© Sandro

Reportagen

Was die Chemie für Sicherheit tut

Ineos aus Mainz schützt Mitarbeiter, Umwelt, Anlagen und Nachbarn.

von Sabine Latorre

· Lesezeit 4 Minuten.

Ups, was ist denn das? Eine knallrote Löschwasserbarriere liegt am Wegesrand. Sofort hebt Mario Eike, Schichtarbeiter in der Formaldehydproduktion bei Ineos-Paraform in Mainz, die Barriere auf. Und montiert sie ordnungsgemäß ein paar Meter weiter an ihrem Platz in der Anlage. 

„Wenn ich über das Werkgelände laufe, merke ich sofort, wenn etwas nicht stimmt“, erzählt Eike. Er hört, wenn eine Pumpe unrund läuft, und wird hellwach, wenn etwas brenzlig riecht. Dann handelt er unmittelbar: „Das machen wir alle hier so“, meint er. Sein Ziel ist es, Unfälle zu vermeiden, bevor sie entstehen: „Nur ein Einsatz, den wir nicht fahren müssen, ist ein guter Einsatz.“ Sicherheit ist hoch angesehen in dem 160 Jahre alten Traditionsbetrieb mitten im Wohngebiet. Hier stellen 135 Mitarbeiter jedes Jahr 135 000 Tonnen Methanolderivate her. Die werden zu Melaminharzen, Reifen, Schleifpapier, Pflanzenschutz oder Medikamenten verarbeitet. 

Jeder ist verantwortlich für Sicherheit

Eike führt auch die werkeigene Wehr, in der bis zu 15 Mann aus allen Betrieben engagiert sind. Diese Werkfeuerwehr leistet sich das Unternehmen freiwillig:

„Für uns ist eigentlich die städtische Wehr zuständig“, erklärt Werkleiter Andreas Schneider. Warum dann die eigenen Leute? „Weil wir im Falle eines Falles die Berufsfeuerwehr schnell einweisen und Infos über unser Gefahrenpotenzial geben können.“ 

Bei Schneider steht die Sicherheit täglich auf der Agenda. Da gibt es Expertenrunden mit der Geschäftsführung und den Sicherheitsbeauftragten, Telefonate mit der englischen Konzernmutter, direkte Mitarbeitergespräche, Rundgänge.

„Jeder sollte sich darüber Gedanken machen, was er bei uns tut“, sagt Schneider mit Nachdruck. „Habe ich für die Arbeit die richtige Schutzkleidung an? Passt das Werkzeug? Drohen elektrische Gefahren? Wo ist der nächste Feuerlöscher?“ Fragen wie diese finden sich deshalb auf einer kleinen Scheckkarte, die jeder Mitarbeiter bei sich oder – noch besser – im Kopf hat.  

Aktionen erhalten die Spannung 

„Die Karten haben wir kürzlich ausgegeben“, erklärt Ralf Timimi, Experte für Umwelt und Sicherheit. Dazu kommen „die zweimal zehn Gebote“, wie er es nennt – eine größere Karteikarte mit den Grundlagen zur Arbeits- und Anlagensicherheit. „Wir müssen das Interesse daran immer auf Spannung halten“, sagt Timimi. Deshalb läuft eine Plakataktion im Werk, auf der schreckliche Unfälle zu sehen sind. Und im Intranet gibt es einen Film, der auf potenzielle Gefahren und richtiges Verhalten hinweist – mit regelmäßigen Updates. „Den schauen wir alle an, zum Beispiel in der Messwarte. Das ist Vorschrift“, erklärt Wehrführer Eike. 

Zudem können alle Mitarbeiter via PC melden, wenn ihnen etwas auffällt, vom losen Geländer bis hin zu falschem Verhalten. „Neulich habe ich zum Beispiel einen Lkw-Fahrer gesehen, der sprang von der hohen Ladefläche, statt eine Leiter zu benutzen. So etwas ist gefährlich“, betont Eike. Das System wird rege genutzt, seit Jahresanfang gingen 120  Hinweise ein. „Wir werten die Daten aus, ergreifen Maßnahmen und informieren darüber“, erklärt Timimi. Leicht ist es nicht, so eine Sicherheitskultur zu etablieren:

„Da muss man die Belegschaft informieren, schulen und überzeugen“, weiß Werkleiter Schneider. Und das richtige Verhalten immer wieder üben. Dass es sich lohnt, zeigen die Daten: Ineos hatte 2018 keinen meldepflichtigen Unfall am Standort. 

Immer aktuell informiert

Abonnieren Sie unseren Whatsapp-Newsletter und erhalten Sie Nachrichten über neue Artikel direkt aufs Smartphone.

„Nachbarn sollen wissen, wie wichtig uns Sicherheit ist“

Natürlich fließen Investitionen in die Anlagensicherheit: „Das muss sein, um auf dem aktuellen Stand bezüglich Prozesssicherheit zu sein“, so der Werkleiter. „Unsere Betriebe fallen unter die obere Klasse der Störfallverordnung und haben höchste Anforderungen von gesetzlicher Seite.“ Außerdem verfügt Ineos über ein Qualitäts- und Umweltmanagementsystem, das regelmäßig durch akkreditierte Zertifizierer bewertet wird. 

Doch es gehört mehr dazu als die technische Sicherheit, die streng kon­trolliert wird. Um Ängste zu nehmen, gibt es zum Beispiel einen Tag der offenen Tür – zuletzt im September. 200 Bürger strömten ins Unternehmen und sahen, was hinter der Werkmauer alles passiert. „Wir wohnen hier Tür an Tür. Da soll ruhig jeder wissen, wie wichtig ­uns das Thema Sicherheit ist“, sagt Schneider. Für ihn steht fest: „Im Unternehmen ist jeder Einzelne für die Sicherheit verantwortlich. Vom Laboranten über die Sekretärin und den Chemikanten bis zum Handwerker oder Besucher.“

  • Like
  • Merken
  • PDF

Diesen Artikel teilen

Newsletter