Reportagen

Von Google in die Chemie-Industrie

Klaus-Peter Fett treibt die Digitalisierung bei Röchling voran.

von Sabine Latorre

· Lesezeit 4 Minuten.

Klaus-Peter Fett ist ein Energiebündel und sprüht vor Begeisterung, wenn es um die Digitalisierung und um Röchling geht. Das ist gut so, denn als „Chief Information and Digital Officer“ (CIDO) soll er das Thema tief ins Unternehmen des Kunststoffherstellers hineintragen. Die Konsequenzen, die sich aus dem Handeln des neuen IT-Chefs ergeben werden, spüren alle 11.000 Mitarbeiter an 91 Standorten weltweit.

Das Know-how bringt der 49-Jährige vom Internet-Riesen Google mit. Sein dortiges Spezialgebiet: Cloud-Technologien, künstliche Intelligenz, Data Management. Insbesondere die Cloud-Technologien sollen produzierenden Betrieben bei ihrer digitalen Transformation helfen: „Viele Firmen haben keine Vorstellung, was ihnen die Cloud bringt – nämlich immense Vorteile für den Wettbewerb, den Markt, den Preis, die Geschwindigkeit oder die Leistung.“ Auch Röchling-Chef Hanns-Peter Knaebel sieht in der Digitalisierung eine „entscheidende Voraussetzung“ für den künftigen Unternehmenserfolg.

Der Arbeitsplatz des CIDO ist überall. Mal ist er in seinem Büro an den Standorten Mannheim oder München (in naher Zukunft auch Berlin), mal im Homeoffice, mal im Flugzeug unterwegs in die USA. Oder er tourt per Bahn durch Deutschland und Europa, um die einzelnen Werke der Gruppe kennenzulernen. „Wer die Produktion und die Standorte nicht versteht, kann niemals die Menschen verstehen, denen man die Digitalisierung näherbringen will“, ist der Manager überzeugt.

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Neue Ideen fördern und Fehler zulassen

Einen „Kulturwandel“ will der studierte Wirtschaftsinformatiker einleiten, „neues Denken“ anstoßen: „Das funktioniert, wenn die Spitze es vorlebt und die Basis genau das will und mitzieht!“ Die Digitalisierung wirke sehr stark nach innen ins Unternehmen und verändere gelernte Verhaltensweisen. Zum Beispiel? „Wir müssen auf neue Ideen eingehen, mutig sein und Fehler zulassen. Daraus lernen wir.“ Fett möchte eine schnellere, eine offenere, eine digitalere Organisation formen. Dabei drückt er aufs Tempo, das er als begeisterter Skifahrer und Mountainbiker ohnehin liebt.

Parallel dazu will er mit seinen Teams neue digitale Geschäftsfelder kreieren und fragt sich: Wie digitalisiere ich meine Produkte heute? Meine Prozesse, meine Fabriken, meine Abläufe, den Weg zum Kunden, das Feedback von meinen Kunden? Schon beim Zuhören wird klar, das ist ein großes Rad, das er dreht. Für Klaus-Peter Fett steht fest: „Bis 2025 werden alle Unternehmen in irgendeiner Form digitalisiert sein. Wer dann erst anfängt zu überlegen, welche Daten haben wir überhaupt und was machen wir damit, der wird den Anschluss verlieren und über kurz oder lang nicht mehr existieren.“

Kann Künstliche Intelligenz dabei helfen? Der IT-Profi seufzt: „Eines Tages schon, aber im Moment ist einfach nur die menschliche Intelligenz gefragt.“ Er will die einzelnen Werke gut vernetzen, ihre Daten auswertbar machen und Vorteile generieren: Lassen sich Über- und Unterkapazitäten vorab erkennen? Beeinflusst ein Hype die Nachfrage? Sind spezielle Produkte plötzlich in einem Land stärker begehrt? Wie wirken sich neue Materialien auf die Produktion aus? „Man muss alle internen Daten erfassen und mit externen anreichern – etwa Wetter- oder Konjunkturdaten“, sagt Fett. Und nach Zusammenhängen suchen: „Daten sind ein Schatz, auch wenn wir heute manchmal noch gar nicht wissen, welche Schlüsse man daraus ziehen kann.“

Vom Produktlieferanten zum Systemhersteller

Das klingt spannend, aber auch sehr theoretisch. Fett lacht – und liefert sofort ein Beispiel. In fast jedem Neuwagen seien steuerbare Luftklappensysteme verbaut. Also bewegliche Lamellen aus Kunststoff, die vorne den Luftstrom führen. Röchling entwickelt sie in Worms. „Aerodynamische Bauteile sind digitale Komponenten, die wir bereits erfassen“, so der Manager. Man könnte sie mit einem Routenplaner verbinden: „Dann wüsste das System, jetzt fahre ich einen Berg hinunter, da kann ich mal richtig kühlen. Die Kühlung geht dann direkt zu den Bremsen, welche bergab stark beansprucht sind.“

Er will den Sprung vom Produktlieferanten zum Systemlieferanten schaffen. Deshalb suchen Fett und sein 100-köpfiges Team Systeme, die den Kundennutzen und gleichzeitig die Wertschöpfung erhöhen. „Vielleicht geben wir unsere Erfahrung mal in Form von Servicepaketen an Kunden weiter“, überlegt er laut. Viele Ideen, die ihn auch nach Feierabend beschäftigen. Wobei – dann ist der Experte auch gerne mal analog, etwa beim Bücherlesen. Oder wenn es um seine Kinder geht: „Es ist mir lieber, sie spielen ein paar Stunden draußen, als dass sie nur vorm Computer hängen.“

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