Reportagen

Boehringer Ingelheim integriert Flüchtlinge

Unternehmen wie Boehringer Ingelheim setzen auf Diversity – etwa bei Flüchtlingen.

von Sabine Latorre

· Lesezeit 4 Minuten.
Der syrische Flüchtling Anas Dababo
Gut integriert: der syrische Flüchtling Anas Dababo von Boehringer Ingelheim. Foto: Florian Lang

Um so einen Mitarbeiter würden sich viele Unternehmen reißen: 25 Jahre, klug, wissbegierig, engagiert, Teamplayer und beliebt bei den Kollegen. Noch dazu einen Mitarbeiter, der schon gezeigt hat, wie er sich über kaum vorstellbare Hindernisse und in eine bessere Zukunft kämpft. Einen Mitarbeiter wie Anas Dababo. Mit 17 Jahren floh der Syrer allein über Nordafrika und das Mittelmeer Richtung Deutschland. Fünf Jahre dauerte seine Odyssee, bis er bei dem Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim bei Mainz angekommen war und seine Talente entfalten durfte.

„Ich warte nicht, bis das Lernen auf mich zukommt – ich suche es!“

Das hat einen Grund: Das Unternehmen setzt auf Vielfalt und Inklusion. Und ist bereit, sich in schwierigen Situationen flexibel und unterstützend zu engagieren. „Das war mein Glück“, sagt der junge Mann und erzählt seine abenteuerliche Geschichte. Zwei Gründe hatten ihn zur Flucht bewegt: „Der Krieg und der Wunsch, eine Schule zu besuchen.“ Seine erste Station war Ägypten, wo er als Schneider seinen Lebensunterhalt verdiente: „Aber weiterlernen konnte ich dort nicht.“ Mithilfe von Schleusern floh er 20 Tage zu Fuß durch die Wüste und setzte im Schlauchboot übers Mittelmeer nach Italien über. „Die schrecklichste Zeit meines Lebens.“ Dann ging es weiter nach Deutschland. In Ingelheim setzten ihn die Schleuser ab: „Sag einfach 'Asyl‘“, meinten sie und waren weg.

Sondergenehmigung für die Schule

Ehrgeizig befasste sich der junge Mann sofort mit der Sprache, beobachtete sein Umfeld, suchte sich deutsche Freunde: „Nur so konnte ich lernen, zu sein wie alle anderen hier.“ Bei Boehringer bewarb er sich 2016 um ein Praktikum. Ausbildungsleiter Stefan Hüppe fiel der talentierte Nachwuchs sofort auf. Dababo: „Er ermöglichte mir die Teilnahme am Einstiegsqualifizierungsjahr. Zudem durfte ich mit einer Sondergenehmigung den Schulabschluss machen.“ Schnell erkannte der Syrer, dass man in Deutschland pünktlich sein, den Arbeitsanweisungen folgen und eher leise sprechen sollte. „Das ist in arabischen Ländern ganz anders“, lächelt der angehende Kaufmann für Büromanagement.

Inzwischen ist er im zweiten Ausbildungsjahr, lernt zusätzlich Englisch, darf im Auftrag von Boehringer für ein mehrmonatiges Praktikum nach Argentinien, verstärkt die Ironman-Mannschaft im Betriebssport, gibt in der Freizeit Kinderschwimmkurse und wurde im Jahr 2018 zum „Azubi-Star“ von Rheinland-Pfalz gewählt. „Ich bekomme so viele Chancen“, schwärmt er. Seine Ziele sind ambitioniert: Er will bei Boehringer Ingelheim übernommen werden, die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und studieren. „Gute Leistungen allein reichen aber nicht“, betont Dababo. „Man braucht einen guten Arbeitgeber. Die Kollegen hier hören mir zu, sie unterstützen mich. Das motiviert mich ungemein.“

Flüchtling Anas Dababo an seinem Schreibtisch. Foto: Florian Lang

Solche Erfolgsgeschichten freuen und bestätigen Denise Hottmann, Managerin Diversity & Inclusion. Sie engagiert sich im Unternehmen für eine Kultur der Vielfalt – einen Erfolgsfaktor: „In Deutschland beschäftigen wir 15.000 Menschen aus 78 Nationen. Wir sind extrem bunt, alle sollen sich bei uns wohlfühlen.“ Für das forschende Pharmaunternehmen spiele die Musik im Ausland, nur 5 Prozent der Umsätze würden in Deutschland generiert. „Wenn sich in China, den USA oder Argentinien die Märkte verändern, ist es wichtig, diese Menschen auch intern zu spiegeln“, sagt sie.

Denise Hottmann, Leiterin Divercity & Inclusion bei Boehringer. Foto: Florian Lang

Alle Talente nutzen

Doch es geht beim Thema Vielfalt um viel mehr als die kulturelle Herkunft: „Es geht ums Alter und die Generationen, ums Geschlecht, Behinderungen, sexuelle Orientierung, Religion“, zählt Hottmann auf. Jeder hat andere Talente, möglichst alle will man nutzen: „Studien zeigen, dass heterogene Teams ein höheres Innovationspotenzial haben. Und das brauchen wir dringend.“ Neben Kursen und lebendigen Treffen pflegt man daher eine wertschätzende Kommunikation und setzt auf interne Netzwerke. Wie das „Regenbogennetzwerk“ für Menschen jeglicher sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität oder Ausdrucksweise.

Neben Kursen und lebendigen Treffen pflegt man daher eine wertschätzende Kommunikation und setzt auf interne Netzwerke. Wie das „Regenbogennetzwerk“ für Menschen jeglicher sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität oder Ausdrucksweise.

Anas Dababo genießt die offene Atmosphäre. Und inhaliert Kultur und Wissen, wo es nur geht: „Man kann das Lernen auch suchen“, sagt er bestimmt. „Ich warte nicht, bis es auf mich zukommt!“

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