Chemie in RLP

Gemeinsam für den Ernstfall

· Lesezeit 6 Minuten.
Jürgen Zipp, Leiter der Werkfeuerwehr bei der Profine Group, steht vor einem roten Feuerwehrauto.
Feuerwehrmann aus Leidenschaft: Jürgen Zipp trat mit 18 Jahren in die Freiwillige Feuerwehr seines Heimatorts ein. Heute leitet er die Werkfeuerwehr bei Profine. Foto: Wir.Hier./Joshua Murat

Das Wichtigste auf einen Blick: 

  • Rund 70 Einsätze pro Jahr: Die gemeinsame Werkfeuerwehr der Unternehmen Profine und H.B. Fuller rückt im Schnitt ein- bis zweimal pro Woche aus.
  • Starke Partnerschaft: Werkfeuerwehr und städtische Feuerwehr unterstützen sich gegenseitig bei Übungen, Einsätzen und im Tagesgeschäft.
  • Risiken jederzeit im Griff: Kunststofflager, hohe Prozesstemperaturen, staubbelastete Bereiche und moderne Lithium-Ionen-Akkus erfordern schnelle Reaktionen und spezielles Fachwissen.

Jürgen Zipps Blick schweift zufrieden durch die Fahrzeughalle. Drei Einsatzfahrzeuge stehen startklar nebeneinander, Helme und Ausrüstung haben ihren festen Platz. Alles ist ruhig an diesem Morgen auf dem Werkgelände von Profine und H.B. Fuller in Pirmasens. Rund 1.600 Menschen arbeiten hier, auf einem Areal so groß wie etwa 43 Fußballfelder.

Doch die Ruhe kann jederzeit vorbei sein.

Etwa 70 Einsätze pro Jahr

Etwa 70-mal im Jahr rückt die Werkfeuerwehr aus, die Profine gemeinsam mit dem Nachbarunternehmen H.B. Fuller betreibt. Mal hat ein Melder Alarm geschlagen, mal ist technische Hilfe gefragt. Und manchmal geht es um einen echten Brand. Wird die Lage komplizierter, steht innerhalb kürzester Zeit Verstärkung bereit: die Feuerwehr der Stadt Pirmasens. Die Zusammenarbeit der beiden Wehren ist eingespielt, routiniert und längst selbstverständlich.

Denn Gefahren machen nicht an Werkstoren halt. Brände, Gefahrstoffaustritte, Unwetter oder technische Störungen lassen sich am besten bewältigen, wenn betriebliche Spezialkenntnisse und die Schlagkraft öffentlicher Einsatzkräfte zusammenkommen. 

Damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt, wird regelmäßig gemeinsam geübt. Alarmpläne sind aufeinander abgestimmt, die Wege kurz, die persönlichen Kontakte eng. Wie diese Zusammenarbeit in der Praxis aussieht, das fragte Wir.Hier. Jürgen Zipp bei einem Besuch der Werkfeuerwehr.

„Wir können uns bei der städtischen Feuerwehr jederzeit Rat und Tat holen“

Der 56-Jährige ist Feuerwehrmann aus Leidenschaft. „Ich bin damals mit 18 in die Freiwillige Feuerwehr meiner Heimatgemeinde eingetreten“, erzählt er. „Mich begeistert die Kameradschaft – und dass man Menschen helfen kann, die dringend Hilfe brauchen.“

Als er 1991 beim damaligen Unternehmen Kömmerling, dem Vorgänger von Profine, als Betriebselektriker anfing, war für ihn sofort klar, dass er auch Mitglied der Werkfeuerwehr wird. Seit 2024 ist er hauptberuflich deren Leiter und zugleich für den Brandschutz verantwortlich. Die Werkfeuerwehr zählt insgesamt 59 Mitglieder. Bis auf Zipp selbst engagieren sich alle neben ihrer eigentlichen Tätigkeit im Unternehmen freiwillig für den Brandschutz.
Entsprechend wichtig ist ihm der Austausch – nach innen und nach außen. Besonders eng ist der Kontakt zur Feuerwehr Pirmasens.

„Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu den Kollegen dort und können uns jederzeit Rat und Tat holen“, sagt Zipp.

Die beiden Wehren rücken etwa einmal pro Monat gemeinsam aus

Die Zusammenarbeit bringt auch ganz praktische Vorteile mit sich. Die Werkfeuerwehr kann ihre Einsatzkleidung bei der städtischen Feuerwehr waschen lassen, außerdem werden dort die Atemluftflaschen der Pressluftatmer wieder aufgefüllt.

Umgekehrt profitiert auch die Stadt Pirmasens von der Werkfeuerwehr. Vertraglich ist geregelt, dass die Einsatzkräfte des Werks bei Bedarf montags bis freitags zwischen 7 und 16 Uhr Unterstützung leisten. Etwa einmal pro Monat rücken die beiden Wehren gemeinsam aus.

Hinzu kommt ein weiterer Vorteil: das Werksgelände als Übungsort. Einmal im Jahr findet hier die große gemeinsame Hauptübung statt. Dann verwandelt sich das Industrieareal für einige Stunden in eine Szene wie aus einem Katastrophenfilm. Verletztendarsteller schreien um Hilfe, Rettungstrupps arbeiten unter Atemschutz, Drehleitern werden in Stellung gebracht, Blaulicht spiegelt sich auf Fassaden und Fahrzeugen.

Solche Übungen sind wichtig. Denn auch wenn viele frühere Gefahrenquellen inzwischen verschwunden sind, bleibt das Werk ein anspruchsvolles Einsatzgebiet.

Ein bis zweimal pro Jahr gibt es auf dem Werkgelände einen beginnenden Brand zu löschen

Die Werkfeuerwehr wurde bereits in den 1970er Jahren gegründet. Das weitläufige Gelände und die Produktionsprozesse machten einen ständigen Brandschutz vor Ort erforderlich. „Heute gibt es zwar nicht mehr so viele Gefahrenquellen wie früher“, sagt Zipp. „Trotzdem haben wir im Durchschnitt mehr als einen Einsatz pro Woche.“

Rund zwei Drittel davon stellen sich als Fehlalarm heraus. Manchmal genügt bereits Staub, um einen Melder auszulösen. Ein- bis zweimal jährlich müssen die Einsatzkräfte tatsächlich einen Brand bekämpfen, etwa wenn Maschinenteile überhitzen. Dann zählt jede Minute.

Auf dem Gelände entstehen rund um die Uhr zum Beispiel Kunststoffprofile und Kunststoffplatten – etwa für Fenster und Türen, Werbetafeln oder Isolierungen, sowie Kleb- und Dichtstoffe. Große Lagerbestände bedeuten eine hohe Brandlast. Hinzu kommen staubbelastete Produktionsbereiche, in denen sich Feuer besonders schnell ausbreiten kann. Bei der Kunststoff-Extrusion entstehen an einzelnen Anlagen Temperaturen von mehr als 200 Grad Celsius. 

Neue Gefahr: Die Akkus von Fahrzeugen und Geräten

Und in den vergangenen Jahren ist eine weitere Herausforderung hinzugekommen: die Akkus von Fahrzeugen und Geräten, die sich entzünden oder sogar explosionsartig reagieren können.
Zipp kennt all diese Risiken. Sorgen bereiten sie ihm dennoch nicht. „Wenn etwas passiert, sind wir innerhalb von fünf Minuten vor Ort“, sagt er.

Dann schaut er noch einmal durch die Fahrzeughalle. Die Einsatzfahrzeuge stehen bereit. Die Ausrüstung ist geprüft. Alles ist vorbereitet.
Für den nächsten Alarm, der irgendwann kommen wird.

Neuer Schulterschluss der Feuerwehrverbände

Die Feuerwehrfamilie in Deutschland rückt enger zusammen – und Werkfeuerwehren sollen dabei eine wichtige Rolle spielen: Auf der Fachmesse Interschutz in Hannover haben die wichtigsten Feuerwehrverbände Deutschlands ein Signal für mehr Zusammenarbeit gesetzt. 

Der Deutsche Feuerwehrverband (DFV), die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb), die Arbeitsgemeinschaft der Leiterinnen und Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF) und der Werkfeuerwehrverband Deutschland (WFVD) wollen enger kooperieren und eine gemeinsame Strategie entwickeln.

Hintergrund sind die wachsenden Herausforderungen: etwa der Klimawandel, zunehmende Extremwetterlagen, neue Anforderungen im Bevölkerungsschutz und  knappe Kassen.

In der sogenannten Hannoveraner Erklärung vereinbarten die Organisationen, ihre Kompetenzen stärker zu bündeln, Ressourcen effizienter zu nutzen und mit einer gemeinsamen Stimme für die Interessen der Feuerwehren einzutreten. Werkfeuerwehren bringen dabei vor allem ihre Erfahrungen aus dem Umgang mit komplexen Risiken, kritischen Infrastrukturen und hochspezialisierten Einsatzlagen ein.

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