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Gesunder Schlaf: Darum ist er ein Thema fürs BGM und für Führungskräfte

· Lesezeit 7 Minuten.
Gesundheitswissenschaftler André Alesi, Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Schlaf und Regeneration in Schramberg.
Sensibilisiert und befähigt Unternehmen in puncto Schlafgesundheit: Gesundheitswissenschaftler André Alesi, Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Schlaf und Regeneration in Schramberg. Foto: Tobias Fröhner

Das Wichtigste in Kürze

  • Schlaf beeinflusst Konzentration, Reaktionsfähigkeit und Arbeitssicherheit. Auf gesunden Schlaf zu achten, ist daher für das BGM in Chemie- und Pharmaunternehmen besonders relevant.
  • Das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) kann sowohl individuelle Unterstützung bieten als auch bessere Arbeitsbedingungen schaffen.
  • Führungskräfte sollten Auffälligkeiten aufmerksam und vertraulich ansprechen, ohne Schlafprobleme zu diagnostizieren. Es stärkt ihre Rolle, wenn sie moderne Tools kennen.

Gesunder Schlaf ist leider nicht selbstverständlich

Schichtarbeit, persönliche Sorgen, ein schnarchender Partner oder Schlaferkrankungen: Gründe, morgens müde oder gerädert aufzuwachen, gibt es viele. Mehr als jeder Dritte in Deutschland, so ermittelte das Robert Koch Institut (RKI), berichtet von Ein- oder Durchschlafstörungen.

Meist reicht auch die Schlafdauer nicht. Die Pronova BKK fand in ihrer Schlafstudie heraus, dass die meisten Menschen acht Stunden Schlaf am passendsten finden. Doch 60 Prozent erhalten werktags weniger Schlaf, als sie brauchen. Dieser Studie zufolge fühlt sich die Hälfte der Berufstätigen auf der Arbeit oft müde.

Müde im Job: Das hat Folgen für die Arbeitssicherheit

Zu wenig Schlaf, mangelnde Regeneration: „Die Folgen zeigen sich unter anderem in nachlassender Konzentration, langsameren Reaktionen und einer schlechteren Entscheidungsqualität“, erläutert André Alesi, Geschäftsführer des Instituts für Schlaf und Regeneration in Schramberg. „Schlafmangel kann zudem reizbarer machen.“ Sekundenschlaf oder ständige Müdigkeit seien klare Warnsignale.

Der Experte sieht Schlaf als sicherheitsrelevanten Faktor. Ob am Steuer, an Maschinen oder bei Tätigkeiten, die zuverlässige Entscheidungen erfordern: Hier kommt es auf die volle Aufmerksamkeit an. „Besonders wichtig ist das für Schicht-Beschäftigte, weil die Arbeitszeiten die nächtliche Regeneration unmittelbar beeinflussen“, betont Alesi. Schlafgesundheit solle deshalb stärker im Arbeitsschutz berücksichtigt werden – aus gesundheitlichen Gründen und, um Unfälle und Fehlerquoten zu verringern.

Für das Betriebliche Gesundheitsmanagement in Chemie und Pharma ist gesunder Schlaf kein neues Thema 

Viele Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie laufen im Schichtbetrieb. Entsprechende Zusatzurlaube, betriebsärztliche Untersuchungen und Entlastungen sind per Gesetz und Tarif geregelt. Das Thema Regeneration ist für das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) in einer so sicherheitsrelevanten Branche daher nicht neu.

Den Ursachen auf den Grund gehen

Dennoch gilt: Aus den zahlreichen Ursachen für Schlafprobleme ergibt sich ein vielschichtiges Handlungsfeld für Beschäftigte, Führungskräfte und Verantwortliche im BGM. 

André Alesi führt aus: „Problematisch ist, dass sich manche Menschen an ihre Tagesmüdigkeit gewöhnen und ihre eingeschränkte Leistungsfähigkeit gar nicht mehr richtig wahrnehmen.“ Mehr noch: Schlafprobleme und Bildungsniveau hängen miteinander zusammen. Wie die RKI-Erhebung gezeigt hat, treten Schlafstörungen umso häufiger auf, je niedriger das Bildungslevel ist. „Für die Menschen, die sich noch nie mit dem Thema Schlafgesundheit beschäftigt haben, lässt sich eine Menge tun“, sagt der Gesundheitswissenschaftler.

Ein weiterer Aspekt sind nicht diagnostizierte Schlaferkrankungen: „Beispielsweise für die obstruktive Schlafapnoe gibt es hohe Dunkelziffern. Die zahlreichen Betroffenen schleppen sich müde durchs Leben – mit entsprechend verminderter Leistungsfähigkeit.“ Dies ist ein lohnender Ansatzpunkt für Aufklärung, Screening und den betriebsärztlichen Dienst. Denn zur richtigen Diagnose zu gelangen – etwa über die Hausarztpraxis, Schlaflabore und Fachärzte – das kostet Zeit und Kraft. Unternehmen, die in puncto Schlafgesundheit professionell aufgestellt sind, können Betroffene zielführend begleiten.

Ein entsprechend engagiertes BGM erhält konkrete Unterstützung, unter anderem von den Krankenkassen. Auch das Institut für Schlaf und Regeneration bietet Analysen, Seminare und Workshops, oft in Kooperation mit den Krankenkassen.

So unterstützen Krankenkassen das BGM beim Thema Schlafgesundheit

Tools, Aktionen und Sensibilisierung – die Palette der Krankenkassen ist breit, wenn es darum geht, das BGM zu stärken. Beispielsweise bietet die Pronova BKK die folgenden Maßnahmen an:

  • Kurzworkshops & Impulse: Vermittlung einfacher Strategien wie Abendroutinen, Umgang mit Schichtarbeit, Entspannungstechniken und Schlafhygiene.
  • Schlafparcours: Interaktive Stationen vermitteln Wissen zum Einfluss von Licht, Koffein, Bewegung und Bildschirmnutzung sowie praktische Tipps für den Alltag.
  • Objektive Messung der Tagesschläfrigkeit: Das erhöhte Müdigkeitsrisiko zu erkennen ist bei sicherheitskritischen Tätigkeiten besonders relevant.
  • VR-Brille mit PMR & Atemübungen: Mitarbeitende erleben kurze fünf- bis zehnminütige Entspannungseinheiten mit Progressiver Muskelrelaxation (PMR) und geführten Atemtechniken. Das Ziel ist, Stress zu reduzieren und die Regeneration zu fördern.

Was Führungskräfte tun können

Für den Berater Alesi besteht der erste Schritt für Führungskräfte darin, zu begreifen, wie wichtig die Sicherheits- und Gesundheitsdimension des Schlafs ist. „Früher“, so berichtet er, „hieß es: Schlafen kannst du immer noch, wenn du tot bist. Im Berufsleben hingegen gilt es, Leistung zeigen.“

Inzwischen habe ein Bewusstseinswandel stattgefunden: Immer mehr Führungskräfte verstehen gesunden Schlaf als wertvolle biologische Ressource – der er auch ist. Der nächste Schritt ist Alesi zufolge: „Wie lässt sich bei Fach- und Führungskräften der Schlaf verbessern, damit sie mit den Herausforderungen der Transformation besser zurechtkommen?“

Er betont: Führungskräfte sollen keine Schlafprobleme diagnostizieren. Ihre Aufmerksamkeit ist jedoch gefragt, wenn sich im Team über längere Zeit Auffälligkeiten zeigen – etwa

  • ungewöhnliche Müdigkeit,
  • Konzentrationsprobleme,
  • Reizbarkeit oder
  • eine Häufung von Fehlern.

Alesi weist darauf hin, dass Schlafprobleme ein Frühindikator für psychische Belastungen sein können. Ein kompetenter Umgang beginnt mit einem vertraulichen Gespräch. Dabei geht es nicht um private Details, sondern um Beobachtungen und Arbeitsfähigkeit. Bei Bedarf sollten Führungskräfte auf den betriebsärztlichen Dienst, das BGM oder andere geeignete Beratungsangebote verweisen.

Gut zu wissen: Beschäftigte, die sich übermüdet fühlen, können mit Tools erste Selbstchecks vornehmen.

  • Das Schlafometer der Berufsgenossenschaft VBG ermöglicht Schichtarbeitenden einen Selbstcheck zu Schlafverhalten und Chronotyp. Die wissenschaftlich fundierte Anwendung liefert unter anderem eine Einschätzung der individuellen Tagesschläfrigkeit und Schlafqualität.
  • Zudem können Versicherte ihre Krankenkasse nach Snorefox Medical fragen, einer App, die das Risiko für eine Schlafapnoe anzeigt. Der Algorithmus erkennt anhand der Atmung im Schlaf mögliche Atemaussetzer und Unregelmäßigkeiten. Mit der App können potenziell Betroffene ihre nächtlichen Atemgeräusche aufnehmen und analysieren lassen. Am nächsten Morgen erhalten sie eine Risiko-Einschätzung per Ampelschema. Zeigt sich ein hohes Schlafapnoe-Risiko, hilft ein integrierter Ärztefinder weiter.

BGM-Maßnahmen: Verhalten unterstützen, Verhältnisse verbessern

Ein wacher Blick auf die Teammitglieder ist das eine. Für Alesi zählt außerdem die Perspektive auf das gesamte Unternehmen: „Wenn Sie die Schlafperformance in Organisationen verbessern wollen, dann müssen Sie die ganze Organisation bewegen und nicht nur einzelne Menschen.“ Gesunder Schlaf braucht somit zwei Perspektiven:

  • Die Verhaltensprävention vermittelt Wissen und stärkt die Eigenverantwortung. Dazu gehören Informationen über regelmäßige Bettzeiten, die geeignete Schlafumgebung, den Umgang mit digitalen Medien, Schlafmitteln und Alkohol. Auch niedrigschwellige Beratungsangebote können sinnvoll sein.
  • Die Verhältnisprävention umfasst die Umgebung und die Arbeitsbedingungen. Dafür nehmen die Verantwortlichen beispielsweise Schichtpläne, Pausengestaltung, Ruhezonen und Regenerationszeiten in den Blick. Zudem hat die Beleuchtung der Arbeitsplätze einen starken Effekt: Um die Wachheit zu fördern, ist taghelles Licht mit einem hohen Blau-Anteil sehr geeignet. 

Schlafgesundheit im BGM verankern: Die ersten Schritte

Da es sich bei der Schlafgesundheit um eine übergreifende Aufgabe handelt, rät Experte Alesi dazu, zunächst die Beteiligten zusammenzubringen.

  1. Akteure und Zuständigkeiten klären: Dazu gehören das BGM, der betriebsärztliche Dienst, Führungskräfte und Betriebsrat sowie die Ansprechpersonen für Arbeitssicherheit und Facility Management.
  2. Handlungsbedarf im Betrieb analysieren: Dies kann durch Messungen und Fragebögen geschehen – anonymisiert und datenschutzkonform.
  3. Ideen entwickeln und priorisieren: Starten kann man mit Aktionstagen, Schlafsprechstunden, einer besseren Beleuchtung oder Konzepten für Ruheräume.
  4. Immer besser werden: Maßnahmen nach dem Plan–Do–Check–Act–Zyklus durchführen, prüfen und optimieren.

Alesis Plädoyer: „Wenn Menschen schlafdepriviert sind – zu wenig oder nicht erholsam schlafen –, sind sie unproduktiver. Das kostet Unternehmen richtig Geld. In Schlafgesundheit zu investieren, das ist eine sehr wirksame Effizienzmaßnahme.“

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