Das Wichtigste auf einen Blick:
- In der Gesellschaft wird Jugendlichen oft die Verantwortung abgenommen, sagt Rüdiger Maas. Die Folge ist, dass Azubis im Betrieb sich oft nicht zuständig fühlen.
- Das Onboarding entscheidet auch darüber, ob Jugendliche bleiben – und sollte deshalb gut vorbereitet sein.
- Gen Alpha lernt schnell, braucht aber Erlebnisse. Praktische Erfahrungen vor Ort begeistert mehr als Imagekampagnen.
Viele sagen, die Gen Z habe ein anderes Verhältnis zur Arbeit. Stimmt das?
Es kommt immer auf die Perspektive an. Vier-Tage Woche, Work-Life-Balance – das hat nicht die Gen Z erfunden, sondern ihre Vorgängergenerationen. Die Jungen nehmen dankbar an, was man ihnen anbietet. Klar ist auch: Wir Älteren treiben sie dazu, arbeitsscheu und -unfähig zu sein, indem wir ihnen alles erleichtern.
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Das Gespräch mit Rüdiger Maas in voller Länge können Sie sich auch als Podcast anhören!
Podcast Teil 1: Erfahren Sie unter anderem, was junge Menschen heute wirklich antreibt, warum sichere Jobs und gute Bezahlung allein nicht mehr reichen und was das für die Arbeitswelt in der chemischen Industrie bedeutet.
Podcast Teil 2: Jetzt kommt Generation Alpha in die Arbeitswelt. Was kommt da auf die Betriebe zu?
Ist das ein gesellschaftliches Problem?
Genau. Wir nehmen unseren Kindern ja auch als Eltern alles Mögliche ab, viele fahren sie zum Beispiel zur Schule. Die Folge: Im Betrieb ewarten Jugendliche, dass immer jemand da ist, der sie einarbeitet und begleitet. Und wenn’s nicht klappt, fühlen sie sich nicht verantwortlich.
Viele Betriebe laden inzwischen auch weniger gut geeignete Bewerber ein …
Das hat zur Folge, dass die jungen Leute auch nicht mehr besonders stolz sind, wenn sie ausgewählt werden. Sie wissen: Auch viele andere Optionen wären für sie offen gewesen. Also fragen sie sich von Anfang an – war das wirklich der beste von all den Ausbildungsplätzen, die ich hätte bekommen können? Die Bereitschaft, eine Ausbildung abzubrechen, ist heute viel höher, auch, weil es so viele Optionen gibt.
Wonach wählen Jugendliche ihren Ausbildungsplatz aus?
Das Wichtigste ist ihnen ein angenehmes Arbeitsklima und Vertrauen zu den Ausbildern. Karriere oder langfristige Ziele interessieren kaum, weil sich in ihrer Welt permanent alles überholt. Was heute „in“ ist, ist morgen „out“. Also denken sie nicht mehr daran, dass sie 20 Jahre im Unternehmen bleiben wollen.
Auch die Generation Alpha steht schon kurz vor dem Berufsleben. Was prägt sie?
Für sie ist es normal, KI zu nutzen. Aber nicht als Sparringspartner. Sie lassen ChatGPT einen Aufsatz schreiben und geben ihn eins zu eins ab. Wenn sie aber mal ohne KI etwas herausfinden sollen, sind sie deutlich langsamer als ihre älteren Kollegen, erfahrungsunabhängig. Sie tun sich auch schwer, länger bei etwas zuzuschauen. Sie müssen schnell ins Doing kommen und ein Feedback bekommen.
Ist es ein guter Zug für Unternehmen, auf Tiktok präsent zu sein?
Viele denken, wenn unser Account witzig ist, kommen die Jungen von selbst. Die sind aber nicht naiv – sie wissen ja, dass Arbeit nicht nur Spaß ist. Analoge Wege funktionieren meiner Meinung nach immer noch am besten, wie Ausbildungsmessen und Schulbesuche. Betriebe müssen auch die Eltern für sich gewinnen. Und das gelingt sogar gut über Social Media, weil Mütter und Väter nicht so schnell weiterswipen wie ihre Kinder.
Was sind die größten Fehler beim Onboarding?
Dass niemand im Team informiert ist, dass eine neue Person dazukommt. Dass der Ausbilder nicht da ist. Dass unklar ist, was zu tun ist. Solche Eindrücke bleiben. Und es braucht dann nicht mehr viel, bis jemand abbricht. Onboarding sollte wie ein Kindergeburtstag sein: Alle wissen, dass jemand kommt. Man freut sich, nennt die Neuen beim Namen.
Müssen Ausbilder mit Kritik vorsichtig sein?
Viele scheuen sich, Kritik auszusprechen. Das ist ein Fehler. Die jungen Leute können damit umgehen. Wichtig ist: Kritik nicht auf die Person beziehen, sondern auf die Arbeit.
Wie lassen sich junge Menschen speziell für die Chemie- und Pharmaindustrie begeistern?
Viele haben ein veraltetes Bild der Branche. Dabei ist ein moderner Arbeitsplatz für sie sogar wichtiger als das Gehalt. Am besten zeigt man ihnen alles vor Ort. Etwas mit den Händen zu tun, macht vielen Spaß.
Unsere Chemie- und Pharmaindustrie ist in vielen Bereichen noch immer führend. Das wissen viele aber nicht. Während Deutschland permanent schlechtgeredet wird, muss die Industrie viel lauter für sich werben. Die Botschaft muss sein: In der Industrie kannst du etwas bewegen und deine Träume verwirklichen.
Zur Person
Rüdiger Maas, Jahrgang 1979, ist ein bekannter Generationenforscher. Der Psychologe und Philosoph mit zahlreichen internationalen Erfahrungen erforscht generationenbedingtes Verhalten. 2017 gründete er mit seinem Bruder Hartwin Maas das Institut für Generationenforschung in Augsburg. Maas berät Unternehmen, Führungskräfte und Institutionen und ist Autor mehrerer Sachbücher, darunter der Bestseller „Generation lebensunfähig“.