Politik & Wirtschaft

Ausbildung unter Druck

· Lesezeit 4 Minuten.
Jugendliche im Austausch: Gemeinsam lernen, lachen und die digitale Welt entdecken.
Schlechtes Zeugnis: Die PISA-Studie attestiert den 15-Jährigen hierzulande im Schnitt deutliche Defizite in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Foto: Vittorio Gravino/stock.adobe.com

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • In Rheinland-Pfalz wurden bis Ende Juli 2026 deutlich mehr Ausbildungsstellen als Bewerber gemeldet: 21.100 Stellen standen 18.700 registrierten Bewerbern gegenüber. Gleichzeitig steigt die Zahl der Vertragslösungen bundesweit – auf 30 Prozent.
  • Die Chemie- und Pharmaindustrie bietet attraktive Ausbildungsbedingungen und gute Aufstiegschancen. Viele Jugendliche kennen diese Perspektiven jedoch nicht und entscheiden sich deshalb eher für weiterführende Schulen, ein Studium oder vertraute Berufe.
  • Unternehmen reagieren mit neuen Strategien: Sie achten stärker auf Motivation und persönliche Passung, senken teilweise die Anforderungen an Schulnoten und investieren mehr Zeit in Betreuung, Nachhilfe und sozialpädagogische Unterstützung.

Betriebe bilden aus – trotz Krise 

Für die Chemie- und Pharmaindustrie in Rheinland-Pfalz ist Ausbildung kein Selbstzweck, sondern eine strategische Investition in die Zukunft. Die Branche produziert heute rund 15 Prozent weniger als 2018 – und bildet entsprechend auch weniger aus. Dennoch: 79 Prozent der Unternehmen halten ihr Ausbildungsengagement stabil oder bauen es sogar aus. 

Sie bieten Ausbildungsplätze in rund 50 Berufen – von Labor- und Produktionsberufen über IT- bis hin zu Gastronomieberufen. 

Viele Stellen bleiben unbesetzt 

In Rheinland-Pfalz gibt es weit mehr Ausbildungsplätze als Bewerber: Vom Beginn des Beratungsjahres im Oktober 2025 bis Ende Juli wurden bei den Arbeitsagenturen insgesamt 21.100 Ausbildungsstellen gemeldet, aber nur 18.700 Bewerber haben sich registrieren lassen. Damit kommen rechnerisch auf 100 unbesetzte Ausbildungsstellen nur 89 Bewerber. 

Die Gründe: Die Zahl der Schulabgänger sinkt. Und immer mehr junge Menschen entscheiden sich für andere Wege als eine Ausbildung. „Der Trend, weiterführende Schulen zu besuchen oder ein Studium aufzunehmen, setzt sich ungebrochen fort“, sagt Heidrun Schulz, Chefin der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz Saarland der Bundesagentur für Arbeit. Dazu kommen Passungsprobleme: Qualifikationen und Interessen der Jugendlichen treffen nicht auf die richtigen Angebote.

Die Branche ist attraktiv – doch viele Jugendliche wissen das nicht

Azubis in der Chemie- und Pharmaindustrie in Rheinland-Pfalz verdienen zwischen 1.147 und 1.486 Euro monatlich, dazu kommen 700 Euro Urlaubsgeld und über 1.000 Euro Weihnachtsgeld. In vielen anderen Branchen sind die Vergütungen deutlich niedriger. Auch die Perspektiven stimmen: Aus Azubis werden Teamleiter, Abteilungsleiter – manchmal sogar Geschäftsführer.

Nach drei Jahren Ausbildung liegt das tarifliche Einstiegsgehalt bei 3.574 Euro im Monat. Wer sich nach einer dualen Berufsausbildung weiterbildet, kann auch mehr als 4.500 Euro verdienen.  

Das Problem: Viele Jugendliche wissen das nicht. Laut McDonald’s Jugendstudie glauben nur 48 Prozent der 15- bis 24-Jährigen, dass sich Leistung lohnt und Aufstieg möglich ist. Nur ein Drittel empfindet die Berufswahl als einfach. Es fehlt an Praxisbezug und Orientierung – deshalb landen viele beim Bekannten: kaufmännische Berufe, Kfz-Mechatroniker.

Die Schule bereitet nicht ausreichend aufs Berufsleben vor

Die neueste PISA-Studie zeigt auf: Deutschlands 15-Jährige erreichen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften die niedrigsten Werte seit Beginn dieser Erhebungen. Rund ein Drittel verfehlt beim Lesen und in Mathematik das grundlegende Kompetenzniveau, in den Naturwissenschaften ist es etwa ein Viertel; rund ein Fünftel erreicht in keinem der drei Bereiche ausreichende Basiskompetenzen.

Für Unternehmen verschärft das die Suche nach Schulabgängern mit tragfähigen Grundlagen in Lesen, Rechnen und naturwissenschaftlichem Denken.

87 Prozent der Betriebe bundesweit bemängeln die Ausbildungsvoraussetzungen von Bewerbern – das zeigt die DIHK-Ausbildungsumfrage 2025. Konkret: 56 Prozent stellen oft oder immer mangelnde Belastbarkeit fest, 51 Prozent bemängeln fehlende Disziplin und 43 Prozent sehen Defizite bei elementaren Rechenfähigkeiten. Viele Unternehmen machen deshalb Kompromisse, um Ausbildungsplätze überhaupt besetzen zu können – branchenübergreifend.

So reagieren Unternehmen laut einer Umfrage des IW Köln und der Bertelsmann-Stiftung auf die Besetzungsprobleme:

81 Prozent: „Wir legen weniger wert auf gute Noten und mehr Wert darauf, dass Bewerber zu uns passen“

67 Prozent: „Wir stellen auch Jugendliche ein, die nicht über alle geforderten Kompetenzen verfügen“

44 Prozent: „Die Vielfalt unserer Bewerber und die damit verbundenen Anforderungen für unsere Ausbilder haben sich deutlich erhöht“

36 Prozent: „Wir stellen auch Jugendliche ein, die erheblichen Unterstützungs- und Förderbedarf haben“

Bundesweit wird fast jeder dritte Vertrag wieder gelöst

30 Prozent aller Ausbildungsverträge werden bundesweit quer durch alle Branchen vorzeitig gelöst, egal ob von Arbeitgeberseite oder vom Azubi. 2020 waren es noch 25 Prozent. Die Gründe sind laut Bundesinstitut für Berufsbildung komplex. Betriebe nennen vor allem Defizite bei Berufsorientierung und Leistungsbereitschaft. Jugendliche klagen über Kommunikationsprobleme, Konflikte und schlechte Arbeitsbedingungen.

Auffällig: Je mehr Ausbildungsplätze es gibt, desto häufiger kommt es zu Vertragslösungen. BIBB-Forscher vermuten, dass ein Wechsel in einen anderen Beruf dann leichter fällt. Für die Betriebe ist das ein Problem – sie planen langfristig mit ihren Azubis. In der Chemie- und Pharmaindustrie in Rheinland-Pfalz werden 95 Prozent der Azubis übernommen – eine der höchsten Quoten überhaupt.

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