Reportagen

Vom Senior-Azubi zum Spezialisten

Ein Spätstarter macht Karriere bei Profine.

von Matilda Jordanova-Duda

· Lesezeit 4 Minuten.

Vitor Pereira schnürt die Sicherheitsschuhe. Im Gepäckraum seines Wagens hat er einen Blaumann, aber auch Hemd und Krawatte dabei. So ist er für jeden Einsatz gerüstet. „Ich kann heute an der Maschine werkeln, morgen mit dem Geschäftsführer in einer Runde sitzen“, sagt der technische Berater von Profine. Das Unternehmen aus Pirmasens, ein führender Hersteller von PVC-Fensterprofilen, hat eine Handvoll Außendienstler wie Pereira, die bundesweit für den technischen Service zuständig sind. Pereira bereist Nordrhein-Westfalen, um Fenster- und Türenbauern bei der Einrichtung der Maschinen zu helfen, Schulungen durchzuführen oder Probleme zu beheben. Auch auf Messen präsentiert er Profine und berät Interessenten. „Ich trage viel Verantwortung“, weiß der 48-Jährige.

Dabei hilft ihm seine Lebenserfahrung. Denn dass er eines Tages ein gefragter Spezialist sein würde, hätte er sich kaum erträumen können. Nach der Hauptschule wollte er nämlich nur eins: schnell Geld verdienen. Als Hilfskraft arbeitete er 17 Jahre beim Nähmaschinenhersteller Pfaff. Bei einer Kündigungswelle verlor er seinen Job – und fand als Ungelernter lange keinen neuen. „Mein Bestreben war, die fehlende Ausbildung nachzuholen. Ich wollte lernen, egal was. Ich war nicht in der Position zu wählen“, sagt Pereira. Nach zahlreichen abgelehnten Bewerbungen landete er bei Profine: Dort wagte man den Versuch und nahm den damals 36-jährigen Familienvater als Azubi an.

Kollegen, die seine Kinder sein könnten
 

Hier machte er die Ausbildung zum Verfahrensmechaniker Fachrichtung Kunststofftechnik. Gemeinsam mit Kollegen, die seine Kinder hätten sein können. In der Berufsschule hielt man den Senior-Azubi oft für einen Lehrer. „Dann haben sie schnell die Zigaretten ausgedrückt“, erzählt er. Obwohl Pereira viele Grundlagen fehlten, hielt er durch und schloss als Jahrgangsbester der IHK Pfalz ab. Es war allerdings die Zeit der Wirtschaftskrise und Profine hatte vorübergehend einen Einstellungsstopp.  Also wechselte der frischgebackene Verfahrensmechaniker zu einer Fensterbau-Firma.

Nach nur einem Jahr konnte Pereira zu Profine in die Abteilung Muster -und Modellbau zurückkehren. Jedoch hatte er für sich eine Lehre gezogen: „Für die Zukunft reicht meine Ausbildung nicht aus: Das ist mir zu unsicher.“ Eine Weiterbildung musste her. Daher entschied Pereira, inzwischen in den 40ern, sich berufsbegleitend zum staatlich geprüften Maschinenbautechniker weiterzuqualifizieren. Die nächsten vier Jahre bedeutete dies: Nach Feierabend für Prüfungen lernen, diese in regelmäßigen Abständen sonntags in Karlsruhe absolvieren und dazwischen für Blockveranstaltungen nach Würzburg pendeln. „Das war nicht einfach, weil ich zeitgleich in den Außendienst der Anwendungstechnik gewechselt war. Ich arbeitete nun im Homeoffice, hatte viel Kundenkontakt, war an vier Tagen die Woche unterwegs und trug wesentlich mehr Verantwortung“, erinnert er sich. Im Herbst 2017 hat er schließlich alle Prüfungen im ersten Anlauf bestanden und mit einer Zwei vor dem Komma abgeschlossen.

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Machen ihn Engagement und Durchhaltevermögen zum Vorbild? „Damit tue ich mich schwer“, sagt der Techniker. „Für Leute in meinem Alter vielleicht, die ihre zweite Chance nutzen wollen. Für die Jugend auf keinen Fall: Einen Beruf sollte man am besten erlernen, wenn man jung ist, geistig und körperlich fit.“ Dann falle einem das auch leichter. Er litt körperlich unter dem Stress, verzichtete vier Jahre lang quasi auf Freizeit. Aber unterm Strich hat sich alles gelohnt: „Ich bin jetzt mit meiner Aufgabe sehr zufrieden.“

Die zweite Chance nutzen
 

Das Lernen geht trotzdem weiter. Interne Kurse etwa im Bereich IT oder technische Schulungen macht er regelmäßig mit. „Das eigentliche Lernen aber findet täglich bei der Arbeit statt“, sagt Pereira. Man erfahre sehr viel Neues im Kontakt mit den Kunden, auch mit der Produktentwicklung und der Qualitätskontrolle arbeitet er eng zusammen: „Wir Außendienstler geben Input über das, was den Kunden beschäftigt. Also bilden wir Schnittstellen zu verschiedenen Bereichen.“

Nach dem Ausbildungsstress kann er sich inzwischen wieder in Gelassenheit üben. Spaziergänge machen, abschalten, Urlaub nehmen kann er wieder genießen. Zwar muss er manchmal am Wochenende Berichte schreiben. „Aber mir die Zeit für meine Kunden frei einteilen zu können, ist viel wert.“ Und einen Termin verpasst der Familienvater so gut wie nie: Wenn sein Sohn ein Fußballspiel hat, feuert er die Mannschaft an: „Für mich ist das Entspannung.“

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