Das Wichtigste auf einen Blick:
- Der Irankrieg steigert die Kosten für Öl und ölbasierte Produkte. Dies führt zu höheren Erzeugerpreisen in der Chemieindustrie.
- Höhere Ölpreise wiederum treiben die Inflation und auch die Zinsen – dies bremst die Weltwirtschaft und trifft wichtige Abnehmerbranchen der Chemie, etwa den Bau, ganz besonders.
- Zugleich wirken sich Lieferschwierigkeiten aus der Golfregion und aus Asien positiv auf einige europäische Chemieunternehmen aus, die dann einspringen. Insgesamt überwiegen jedoch doch die Nachteile des Konflikts.
Teures Öl trifft energieintensive Branchen wie die Chemie ganz besonders
Bereits vor dem Irankrieg, der Ende Februar 2026 ausbrach, litten energieintensive Industrien in Deutschland wie die Chemieindustrie unter den hohen Energiekosten. Deren Produktion sank deutlich. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) bezifferte die Lage so:
- Für die Energieintensiven beträgt die Produktion derzeit nur 83 Prozent des Levels von 2018. Seit dem Ukrainekrieg ist der Trend klar negativ.
- Zwar stammen nur 6 Prozent der deutschen Rohöl-Importe aus dem Nahen Osten. Doch die Preissteigerungen treffen alle. So sei der Preis für das Erdöldestillat Naphta, ein bedeutender Rohstoff der Petrochemie, von rund 430 Euro pro Tonne (Anfang 2026) auf kriegsbedingt 800 Euro gestiegen. Dies berichtete VCI-Chefvolkswirt Henrik Meincke.
- Die Preise für Gas seien hingegen im ersten Quartal 2026 nur leicht gestiegen und die Strompreise sogar gesunken – ein bemerkenswerter Unterschied zur Energiekrise durch den Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022.
- Öl und Gas bleiben vor allem für die organische Chemie in Deutschland unverzichtbar. So machen Mineralölprodukte (73 Prozent) und Gas (13 Prozent) das Gros der Rohstoffe beim stofflichen Einsatz aus. Auf nachwachsende Rohstoffe entfallen 13, auf Kohle 1 Prozent.
Experte Meincke sieht eine „wachsende Versorgungslücke“ beim Öl, je länger die Blockade dauert. Bislang haben freigegebene Ölreserven und alternative Lieferwege durch Saudi-Arabien die Folgen der Sperrung gemildert. „Doch irgendwann muss die fehlende Ölmenge eingespart werden“, mahnte er.
Halte sich der Ölpreis auf hohem Niveau, dürfte dies weltweit, in Europa und auch in Deutschland, zu mehr Inflation und geringerem Wirtschaftswachstum führen. Dabei sei der Ölpreis nur ein Bremsfaktor von vielen. Ebenso dämpften Zollkonflikte, Protektionismus und strukturelle Probleme die Aussichten.
Kurzfristige Aufwärtseffekte durch Vorratskäufe
Im Moment signalisieren die Befragungen von Einkaufsmanagern in der Industrie zunehmende wirtschaftliche Aktivität und Wachstum. Dies gilt für alle Industrieländer, besonders aber für Deutschland, wie Meincke darlegte. Ein Grund: Unsicherheiten über gestörte Lieferketten und mangelnde Verfügbarkeit von Materialien führten zu Vorratskäufen.
In einer VCI-Unternehmensbefragung nannten denn auch 26 Prozent der Unternehmen eine höhere Nachfrage als positiven Effekt des Irankriegs. 11 Prozent berichteten gar von besserer Kapazitätsauslastung. Denn etliche Konkurrenten aus Nahost und Asien können nicht liefern.
Wie das Handelsblatt berichtet, rechnen große Hersteller wie BASF und Evonik damit, dass die höhere Nachfrage noch einige Monate anhalten wird, unter Umständen bis zum Spätsommer.
Abhängigkeiten – und wie Unternehmen sie mindern
Die Nachteile des Irankriegs überwiegen jedoch deutlich:
- 86 Prozent der Unternehmen spüren die höheren Rohstoff- und Materialkosten.
- 84 Prozent haben mit höheren Fracht- und Transportkosten zu kämpfen.
- 56 Prozent nennen deutlich gestiegene Energiepreise.
- 53 Prozent berichten von Lieferengpässen und Verzögerungen.
Auffällig ist dabei: Vor allem für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) hat der Irankrieg negative Effekte. Wie VCI-Senior-Managerin Christiane Kellermann darlegte, beantworteten 67 Prozent der KMU in Chemie und Pharma die Frage nach den Auswirkungen mit „negativ“. Zum Vergleich: Nur 48 Prozent der Großunternehmen sahen das so. Dem Handelsblatt zufolge profitieren große Unternehmen von ihrer starken internationalen Präsenz.
Zerstörungen von Anlagen und Häfen sowie die Hormus-Blockade verursachen nicht nur ein Kostenproblem. Nach Beobachtungen des VCI handelt es sich um einen echten Rohstoff- und Transportausfall. Die betrifft die folgenden Chemikalien:
- Cyclohexan und Glycole – hier besteht eine kritische Abhängigkeit vom Nahen Osten;
- Styrolpolymere und Harze – die EU bezieht diese aus asiatischen Ländern, die wiederum von fehlenden Rohstoffen aus dem Nahen Osten betroffen sind;
- Helium,
- Schwefel,
- Ethylen-/Olefin-Ketten,
- Styrol
- Dünger und Methanol,
- weitere Petrochemikalien, darunter Polyethylenglykol und Polypropylen.
Die Hälfte der befragten Unternehmen haben bereits Engpässe, besonders bei:
- Lösemitteln,
- Polymeren und Kunststoffen sowie
- petrochemischen Grundstoffen.
Aktiv werden und die Risiken im Blick behalten
Die Handlungspalette der Unternehmen umfasst:
- Preiserhöhungen – dies nannten 83 Prozent der Unternehmen;
- intensiveres Risikomanagement und Monitoring (56 Prozent),
- mehr Lagerhaltung (47 Prozent),
- die Anpassung der Lieferketten (41 Prozent) sowie
- die Verzögerung von Projekten und Investitionen (28 Prozent).
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