Das Wichtigste in Kürze
- Praxis statt Theorie: Direkte Einblicke in Betriebe helfen Jugendlichen, MINT-Berufe kennenzulernen und Berührungsängste abzubauen.
- Früher Kontakt lohnt sich: Unternehmen gewinnen potenzielle Nachwuchskräfte und stärken ihre Arbeitgebermarke.
- Vor Ort präsent: Die 35 regionalen Netzwerke in Rheinland-Pfalz bieten jedem Unternehmen einen passenden Einstieg, in puncto Berufsorientierung aktiv zu werden.
Herr Kafitz, was ist der konkrete Nutzen der Vernetzung von Schule und Wirtschaft – hätten Sie ein Praxisbeispiel?
Berufsorientierung entfaltet ihre größte Wirkung dort, wo sie praktisch erlebbar wird. Jugendliche treffen ihre Berufswahl selten allein auf Grundlage von Informationen aus Broschüren oder dem Internet. Entscheidend sind echte Einblicke in die Arbeitswelt – in Betriebsabläufe, Berufe und mit Hilfe von Menschen, die diese Berufe mit Leben füllen.
Genau hier setzt SCHULEWIRTSCHAFT an. Unsere regionalen Netzwerke schaffen verlässliche Verbindungen zwischen Schulen und Unternehmen. Wir ermöglichen Schulen den Zugang zu Unternehmen und umgekehrt. So entstehen Begegnungen, die im Schulalltag oft nicht oder nur mit erheblichem organisatorischem Aufwand möglich wären.
Ein gutes Beispiel sind Betriebsbesichtigungen mit Gesprächen zwischen den Jugendlichen, Azubis und Fachkräften. Die Schülerinnen und Schüler erleben moderne Produktions- und Laborumgebungen, lernen innovative Technologien kennen und erhalten Antworten auf Fragen, die im Unterricht oder in der klassischen Berufsberatung häufig offenbleiben. Das baut Berührungsängste ab und führt nicht selten zu Praktika oder späteren Ausbildungsverhältnissen.
Woher stammen die Berührungsängste?
Viele der Jugendlichen, die sich heute mit ihrer Berufsorientierung beschäftigen, haben einen Teil ihrer Schulzeit während der Pandemie erlebt. Nach unserer Beobachtung fällt einigen dieser jungen Leute der 1:1 Kontakt schwer. Bei Betriebsbesichtigung erfahren sie im Gespräch mit fast Gleichaltrigen: Die sind ja genau wie ich, mit denen kann ich mich ganz normal unterhalten.
Warum sind die Eltern wichtig?
Wenn Schülerinnen und Schüler im Unternehmen etwas ausprobieren, zum Beispiel im Labor mit dem Brenner arbeiten, und auch etwas mit nach Hause nehmen können, beispielsweise kleine Arbeitsproben, dann bekommen die Eltern die Begeisterung mit. Eltern sind wichtige Entscheidungsträger in der Berufsorientierung und Berufswahl.
Inwiefern profitieren die Unternehmen von den Netzwerken und den Projekten von SCHULEWIRTSCHAFT?
Sie präsentieren sich als attraktive Arbeitgeber und kommen frühzeitig mit potenziellen Nachwuchskräften in Kontakt. Aus unserer Erfahrung entstehen die erfolgreichsten Ausbildungsverhältnisse dort, wo junge Menschen Unternehmen bereits vor ihrer Bewerbung persönlich kennenlernen konnten.
Woran hapert es in Rheinland-Pfalz beim Übergang von der Schule in industrielle MINT-Berufe?
Die größte Herausforderung ist aus meiner Sicht nicht ein mangelndes Interesse junger Menschen an MINT-Berufen, sondern der fehlende Zugang zur Berufspraxis. Viele Schülerinnen und Schüler kennen die Vielfalt industrieller Ausbildungsberufe schlicht nicht oder verbinden Industrie noch mit überholten Vorstellungen. Zum Stichwort Industrie fallen ihnen alte Fabriken ein. Dabei bietet gerade die Chemie- und Pharmaindustrie hochmoderne Arbeitsplätze, die von Digitalisierung, Automatisierung, Nachhaltigkeit und Innovation geprägt sind. Es gibt viele spannende Berufe, aber zu wenige Gelegenheiten, diese kennenzulernen.
Inwiefern verbessert SCHULEWIRTSCHAFT den Übergang von der Schule in Industrieberufe?
Wir verstehen uns als Brückenbauer zwischen Bildung und Wirtschaft. Unsere Aufgabe ist es, Schulen und Unternehmen miteinander zu vernetzen und Bildungspartnerschaften aufzubauen. Gerade industrielle MINT-Berufe gewinnen dadurch an Sichtbarkeit und Attraktivität. Unternehmen wiederum begleiten junge Menschen bereits in einer frühen Phase ihrer Berufsorientierung. Das ist nachhaltige Fachkräftesicherung.
Wenn sich ein Unternehmen in einem Ihrer Netzwerke engagieren möchte, wie startet man?
Der Einstieg ist bewusst niederschwellig. In Rheinland-Pfalz gibt es 35 regionale SCHULEWIRTSCHAFT-Netzwerke. Dadurch finden Unternehmen in nahezu jeder Region einen etablierten Ansprechpartner und ein Umfeld, in das sie sich einbringen können.
In den regionalen Netzwerken überlegen wir, welche Form des Engagements zum jeweiligen Unternehmen passt. Es gibt kein Standardmodell. Viele Kooperationen beginnen mit einem überschaubaren Schritt, etwa einer Betriebsbesichtigung, einem Unternehmensbesuch in der Schule, der Mitwirkung an einer Berufsorientierungsveranstaltung oder dem Angebot von Praktikumsplätzen. Nicht selten entwickeln sich daraus langfristige Bildungspartnerschaften.
Im Unternehmen sind häufig die Ausbildungsleitung, die Personalabteilung oder das Ausbildungsmarketing die ersten Ansprechpartner. Besonders authentisch wird Berufsorientierung jedoch dann, wenn Auszubildende, Ausbilderinnen und Ausbilder oder Fachkräfte selbst Einblicke in ihren Berufsalltag geben. Diese sollten daher mitmachen.
Welche MINT-Impulse setzen Ihre Projekte?
In Rheinland-Pfalz gibt es eine beeindruckende Vielzahl innovativer, beispielhafter und wirkungsvoller MINT-Projekte. Darauf bin ich besonders stolz. Denn sie zeigen, welches Potenzial entsteht, wenn Wirtschaft und Schule ihre Kompetenzen zusammenbringen und Berufsorientierung gemeinsam praxisnah gestalten.
Die Bandbreite reicht von Betriebsbesuchen und Praxistagen über Schülerprojekte mit Unternehmen, Lehrerbetriebspraktika und Technik-Workshops bis hin zu Formaten, in denen Azubis ihre Berufe direkt in den Schulen vorstellen. In regionalen Netzwerken entstehen passgenaue Lösungen mit hoher Praxisrelevanz und bleibender Wirkung.
Zu den Netzwerken von SCHULEWIRTSCHAFT: Karte, Liste und Infos