Reportagen

So engagiert ist Boehringer Ingelheim

Wie das Pharmaunternehmen weltweit Sozialprojekte fördert.

von Matilda Jordanova-Duda

· Lesezeit 4 Minuten.
Engagiert: Boehringer-Mitarbeiterin Birgit Quint mit einer Fotowand der Making-More-Health-Projekte. Foto: Sandro.

In den Dörfern von Mankarai in der Region Tamil Nadu müssen Familien mit 50 Cent pro Tag auskommen. Es gibt kaum Arbeit. Bauern haben ihr Land an Ziegeleien verkauft, die aber längst pleitegegangen sind oder maschinell produzieren. Viele Männer verfallen dem Alkohol, die Frauen versuchen irgendwie, die Familie über Wasser zu halten.

Birgit Quint war schon zweimal vor Ort in Indien und fährt diesen Dezember wieder dorthin. Gemeinsam mit einer Kollegin wird sie Kindergärtnerinnen und in Selbsthilfegrupen organisierte Kleinunternehmerinnen im Umgang mit einem Tablet schulen. Die 56-jährige Biologin Quint ist Healthcare Innovation Manager bei Boehringer Ingelheim und arbeitet mit an der Digitalisierung der Medizin. Am Stammsitz des Pharmaproduzenten entwickelt sie digitale Lösungen, die helfen, eine Krankheit früher zu erkennen oder eine Therapie durchzuhalten.

Unterstützung für Weltverbesserer

Nach Indien reiste sie zum ersten Mal mit 19 Kollegen aus verschiedenen Abteilungen und Standorten. Eine Woche lang besuchten sie Kitas, Krankenhäuser, Märkte und Altenheime und sprachen mit vielen Menschen. „Wir sind alle mit bestimmten Bildern im Kopf hingefahren – und mit ganz anderen zurückgekommen“, erzählt Quint. Danach sollten die Teilnehmer eine Geschäftsidee entwickeln, die vor Ort realisiert werden kann. Eine Jury suchte die besten aus.

Das Engagement gehört zu einem Programm für Führungskräfte und ist Teil der Initiative „Making More Health“ (MMH). Die globale Initiative wurde 2010 von Boehringer ins Leben gerufen. Gemeinsam mit dem internationalen Netzwerk Ashoka unterstützt der Pharmaproduzent weltweit Sozialunternehmen aus dem Gesundheitsbereich.

Ein Sozialunternehmer stellt den Nutzen für die Gesellschaft an erste Stelle und nicht den eigenen maximalen Profit. Ein breites Angebot an Leadership- und Jugendprogrammen an Universitäten sowie interne Möglichkeiten für Mitarbeiter, sozialunternehmerisch aktiv zu werden, bilden die zweite Säule der Initiative. Zudem werden in zwei Projektregionen in Indien und Kenia Aktivitäten gebündelt.

Schon 5.000 Beschäftigte beteiligt

„MMH ist bei Boehringer Ingelheim zu einer Bewegung über unterschiedlichste Funktionen, Abteilungen und Länder hinweg gewachsen“, erklärt MMH-Leiterin Manuela Pastore. Ein Zehntel der rund 50.000 Beschäftigten hat sich bereits an der Initiative beteiligt: mit Sachspenden für die lokalen Projekte, aber vor allem mit Know-how-Transfer, Engagement vor Ort und Vermittlung wichtiger Kontakte. „Unsere Projekte werden von den Mitarbeitern mit NGOs, Sozialunternehmern und lokalen Partnern – basierend auf den Bedürfnissen der Gesellschaft – erarbeitet und durchgeführt“, sagt Pastore.

Boehringer sieht die Initiative auch als Beitrag zur Innovationskultur. „Es gibt kein besseres Modell, als es selbst zu erleben und sich zu engagieren. Man lernt, was aus Sicht der Betroffenen wirklich benötigt wird und welche Herausforderungen es zu überwinden gilt. Nicht-gewinnorientierte Organisationen und NGOs sind Meister des Engagements und finden kreative Wege, mit wenig Mitteln viel zu erreichen“, sagt Pastore. Erfahrungen aus den Projekten fließen direkt oder indirekt in den Berufsalltag ein und münden oft in neue Dienstleistungen.

Upcycling als Geschäftsidee

Die Geschäftsidee, die das fünfköpfige Team von Birgit Quint für Mankarai hatte, hat mit Upcycling zu tun: Aus ausrangierten Reissäcken nähen Frauen Taschen und Handyhüllen. Das vermeidet Plastikmüll und schafft Einkommen, denn ohne Wohlstand keine Gesundheit. Aber was, wenn die Nähmaschinen nicht mit dem Plastik klarkommen? Wie Taschen vermarkten ohne ein Bankkonto? Wie einen Online-Shop eröffnen, wenn kaum jemand Internet hat?

„Normalerweise agieren wir in einer Gesellschaft, die alles hat,“ sagt die Biologin. Von der Realität in Mankarai ist das Welten entfernt. Deshalb sind die Partner vor Ort so wichtig. „Wir können nicht naiv hinfahren und eine tolle Idee präsentieren, die aber nicht dorthin passt.“ Quint hält Kontakt zu den Näherinnen und wird ihnen helfen, sich in einer geschlossenen Facebook-Gruppe zu organisieren.

Engagement bringt viel für den Beruf

Ihre Kollegin Hilke Roßkamp und sie haben den Näherinnen dank einer Unternehmensspende Tablets zur Verfügung gestellt und werden sie im Umgang mit den Geräten schulen. Beide bringen das auch Kindergärtnerinnen bei, die Mütter über Impfungen, Hygiene und gesunde Ernährung beraten. „In den Kitas werden die Kinder gewogen, die Werte werden von Hand aufgeschrieben und ans Krankenhaus geschickt“, erzählt Quint: „Es wäre sehr hilfreich, wenn die Erzieherinnen die Daten digital sammeln und senden können.“ Deshalb erhalten sie Tablets und vernetzen sich untereinander. Für die Digitaltrainings vor Ort wird Quint freigestellt, aber sie steckt auch viele Stunden ehrenamtlicher Arbeit in ihr Engagement.

Und das bringt auch viel für den Beruf: ein Netzwerk aus MMH-Teilnehmern, das in vielen Ländern Türen öffnet. Ein Bewusstsein, dass man mit sehr wenig Ressourcen wirtschaften kann. Unternehmerisches Denken. Und, ganz wichtig: „Nicht vorschnell von meinen eigenen Annahmen ausgehen, sondern von den Menschen, für die wir etwas machen“, sagt Quint.

Hier finden Sie weitere gute Beispiele für soziales Engagement der Chemieunternehmen. Außerdem erklären wir, warum sich Unternehmen überhaupt sozial engagieren.

  • Like
  • Merken
  • PDF

Diesen Artikel teilen

Newsletter