Das Wichtigste auf einen Blick:
- Bei Röchling Industrial in Nentershausen ist die Besetzung der Ausbildungsplätze schwieriger geworden – trotz Schulbesuchen, Ausbildungsmessen und Tagen der offenen Tür.
- Deshalb hat das Unternehmen über das Netzwerk „Spa(n)nende Perspektiven“ zwei junge Männer aus Ruanda als Azubis in den Westerwald geholt.
- Röchling Industrial hat gute Erfahrungen mit den Azubis aus Ruanda und bildet auch im aktuellen Ausbildungsjahr wieder zwei junge Leute aus Afrika aus.
Wenn Sven Fischer (32) im Ausbildungszentrum einen Arbeitsgang an der Fräsmaschine erklärt, wird es still. Die Auszubildenden rücken näher, beobachten jeden Handgriff. Eine Szene, wie sie sich täglich in vielen Betrieben abspielt. Und doch erzählt sie in Nentershausen eine besondere Geschichte. Denn die Gruppe, die sich um die Maschine versammelt, steht sinnbildlich für den Wandel auf dem Ausbildungsmarkt. Sie ist die Antwort auf eine Frage, die viele Unternehmen beschäftigt: Woher soll unser Nachwuchs kommen, wenn immer weniger junge Menschen eine Ausbildung beginnen?
Bei Röchling Industrial im Westerwald lautet die Antwort inzwischen: von dort, wo man früher nicht gesucht hätte. Einer der Azubis ist schon über 40 Jahre alt. Zwei weitere kommen aus Ruanda.
Nicht alle Ausbildungsplätze können besetzt werden
Nentershausen ist kein großes Industriecluster, steckt aber voller Chancen. 2.000 Einwohner, viel Grün, Vogelgezwitscher. Am Ortsrand der moderne Standort von Röchling Industrial: Hier arbeiten rund 60 Leute. In der Werkhalle entstehen Fertigteile aus Hochleistungs-Kunststoffen für industrielle Anwendungen – die Entwicklungschancen für die Belegschaft sind spitze. Fünf Ausbildungsplätze könnte Röchling jedes Jahr besetzen. Meistens werden nur drei vergeben.
Intensive Nachwuchsgewinnung
Sven Fischer ist für die Ausbildung am Standort verantwortlich. Mit seinem Team investiert er viel Zeit in die Nachwuchsgewinnung: Schulbesuche, Ausbildungsmessen und Tage der offenen Tür gehören zum Alltag. Fischer organisiert sogar teilweise Fahrdienste für Schulklassen, damit sie den Standort kennenlernen können. Der Aufwand ist groß. Die Zahl der Bewerbungen überschaubar.
Viele Lehrer empfehlen ein Studium
Irenaeus Jost (44) verantwortete fast 20 Jahre das Thema Ausbildung standortübergreifend und ist heute bei Röchling Industrial Lahnstein Teamleiter HR. „Viele Eltern und Lehrkräfte empfehlen jungen Menschen in erster Linie ein Studium“, erklärt er. „Gleichzeitig haben Jugendliche heute deutlich mehr Möglichkeiten als früher und entscheiden sich schneller um, wenn ihre Erwartungen nicht sofort erfüllt werden.“ Hinzu komme, dass Durchhaltevermögen und Leistungsbereitschaft nicht immer selbstverständlich seien. Besonders deutlich wurde diese Entwicklung, als ein kompletter Jahrgang die Ausbildung abbrach. Für das Unternehmen war klar: Neue Wege mussten gefunden werden.
Nachwuchs aus Ruanda
Eine Möglichkeit bietet das Projekt „Spa(n)nende Perspektiven“. Es vermittelt Absolventinnen und Absolventen
ruandischer Sekundarschulen an deutsche Unternehmen mit technischem Ausbildungsbedarf. Die Teilnehmenden sind im Schnitt etwa 20 Jahre alt, verfügen über einen Bildungsstand, der mit einem deutschen Realschulabschluss vergleichbar ist, und reisen mit Deutschkenntnissen auf B1-Niveau an.
Seit 2025 absolvieren Jean Claude Byiringiro und Amani Harindimana ihre Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker mit der Fachrichtung Drehen und Fräsen bei Röchling Industrial. „Die Ausbildung macht mir viel Spaß“, sagt Byiringiro.
Motivation als Schlüssel zum Erfolg
Für Fischer ist vor allem die Lernbereitschaft der beiden jungen Männer beeindruckend. „Einmal haben sie einen Sachverhalt nicht vollständig verstanden. Statt abzuwarten, haben sie sich nach Feierabend selbst informiert. Am nächsten Tag konnten sie das Thema vollständig erklären.“
Diese Eigeninitiative sei es, die Unternehmen heute suchten. Die größten Herausforderungen lagen in der Wohnungssuche. „Leider mussten wir feststellen, dass es teilweise Vorbehalte gegenüber ausländischen Bewerbern gab – ohne uns als Arbeitgeber wäre kein Mietvertrag zustande gekommen“, berichtet Fischer, der die Suche persönlich unterstützte. Viele weitere organisatorische Aufgaben meisterten die beiden Auszubildenden eigenständig.
Die Aufstiegschancen sind super
Dass sich eine Ausbildung hier lohnen kann, belegen die Biografien im Haus. Jost und Fischer haben beide selbst als Azubis bei Röchling begonnen. „Auch viele unserer Führungskräfte beziehungsweise Geschäftsführer haben bei uns eine Ausbildung abgeschlossen, teils wurden sie von mir mitausgebildet“, sagt Jost.
Zwei weitere Ruander starten dieses Jahr
Zwei weitere junge Menschen aus Ruanda bereiten sich bereits auf ihren Ausbildungsstart in Nentershausen vor. Für Röchling Industrial ist dieser Weg längst keine außergewöhnliche Lösung mehr, sondern ein wichtiger Baustein der Fachkräftesicherung.
Das Unternehmen
Der Standort in Nentershausen gehört zur Röchling Industrial Lahnstein SE & Co. KG. Gemeinsam mit dem Werk in Lahnstein bildet er das Kompetenzzentrum für Hochleistungs-Kunststoffe innerhalb von Röchling Industrial. Die Produkte kommen unter anderem in Branchen wie Maschinenbau, Medizintechnik, Elektronik und Lebensmittelherstellung zum Einsatz.