generika-Produktion nach Asien geführt. Daher konzentrieren sich viele Lieferketten auf diese Region – mit entsprechenden Abhängigkeiten. Eine Gegenstrategie wäre, verstärkt andere Regionen in Betracht zu ziehen, etwa Lateinamerika. Diese Strategie heißt Multishoring und wird im Arzneimittelbereich auch schon angewendet.
Welche Strategien gibt es noch?
Das Multisourcing setzt auf mehrere Lieferanten oder Extra-Produktionskapazitäten, auch in derselben Region, um den Ausfall eines einzelnen aufzufangen. Allerdings: Jeder Zulieferer, den Sie dazu holen, kostet Geld, unter anderem, weil er sich zertifizieren lassen muss. Diversifizierung bezieht sich außerdem auf die Logistik. Es ist hilfreich, schnell auf andere Transportwege ausweichen zu können, zum Beispiel bei der Havarie im Suezkanal im März 2021, durch die Hunderte von Seefrachtern aufgehalten wurden. Um gefährdete Lieferungen kompensieren zu können, empfiehlt sich außerdem der Aufbau von Sicherheitsbeständen.
Inwieweit helfen die neuen Freihandelsabkommen der EU weiter?
Sie sind ein wichtiges Signal für mehr wirtschaftliche Souveränität, können die Bedeutung der USA aber nicht kurzfristig ausgleichen. Die Abkommen mit Indien, Australien oder der Region Mercosur eröffnen Chancen zur Diversifizierung und damit zum Abbau struktureller Abhängigkeiten von einzelnen Handelspartnern wie den USA und China, insbesondere durch Zollabbau und regulatorische Kooperation. Gerade Indien bietet langfristig großes Potenzial als Absatz- und Produktionsstandort. Allerdings bestehen Risiken, etwa beim Patentschutz und durch die eigenen Abhängigkeiten Indiens von chinesischen Vorprodukten.
Wie sieht es mit dem innereuropäischen Handel aus?
Die EU-Zusammenarbeit sollte noch enger, der Binnenmarkt weiter ausgebaut werden. Bereits jetzt finden die meisten Im- und Exporte der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie innerhalb des Binnenmarktes statt. Um zu dem notwendigen Handelsfrieden mit den USA zu gelangen, kann uns die Stärkung der EU nur helfen.
Haben Sie Tipps für Profis im Lieferkettenmanagement?
Was früher kein kritischer Knotenpunkt war, weil wir es zum Beispiel mit zuverlässigen Partnern zu tun hatten, kann heute ein Risiko in der Lieferkette sein! Geopolitische Verwerfungen und geoökonomische Risiken sind systematischer einzukalkulieren. Die globalen Lieferketten sind deutlich fragiler geworden. Umso mehr kommt es darauf an, mögliche Schwachstellen gezielt zu identifizieren, zum Beispiel über Szenarienanalysen. Hierbei kann es sich durchaus lohnen, wirklich krasse Negativ-Szenarien durchzuspielen. Denn wer hätte vor einigen Jahren damit gerechnet, dass die USA einen globalen Zollkrieg lostreten und wiederholt die internationale Zusammenarbeit in Frage stellen? Und dennoch gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren.
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So beeinflusst der Irankrieg die Lieferketten der Chemie- und Pharmaindustrie – auch in Rheinland-Pfalz
Der Irankrieg und die Blockade der Straße von Hormus wirken sich direkt auf die Lieferketten der Chemie- und Pharmaindustrie aus. Wie der Verband der Chemischen Industrie (VCI) meldet, fallen die von Zerstörung geplagten Golfstaaten als Lieferländer chemischer Grundstoffe vorerst aus. Als besonders angespannt bezeichnet der VCI die Lage bei
- Cyclohexan: Es wird unter anderem in der Nylonproduktion gebraucht.
- Glycole: Sie dienen als Lösungsmittel.
- Melamin: Es spielt eine Rolle als Schlüsselvorprodukt für Klebstoffe.
- Methanol: Es ist ein zentraler Rohstoff in vielen Syntheseprozessen.
Hinzu kommen die gestiegenen Kosten für Energie und Öl als Rohstoff für Produkte. Um dies aufzufangen, planen die Unternehmen mit deutlich höheren Preisen. Dies berichtet das ifo-Institut. „Wir verfolgen die Eskalation im Mittleren Osten mit großer Sorge“, teilt das Unternehmen Röhm mit, dass unter anderem in Worms einen Standort hat. Indes: Dank seines globalen Produktionsnetzwerks und resilienter Verbundproduktion in allen Regionen sieht es keine Risiken für die Versorgungssicherheit seiner Kunden. Auch der Spezialist für Pflanzenextrakte Finzelberg hofft, dass „die Straße von Hormus ohne massive Mautgebühren wieder geöffnet wird“. Weil die Gründe für hohe Frachtkosten so offensichtlich sind, rechnet das Andernacher Unternehmen mit Akzeptanz.