Politik & Wirtschaft

Forschung und Innovation: Warum die Zukunft heute beginnt

· Lesezeit 4 Minuten.
Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung, steht bei einer VCI-Pressekonferenz vor dem Logo des Verbands der Chemischen Industrie.
Warnt vor einem Sparkurs bei Forschung und Innovation: Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung. Foto: VCI

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Gerade in Krisenzeiten entscheidet sich, ob Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit von morgen sichern. 
  • Der VCI warnt vor einem Sparkurs bei Forschung und Entwicklung: Deutschland verliert international an Boden. 
  • Für die Branche braucht es schnellere Verfahren, weniger Bürokratie und eine abgestimmte Innovationspolitik.

Es klingt paradox: Gerade in Krisenzeiten, wenn Märkte unter Druck stehen, die Kosten steigen und Arbeitsplätze in Gefahr sind, ist für Unternehmen die richtige Zeit für Forschung. Warum das so ist, erklärte jetzt der Verband der Chemischen Industrie (VCI) bei einer Pressekonferenz. „Forschung und Innovation machen die guten Zeiten von morgen erst möglich“, sagte Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung. 

Szenarioanlayse zeigt: Ein Sparkurs ist fatal

Eine umfangreiche Szenarioanalyse des Verbands zeigt: Die Industrie kann sich nicht in die Zukunft sparen, sondern muss sich in die Zukunft innovieren. Denn wenn Unternehmen Innovationen auf die lange Bank schieben, verliert die Branche langfristig an Wettbewerbsfähigkeit. 

Und: Ein Sparkurs kann einen negativen Kreislauf auslösen. Weniger Innovation führt zu weniger Wettbewerbsfähigkeit, geringeren Investitionen und noch weniger Spielraum für Forschung. 

Forschungsbudgets verschieben sich

Doch die Forschungspläne der Branche trüben sich aktuell ein: Nach Angaben des VCI rechnen 29 Prozent der Chemie- und Pharmaunternehmen für das laufende Jahr damit, dass ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Standort Deutschland zurückgehen. Nur noch knapp jedes fünfte Unternehmen plant mit steigenden Budgets am heimischen Standort. Dagegen wollen 41 Prozent der Unternehmen ihre Etats im Ausland aufstocken.

Die Herausforderung: Trotz schwierigerer Rahmenbedingungen mit anderen Ländern mithalten

Der Standort Deutschland verfügt laut Wessel über „weltweit einzigartige Trümpfe“: vor allem Innovative Unternehmen mit langer Tradition, eine exzellente Forschungslandschaft, ein starkes industrielles Netzwerk und gut ausgebildete Fachkräfte. Doch die Rahmenbedingungen seien in anderen Ländern vielfach besser. 

Warum der internationale Wettbewerb härter wird 

Das zeigen auch die vom VCI präsentierten Zahlen. Der Anteil der Branche an den globalen Ausgaben für Forschung und Entwicklung ging von 2010 bis 2025 zurück – von 6,5 Prozent auf 4,2 Prozent. Ihr Anteil an den weltweiten Patenten hat sich von 14 Prozent im Jahr 2010 auf 7,6 Prozent im Jahr 2024 fast halbiert. 

„Wir beobachten, dass andere Länder so genannte integrierte Innovationssysteme aufbauen“, erklärt Wessel. „Sie denken Forschung, Entwicklung Regulierung und Produktion als Einheit.“ Die Wettbewerbsländer stellten sich damit strategischer auf.

Was andere Länder besser machen

Wessel verwies unter anderem auf die Biotechnologie. Die USA diskutieren ein eigenes Biotechnologie-Koordinierungsbüro im Executive Office des Präsidenten. Südkorea richtet ein präsidial geführtes National Bio Committee ein. Japan steuert seine Bioökonomiestrategie ressortübergreifend über das Cabinet Office.

China verfolgt eine besonders zielstrebige Innovationsstrategie. Nach Angaben des VCI hat das Land seinen Anteil an den weltweiten Patentanmeldungen in Chemie und Pharma von 2010 bis 2024 nahezu vervierfacht.
Für Wessel steht deshalb fest: „Die Anstrengungen und Ideen unserer Unternehmen allein reichen künftig nicht mehr.“ Strategisches Forschungsdenken müsse stärker in politisches Denken und Handeln integriert werden – und das deutlich schneller als bisher.

Hierzulande bremsen besonders Bürokratie und langsame Verfahren die Betriebe

Eine aktuelle Umfrage des VCI unter seinen Mitgliedsunternehmen zeigt: 82 Prozent der Unternehmen fühlen sich spürbar gebremst durch Bürokratie, 70 Prozent durch langsame Verfahren etwa bei Genehmigungen. 

Wessel sieht im Reformpaket der Bundesregierung einen ersten Schritt, fordert aber eine abgestimmte Innovationspolitik. Chemie-, Pharma- und Biotechnologiestrategien müssten verlässlich finanziert und durch klare industriepolitische Leitplanken zu wettbewerbsfähiger Produktion führen. „Deutschland braucht jetzt den Mut, Zukunft nicht nur zu verwalten, sondern zu gestalten.“ 

Ein Beispiel aus Rheinland-Pfalz

Wie sich Innovation, Standortentwicklung und Beschäftigtenperspektiven verbinden lassen, zeigt Renolit in Worms. Das Unternehmen investiert 130 Millionen Euro in den Standort und setzt dabei auf KI, digitale Zwillinge und erneuerbare Energien. Zugleich verbindet Renolit die geplante Zusammenlegung der Werke Worms und Frankenthal mit Arbeitsplatzangeboten für die Beschäftigten und einer intensiven Kommunikation mit der Belegschaft. 

 

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