Das Wichtigste auf einen Blick:
- Unternehmen der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie sehen den Standort politisch ausgebremst: Laut einer Umfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) vermissen mehr als 80 Prozent eine ausreichende politische Antwort auf Deindustrialisierungsrisiken.
- Investitionen als Warnsignal: In der Chemie- und Pharmaindustrie dürften die Sachanlageninvestitionen 2026 zum dritten Mal in Folge sinken.
- VCI-Präsident Markus Steilemann betont: Deutschland habe trotz Krise „industrielle Substanz und Innovationskraft“ – entscheidend sei jetzt ein Mentalitätswechsel hin zu mehr Offenheit, Veränderungsbereitschaft und Eigenverantwortung.
Rückgang bei Produktion und Umsatz
Die Zahlen sind klar: Im ersten Halbjahr 2026 lag die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland rund drei Prozent unter dem Vorjahresniveau. Anlagen laufen nicht ausgelastet, Margen stehen unter Druck, Energie- und Rohstoffkosten steigen erneut. Beim Umsatz verzeichnet die Branche mit 106 Milliarden Euro ein Minus von rund einem Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Und der Ausblick ist kaum besser: Für das Gesamtjahr 2026 rechnet der Verband der Chemischen Industrie (VCI) mit einem Produktionsminus von 1,5 Prozent.
„Die Halbjahresbilanz ist enttäuschend“, fasst VCI-Präsident Markus Steilemann zusammen. „Eine leichte Belebung ist kein Grund zur Entwarnung. Dafür sind vor allem Sondereffekte aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen in Nahost verantwortlich. Wir erleben nur eine Atempause, keine Trendwende. Grundsätzlich bin ich aber weiter von dem großen Potenzial unserer Branche als Treiber für die notwendige Transformation zu Nachhaltigkeit und Resilienz überzeugt.“
Note mangelhaft für Berlin und Brüssel
Das Herzstück der diesjährigen Halbzeitbilanz ist eine aktuelle Umfrage unter den VCI-Mitgliedsunternehmen. Die Ergebnisse sind alarmierend:
- Mehr als 80 Prozent der befragten Unternehmen sehen die Risiken einer Deindustrialisierung politisch nicht ausreichend berücksichtigt.
- Fast 80 Prozent erleben politische Entscheidungen als sprunghaft oder unberechenbar.
- 75 Prozent halten die bisherigen industriepolitischen Anreize, Förderprogramme und Transformationshilfen für unwirksam.
Die Konsequenz: Im Schnitt vergeben die Mitgliedsunternehmen an die Politik in Berlin und Brüssel die Note „mangelhaft". Als größte Investitionshemmnisse nennen sie hohe Produktionskosten – allen voran im Zusammenhang mit Energie und Klimapolitik –, mangelnde Verlässlichkeit der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und den wachsenden internationalen Wettbewerbsdruck.
Deutschland fällt bei den Investitionen zurück
Diese Zahlen stehen nicht für sich: Laut einer McKinsey-Studie lagen die produktiven Nettoinvestitionen in Deutschland 2024 bei nur noch 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung – Schlusslicht unter 34 führenden Industrie- und Schwellenländern. Gemeint sind Investitionen in zusätzliche Kapazitäten, Innovationen sowie Produktivität und Effizienzsteigerung.
Zum Vergleich: In der EU waren es 2 Prozent, in den USA 4 Prozent, in China 23 Prozent. Die Sachanlagen-Investitionen der chemisch-pharmazeutischen Industrie gehen in diesem Jahr voraussichtlich zum dritten Mal in Folge zurück – sie liegen rund 15 Prozent unter dem Niveau von 2023.
Reformpaket ist erster Schritt – jetzt darf es nicht bei Einzelmaßnahmen bleiben
Steilemann erkennt an, dass das Reformpaket der Bundesregierung „der erste ernsthafte Versuch seit Jahren“ sei, „die regulatorischen Ketten des Standorts Deutschland zu sprengen“. Entscheidend sei jetzt, dass daraus eine umfassende Strukturreform werde: „Dieser Kurs muss konsequent fortgesetzt werden. Zusätzliche Belastungen würden die Lage weiter verschärfen.“
Der Verband fordert unter anderem wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, niedrigere Arbeitskosten, schnellere Genehmigungen und weniger Bürokratie.
Was die Branche jetzt braucht
Trotz der anhaltenden Krise sieht der VCI weiterhin Potenzial für Deutschland als Industriestandort. Steilemann sagt: „Deutschland hat die industrielle Substanz und die Innovationskraft. Jetzt ist die Zeit, diese Stärken wieder zur Entfaltung zu bringen.“
Dafür brauche es auch „einen Mentalitätswandel hin zu mehr Offenheit, Veränderungsbereitschaft und Eigenverantwortung“ – und die Einsicht, „dass die Kosten des Nicht-Handelns größer werden als die Kosten gemeinsamer Reformen“.