Arbeitspolitik

Was Jugendliche wollen

Was Jugendliche von der Ausbildung erwarten – und worauf Ausbilder achten.

von Nicolas Schöneich, Sabine Latorre

· Lesezeit 5 Minuten.

Noch ein Jahr, dann steht für die Zehntklässler der Realschule plus an der Untermosel der Schritt ins Berufsleben an. Ein großer Schritt, von dem viele der 15-Jährigen aber schon recht konkrete Vorstellungen haben: „Eventmanagement oder was mit Naturwissenschaften”, sagt Marc Rombelsheim. Seine Mutter sei Eventmanagerin, in der Schule wiederum „interessiert mich Chemie am meisten. Da können wir selber experimentieren, herausfinden, wie die Dinge funktionieren.“ Louis Caratiola will Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik lernen, seinen Meister machen und später den Betrieb seines Vaters übernehmen: „Ich schaue voraus, wie weit ich gehen will. Sich kurzfristig zu entscheiden, bringt oft nichts.“ Und Lina Hüskes strebt in den sozialen Bereich, Heil­erziehungspflegerin wahrscheinlich. „Ich würde gerne Menschen helfen, ihnen das Leben erleichtern.“ Ihr Umfeld habe sie darin bestärkt, dass sie soziale Kompetenz hat. „Außerdem bin ich schon lange bei den Pfadfindern aktiv, dort gibt es auch eine Gruppe für Menschen mit Behinderungen. Das hat mir immer Spaß gemacht.“

„Brennt jemand für seinen Beruf?“

Damit erfüllen die Jugendlichen eine wichtige Anforderung für einen erfolgreichen Start in die Ausbildung, ob in der Chemie oder anderswo – sie bringen Motivation und einen konkreten Plan für ihre Zukunft mit. Denn Unternehmen achten bei der Azubiauswahl auf mehr als die Schulnoten: „Es geht auch darum, seine Persönlichkeit zu entfalten und den besten eigenen Entwicklungsweg zu finden“, sagt Karin Döring, Unternehmensberaterin und Coach bei Ausbildungsalliancen.com.

Zum Beispiel beim Pharma-Unternehmen Boehringer Ingelheim: „Wir legen sehr viel Wert auf eine ganzheitliche Qualifizierung, die alle Kompetenzbereiche umfasst“, sagt Ausbildungsleiter Stefan Hüppe. Schulnoten hätten eine bedeutende Rolle für Berufe in der Naturwissenschaft, sagt der Experte. „Da hat man mit einer Vier oder Fünf in Mathe und Chemie keine Chance.“ Aber das Unternehmen schaue genauso auf die Persönlichkeit: „Brennt jemand für seinen Beruf? Hat er ihn in einem Praktikum schon einmal ausprobiert? Hat er sich beruflich irgendwie orientiert?“, zählt Hüppe auf.

Viele Angebote zur Berufsorientierung

Letzteres gilt für die Realschüler in Kobern-Gondorf jedenfalls: In der neunten Klasse stand ein Pflichtpraktikum an, außerdem ging es auf die Ausbildungsmesse im nahen Koblenz. Im Abschlussjahr werden ein freiwilliges, bis zu dreiwöchiges Praktikum folgen, Firmenpräsentationen an der Schule, Betriebsbesichtigungen und eine weitere Ausbildungsmesse. Und trotzdem könnten Firmen noch mehr tun, meint Maurice Waldecker, der Schreiner lernen will. „Bei Industriebetrieben hatte ich den Eindruck, dass zu wenig kommt, was Praktikumsplätze angeht. Handwerksbetriebe sind eher bereit, einen zu nehmen.“ Die Erfahrung teilt Lina: „Im Handwerk und im Sozialen sehen sie Praktikanten als künftige Azubis. Anderswo sehen sie uns eher als Mehrarbeit.” Ihr Schulleiter wünscht sich ebenfalls mehr Engagement von den regionalen Unternehmen: „Für die Situation, dass angeblich Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, passiert viel zu wenig“, sagt Dieter Möntenich. „Würden die Unternehmen so bei der Kundenakquise vorgehen, hätten sie massive Absatzprobleme.“

Die Jugendlichen nehmen ihre Schule aber ebenso in die Pflicht: „Wir erfahren hier was über Firmen und welche Ausbildungsberufe die anbieten”, schildert Marc. „Aber nicht, was in diesen Berufen vorgeht und wie man sich dort weiterentwickeln kann.“

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Wie man das Beste daraus macht, weiß Lina: „Wir sind zwar relativ auf uns selber gestellt. Aber dann müssen wir das eben annehmen. Nichts tun und am Ende der Schulzeit mal gucken, ist zumindest für mich keine Möglichkeit.“ Ihre Mitschülerin Viktoria Ditte hat ihren Werdegang zunächst bis zur Dialyseschwester durchgeplant und sieht das ähnlich: Für sie seien Selbstständigkeit und Eigenverantwortung entscheidend, schon bei der Berufswahl. „Ich bin immer zielstrebig und gebe mich nie mit etwas zufrieden.“

So viel Eigeninitiative erwartet Möntenich allerdings auch von den Jugendlichen: „Wir verstehen uns als Steigbügelhalter, was Ausbildung und Studium angeht“, beschreibt der Schulleiter die Aufgabenteilung. „Aber die entscheidenden Schritte muss der Schüler selbst gehen.“

Engagement, Noten, Authentizität

Denn Eigeninitiative und Selbstbewusstsein suchen die Unternehmen: „Generell schätzen wir Bewerber, die sich mit dem beschäftigen, was sie machen wollen“, sagt Su­sanne Querfurth, Ausbildungsleiterin beim Biopharma-Unternehmen AbbVie in Ludwigshafen. Die Kandidaten sollten etwas über den Beruf und die Firma lesen und eine gewisse Selbstständigkeit zeigen. Zudem zählen Faktoren wie das Verhalten in der Gruppe und Teamarbeit. Querfurth: „Kann der Bewerber zuhören? Mitmachen? Aufgaben auch abgeben?“ Pluspunkte gibt es für ein Hobby wie Fußball oder Flötespielen sowie Vereins­engagement. „Das zeigt, dass jemand Interesse hat und bereit ist, dranzubleiben. Auch wenn es mal mühsam ist oder keinen Spaß macht.“ Was Noten angeht, spiele für AbbVie der Durchschnitt keine Rolle, wohl aber „der Abschluss in den relevanten Fächern“.

Wie es bei INEOS Styrolution, Experte für Styrolkunststoffe in Ludwigshafen, läuft, bringt Ausbilder Jörg Campe auf den Punkt: „Noten sind nicht alles, das Komplettpaket muss stimmen.“ Dazu zählen Interesse am Beruf, Motivation und Leistungsbereitschaft. Campe: „Es geht beispielsweise um Freizeitaktivitäten, um sich ein Gesamtbild vom Bewerber machen zu können.“ Personalleiterin Janine Lüddecke ergänzt: „Wir schauen darauf, wer wirklich inter­essiert ist, die Ausbildung zu beginnen und auch abzuschließen. Daher stellen wir uns im Bewerbungsgespräch folgende Fragen: Hat der Bewerber sich vorbereitet? Bringt er eigene Fragen zum Unternehmen und zur Ausbildung mit? Wie stellt er sich die Ausbildung vor? Wie verhält er sich im Gespräch? Wirkt er oder sie ehrlich und authentisch?“

Und genau darum geht es den Kobern-Gondorfer Zehntklässlern: ihre Interessen identifizieren, sie verfolgen und in einen Berufswunsch umsetzen. Oder wie Marc sagt: „Wenn man sein Herz auf eine Sache gerichtet hat, sollte man die durchziehen.“

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