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Chemieindustrie Deutschland 2026: „Atempause statt Aufschwung“

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Chemieindustrie Deutschland 2026: „Atempause statt Aufschwung“
Produktion rund um die Uhr – aber mit angezogener Handbremse: Mit 73,2 Prozent bleibt die Kapazitätsauslastung der deutschen Chemieindustrie weit vom Normalniveau entfernt. Foto: Evonik Industries AG

Das Wichtigste in Kürze:

  • Produktion und Umsatz der Chemie- und Pharmabranche legten im zweiten Quartal 2026 deutlich zu.
  • Lageraufbau, gestiegene Preise und geopolitische Risiken verzerren das Bild.
  • Für 2026 erwartet der VCI weiterhin einen Produktionsrückgang – auch Forschung und Beschäftigung geraten unter Druck.

 

Mehr Produktion, mehr Umsatz, bessere Stimmung: Die Chemieindustrie in Deutschland hat im zweiten Quartal 2026 eine Verschnaufpause erlebt. Für eine Rückkehr zum normalen Geschäft reicht das aber noch nicht: Lagerkäufe, unterbrochene Lieferwege und höhere Preise verzerren das Bild. Die Anlagen laufen weiter mit angezogener Handbremse, und auch die Forschung gerät am Standort Deutschland unter Druck.

Chemieproduktion und Umsatz steigen im zweiten Quartal 2026

Auf den ersten Blick sieht es nach Erholung aus. Die Produktion in der Chemie- und Pharmabranche stieg im zweiten Quartal 2026 um 2,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal, der Branchenumsatz sogar um 7,3 Prozent auf 54,5 Milliarden Euro. Nach mehr als drei Jahren rückläufiger Umsätze ist das ein deutlicher Ausschlag nach oben. Im August bewerteten Chemieunternehmen ihre aktuelle Geschäftslage laut dem aktuellen Quartalsbericht des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) erstmals seit vier Jahren wieder mehrheitlich positiv.

Anlagen bleiben schwach ausgelastet

Doch die Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte. Bereits im Juni gingen Auftragseingang und Umsatz wieder zurück. Viele Sparten fuhren ihre Produktion erneut herunter. Die Kapazitätsauslastung der Chemie lag bei 73,2 Prozent – fast zehn Prozentpunkte unter dem langjährigen Durchschnitt von 83 Prozent. Für Anlagen, die möglichst rund um die Uhr laufen müssen, um wirtschaftlich zu sein, ist das ein magerer Wert. 

Warum die Chemieindustrie 2026 vom Lageraufbau profitiert

„Das Plus bei Produktion und Umsatz ist erfreulich, aber trügerisch. Vorratskäufe und geopolitische Verwerfungen sind keine Trendwende“, sagt VCI-Präsident Markus Steilemann. „Die alten Probleme haben sich nicht in Luft aufgelöst.“

Denn hinter dem Plus stehen Ereignisse, die mit außergewöhnlichen Umständen zu tun haben. Der Krieg im Nahen Osten und die zeitweise eingeschränkte Schifffahrt durch die Straße von Hormus verteuerten Rohstoffe und erschwerten Lieferungen aus Asien und dem Nahen Osten. Viele Industriekunden bestellten vorsorglich mehr chemische Erzeugnisse und füllten Lager auf. Deutsche und europäische Hersteller hatten dadurch zeitweise weniger Konkurrenz. Das half dem Geschäft, sagt aber wenig darüber aus, ob die Endnachfrage dauerhaft anspringt.

 

VCI-Präsident Markus Steilemann warnt vor falschen Hoffnungen: Das Produktionsplus im zweiten Quartal sei noch keine Trendwende. Foto: VCI/Thomas Lohnes

Höhere Rohstoffpreise treiben den Branchenumsatz

Besonders deutlich wird das beim Blick auf die Preise. Die Erzeugerpreise der chemisch-pharmazeutischen Industrie lagen im zweiten Quartal 5,7 Prozent über dem Vorquartal und 5,3 Prozent über dem Vorjahreswert. Rohöl kostete im Quartalsdurchschnitt mehr als 104 US-Dollar je Barrel. Das waren laut VCI 30 Prozent mehr als im ersten Quartal und 54 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Naphtha, ein wichtiger Rohstoff der Chemie, verteuerte sich gegenüber dem Vorquartal um 37 Prozent auf durchschnittlich 729 Euro je Tonne. Auch Gas wurde teurer.

Diese Kosten schlugen besonders in rohstoff- und energieintensiven Sparten durch. Bei Petrochemikalien und Derivaten stiegen die Erzeugerpreise gegenüber dem ersten Quartal um 14,1 Prozent, bei Polymeren um 12 Prozent. Beide Bereiche steigerten auch ihren Umsatz kräftig. Für die Kunststoff-Wertschöpfungskette ist das jedoch eine heikle Entwicklung. Wenn die Vorstufen ihre Preise erhöhen, wächst der Kostendruck bei den Verarbeitern. Ob sie ihn weiterreichen können, hängt von ihren Kunden und Märkten ab. 

Warum der Umsatzsprung keine Trendwende belegt

Der Umsatzsprung der Branche sagt deshalb nur eingeschränkt etwas über ihre Geschäfte aus. Im Inland stiegen die Erlöse im zweiten Quartal um 7,5 Prozent, im Ausland um 7,3 Prozent. Bei Volumen und Auftragseingängen drehte die Entwicklung im Quartalsverlauf bereits wieder nach unten. Im Juni wurde die Produktion in vielen Chemiesparten erneut zurückgenommen. Der VCI nennt das eine „Atempause statt Aufschwung“.

Geschäftserwartungen bleiben im negativen Bereich

Die aktuelle Geschäftslage bewerteten die Chemieunternehmen im August laut VCI zwar erstmals seit langer Zeit wieder mehrheitlich positiv. Für die kommenden Monate blieben die Erwartungen jedoch negativ. Hohe Energie- und Rohstoffkosten, schwache industrielle Nachfrage, geopolitische Risiken und der internationale Wettbewerbsdruck lasten weiter auf der Branche. Vielen Unternehmen fehlt die Planungssicherheit für Investitionen.

Warnt vor sinkenden Forschungsinvestitionen in Deutschland: Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung. Foto: Evonik Industries AG

Forschung und Entwicklung geraten am Standort Deutschland unter Druck

Chemie und Pharma zählen weiterhin zu den forschungsstarken Industrien Deutschlands. 2025 investierte die Branche laut VCI rund 16 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung (FuE). Die FuE-Quote lag bei 7,3 Prozent des Umsatzes. Rund 47.000 sind in diesem Bereich tätig.

Doch die Unternehmen verschieben ihre Prioritäten. In einer VCI-Mitgliederumfrage vom Juni 2026 gaben 29 Prozent an, ihre FuE-Ausgaben in Deutschland senken zu wollen; nur 19 Prozent planten höhere Ausgaben. An Auslandsstandorten ist das Verhältnis umgekehrt: 41 Prozent rechnen mit steigenden Budgets, 11 Prozent mit sinkenden. Insgesamt erklärten 24 Prozent der Unternehmen, Forschung und Entwicklung deutlich oder teilweise ins Ausland verlagern zu wollen.

Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung, macht die Richtung klar: „Die chemisch-pharmazeutische Industrie will sich aus der Krise herausinnovieren. Das Problem ist nicht der Wille, sondern der Standort Deutschland.“

Regulatorik und Bürokratie nennen 82 Prozent der befragten Unternehmen als starke oder spürbare Bremse für Innovationen. Bei langsamen Genehmigungs- und Verwaltungsverfahren sind es 70 Prozent.

Beschäftigung in der Chemieindustrie geht zurück

Im zweiten Quartal waren in der chemisch-pharmazeutischen Industrie rund 466.700 Menschen beschäftigt. Das entspricht einem Rückgang von 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal und von rund 2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Viele Unternehmen halten an Spar- und Restrukturierungsprogrammen fest. Die besseren Quartalszahlen haben die Personalplanung allerdings bislang nicht verändert.

Prognose für 2026: Keine Wende in Sicht

Für das Gesamtjahr 2026 rechnet der VCI für die Chemie mit einem Produktionsrückgang von 1,5 Prozent. Die Erzeugerpreise sollen im Jahresdurchschnitt um 5 Prozent steigen, der Gesamtumsatz um 3,5 Prozent.

Die Prognose macht die Schieflage deutlich: Mehr Umsatz bedeutet in diesem Fall nicht automatisch mehr produzierte Ware oder höhere Erträge.

Die Chemieindustrie in Deutschland hat im zweiten Quartal eine Atempause eingelegt. Ob daraus mehr wird, entscheidet sich laut VCI nicht an einem guten Quartal, sondern daran, ob die industrielle Nachfrage stabil anspringt und der Standort wieder Raum für Produktion und Forschung bietet.

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