Reportagen

Demografie im Blick bei Michelin

Wie der Reifenhersteller Michelin Mitarbeiter bis zur Rente fit und motiviert hält.

von Sabina Latorre

· Lesezeit 4 Minuten.
 Peter Krause wechselte von der Reifenproduktion in die Logistik und ist heute für die Werktransporte zuständig. Foto: Hasübert
Motiviert: Peter Krause wechselte von der Reifenproduktion in die Logistik und ist heute für die Werktransporte zuständig. (Foto: Hasübert)

Peter Krause (58) ist ein engagierter, interessierter und ausgeglichener Mensch mit Spaß am Beruf – auch nach 33 Berufsjahren. Dabei hatte er es nicht leicht: Jahrzehntelang machte er beim Reifenhersteller Michelin in Bad Kreuznach Schichtdienst in der Tast- und Sichtkontrolle. 2016 rutschte er beim Verlassen des Werks auf dem Gehsteig aus. Krause brach sich den Knöchel und brauchte ein Jahr, bis er wieder laufen konnte. „Lange am Arbeitsplatz stehen war da nicht mehr drin“, erzählt er. Dass er heute auf einem anderen Posten wieder an Bord ist, verdankt er dem betrieblichen Eingliederungsmanagement des Unternehmens.

Durchschnittsalter bei 45 Jahren

Michelin geht es um die Gesundheit seiner Beschäftigten: Das Durchschnittsalter der gewerblichen Kollegen liegt heute bei 44,5 Jahren, bei den Angestellten sind es bereits 45,4 Jahre. Schon vor langer Zeit wurden deshalb Maßnahmen zum Schutz der alternden Belegschaft ergriffen – noch bevor der Chemie-Tarifvertrag Demografie 2008 unterschrieben wurde. Mit ihm nehmen die Sozialpartner aus Chemie-Arbeitgebern und -Gewerkschaft seitdem eine Vorreiterrolle in der deutschen Industrie ein.

Wird beispielsweise der Job im Alter zu anstrengend, erhalten Michelin-Beschäftigte einen anderen Arbeitsplatz. So ist Peter Krause jetzt zum Beispiel als Logistiker für interne Werktransporte im Lager tätig: Er fährt mit dem Gabelstapler durch die Regalfluchten, schiebt Material in die Fächer, be- und entlädt Lastwagen, bearbeitet die Versandpapiere. „Ich bin sehr froh, dass ich wieder voll mitarbeiten kann“, sagt er. Sein Chef Rolf Petermann nickt: „So ein motivierter Kollege. Überall findet er sich hinein und hat überhaupt keine Scheu vor unseren Computerprogrammen – ganz im Gegenteil.“

Lange dabei: Seit über 30 Jahren ist Klaus Maurer im Unternehmen, früher in der Produktion, jetzt in der Materialkontrolle. Foto: Hasübert

Auch Klaus Maurer (58, links im Bild) und Erich Förster (55) konnten aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr die fordernde Tätigkeit in der Reifenproduktion schultern. Jetzt begutachten sie auf einer anderen Stelle sorgfältig Material, das in der Herstellung nicht verbraucht wurde. Es wird kontrolliert, bearbeitet und erneut der Produktion zugeführt. „Wir möchten möglichst alles wieder recyceln“, berichtet Förster. Ihm gefällt die neue Arbeit, manchmal hilft er aber noch in seiner alten Abteilung aus: „Das ist doch Ehrensache“, findet er.

Maurer hat das früher ebenfalls getan – aber jetzt geht es nicht mehr: „Die Prozesse sind anders, die Maschinen immer moderner. Da bin ich leider zu lange raus.“ In dem neuen Job bis zur Rente arbeiten wollen beide: „Wir haben einen großartigen Arbeitgeber, der so etwas ermöglicht“, lobt Förster.

Möglich macht das Unternehmen auch dauerhaften Schichttausch unter Partnern. Das praktiziert Teamkoordinator Harald Wasem (61, unten), der seit drei Jahren seine Nachtschicht dauerhaft mit seinem jüngeren Kollegen Christian Lameth (41) tauscht. „Das funktioniert wunderbar“, freut sich Wasem. „Früher hatte ich mit der Nachtarbeit kein Problem, jetzt leider schon. Für mich ist das Wohlgefühl bei der Arbeit jetzt ungeheuer gestiegen.“

Schichtwechsel: Harald Wasem hat seine Nachtschicht dauerhaft mit einem jüngeren Kollegen getauscht. Foto: Hasübert

Ergonomische Arbeitsplätze

„Unser Ziel ist es, gerade die gewerblichen Mitarbeiter möglichst lange zu beschäftigen und für ein Umfeld zu sorgen, das dies erlaubt“, betont Personalleiterin Heike Notzon. Zudem gibt es im Unternehmen auch Langzeitkonten („FlexiPlusKonto“), ein flexibles Instrument, damit Mitarbeiter früher in Rente gehen oder Teilzeitmodelle nutzen können – ohne Einbußen bei den Rentenansprüchen. Im „Balance-Raum“ stärken Beschäftigte in Gymnastikkursen ihren Rücken, die Kantine bietet ausgewogene Ernährung an, Gesundheitskampagnen befassen sich mit Herz und Kreislauf. Mehrmals pro Woche macht eine Sporttherapeutin die Runde durch die Werkhallen und weist die Arbeitnehmer an den Maschinen und Bändern in die richtige Körperhaltung ein. Selbst Führungskräfte stehen oder gehen bei ihren Meetings immer öfter. Vielerorts haben LED-Lampen die Beleuchtung verbessert – das schont die Augen.

Aufmerksam: Sorgfältig überprüft Ergonomieexpertin Sarah Busse den Arbeitsplatz von Teamkoordinator Mehmet Cetin. Foto: Hasübert

Alle Arbeitsplätze sind zudem ergonomisch optimiert, manche Tische sind höhenverstellbar, und für Lasten gibt es Hebehilfen – lästiges Bücken oder Heben gehört weitgehend der Vergangenheit an. Darauf achtet die Ergonomiespezialistin Sarah Busse (oben): „Das erspart Rückenschmerzen und ermöglicht ein längeres Erwerbsleben“, weiß die 30-Jährige. Gesundheitsbewusstes Arbeiten wird immer selbstverständlicher. Das lernen auch schon die neuen Mitarbeiter von ihren Ausbildungspaten wie Teamkoordinator Mehmet Cetin (34, oben links): „Pro Schicht heben wir 800 bis 850 Mal Reifen, die rund zehn Kilo auf die Waage bringen. Da muss jeder wissen, wie man das körperlich richtig angeht.“ Nämlich so, dass die Beschäftigen auch im Alter noch fit und motiviert sind.

Zahlen & Fakten: Wie die Altersstruktur in Rheinland-Pfalz tatsächlich aussieht.

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