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Arbeitspolitik

So digital wird die Chemie-Ausbildung

Wie sich Berufsschulen und Betriebe verändern.

von Sabine Latorre und Nicolas Schöneich

· Lesezeit 6 Minuten.

Die Digitalisierung verändert die Berufsbilder nicht nur in der Chemieindustrie. Betriebe und Berufsschulen reagieren und integrieren die neue Arbeitswelt so weit wie möglich in die Ausbildung. Ein Blick in die Praxis:

Digitalisierung in der Berufsschule

Glugg. Flupp. Schlurpp. Plopp. Akustisch jedenfalls kommt die digitale Zukunft ganz traditionell daher. Wie sich eine Anlage eben anhört, in der Wasser durch Leitungen, Pumpen, Ventile und Behälter zirkuliert. Die digitale Neuerung: Man kann das Glugg, Flupp und Schlurpp mit einem Druck auf den Touchscreen eines Tablets steuern, so wie es Marcel Kittsteiner gerade tut.

© Jan Hosan

Der 22-Jährige ist dualer Student beim Lahnsteiner Spezialchemiehersteller Zschimmer & Schwarz, er verbindet ein Studium mit der Ausbildung zum Chemikanten. Mit seinen Klassenkameraden aus dem vierten Lehrjahr besucht er den Berufsschulzweig der David-Roentgen-Schule (DRS) in Neuwied. Eine Schule, in der Schüler Industrie 4.0 im Unterrichtsalltag erleben und gestalten. „Wir machen Projekte, die einen einfachen Zugang zu auf dem Papier komplexen Themen wie Regelungstechnik oder Robotik eröffnen“, sagt Thomas Hennig, Lehrer und Abteilungsleiter unter anderem für die Chemieberufe. „So bereiten wir die Schüler von heute auf die Welt von morgen vor.“

„Trockene Inhalte erlebbar machen“

Zum Beispiel durch die Glugg-und-Schlurpp-Anlage, die bis auf einen eingängigen Namen schon ziemlich ausgereift ist. Betreut von ihrem Lehrer Christian Hagedorn haben die Chemikanten die Anlage seit dem Sommer 2017 konzipiert und aufgebaut. „Die Regelungstechnik ist ein trockenes Fach, unter dem die Schüler sich wenig vorstellen können“, sagt Hagedorn. „Aber sie ist Prüfungsfach. Also war meine Inspiration für die Maschine: Inhalte erlebbar machen.“ Schließlich sei das ein zentrales Thema in Chemiebetrieben: „Wie verhalten sich Medien in einem Rohrsystem?“

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Jeder der zehn Chemikanten aus dem Abschlussjahrgang hatte Anteil am Aufbau der Anlage. Willi Wolf vom Pflanzenextrakte-Hersteller Finzelberg etwa hat das Fließbild erstellt, alle gemeinsam haben in Lernfeldern wie der Regelungstechnik und zur speicherprogrammierbaren Steuerung an ihr gearbeitet. „Wir haben kürzlich eine Produktionslinie in Betrieb genommen, die stärker digital arbeitet als unsere bisherigen“, sagt der 24-jährige Wolf. Da bereite die Schule gut vor auf die künftigen Anforderungen daran, wie Chemikanten die Produktion kontrollieren und steuern. Neben der Wasseranlage entwickeln DRS-Schüler im Rahmen des Projekts „Industrie4.0@School“ eine Produktionsanlage immer weiter, mit der sie auf der Hannover-Messe schon mehrfach am Stand des Elektroverbands ZVEI vertreten waren: Mit CNC-Fräse, Roboterarm, Förderband und vielem mehr zeigt sie, was alles in Ausbildungsberufen wie Mechatroniker steckt.

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Fit für den Wandel

Die Neuwieder Chemikanten kommen aus dem Mittelstand. Der ist in Sachen Digitalisierung zwar noch nicht so weit wie die BASF (siehe Absatz „Digitalisierung im Betrieb“). Trotzdem legt ihre Schule Wert darauf, sie möglichst fit für den Wandel zu machen. „Denn in den kommenden Jahren wird sich bei uns viel in diese Richtung entwickeln“, ist sich Jessy Gabriel (19) vom Lackespezialisten Jansen sicher. Und Abteilungsleiter Hennig betont, dass die Schüler ihr Digitalwissen in die Lehrwerkstätten tragen und so den Fortschritt in den Firmen befeuern könnten.

Auf sich gestellt, sind die Möglichkeiten der Schulen begrenzt: Die Lehrpläne sind träge, die Kassen leer, vieles fußt auf freiwilligem Engagement. Deshalb sucht die DRS den Kontakt zu Unternehmen, lässt sich Teile für ihre Anlagen sponsern. „Wir wollen schließlich nur mit Industriekomponenten arbeiten, die den Azubis auch im Betrieb begegnen können“, erklärt Hagedorn. Dann zählt er auf, womit man die Wasseranlage noch digitaler und besser machen könnte: eine Temperaturregelung, eine Ultrafiltration, Durchflussmesser, Schwingungssensoren an den Pumpen, die als Frühwarnsystem dienen und einen Wartungshinweis aufs Tablet schicken könnten. Glugg und Schlurpp natürlich inklusive.

Digitalisierung im Betrieb

Als Alexander Karle (51), Ausbilder im Chemieunternehmen BASF in Ludwigshafen, vor gut 35 Jahren seine Lehre als Chemikant begann, war die Einführung des Prozessleitsystems die absolute Revolution. Jetzt startet er mit seinen Azubis erneut in die Zukunft: „Die Digitalisierung, Industrie 4.0, das ist unsere große Chance.“

Seit dem 1. August können Firmen die Wahlqualifikation „Digitalisierung und vernetzte Produktion“ in die Ausbildung integrieren. Karle hat sich für die Vermittlung digitaler Kompetenzen starkgemacht: „Es war höchste Zeit dafür.“ Längst sind in der BASF IT-Systeme und Produktionsanlagen vernetzt, mobile Endgeräte im Einsatz, zum Alltag gehören intelligente Software und Apps sowie umfangreiche Datenanalysen und Simulationen.

Eine App für den täglichen Rundgang durchs Werk – QR-Code inklusive

Jetzt wird es ernst: „Wir haben die Ausbildung kontinuierlich weiterentwickelt und nutzen alle technischen Neuheiten, die künftig in den Betrieben benötigt werden.“ Einer der Ersten, die davon profitieren, ist Rouven Berg. Der angehende Chemikant hat im ersten Lehrjahr noch alles handschriftlich auf Zetteln notiert und Listen auf Papier geführt. „Das ist seit Beginn meines zweiten Lehrjahrs vorbei“, erzählt der 22-Jährige. Ausgestattet mit einem werkeigenen Tablet ist er bei der Arbeit überwiegend digital unterwegs.

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Ein Beispiel: „Lernen wir einen Betrieb neu kennen, zeichnen wir bei einem Rundgang alle Sicherheitseinrichtungen wie Telefon oder Feuerlöscher auf einem Lageplan ein“, sagt Berg. „Letztes Jahr habe ich das noch von Hand auf Papier gemacht. Dieses Jahr hatte ich den Plan auf meinem Tablet und konnte die Symbole einfach mit dem Finger an die richtige Stelle ziehen und ablegen.“

Ähnlich funktioniert es beim Rundgang durch den Betrieb. Karle: „Für die tägliche Kontrolle der Anlagen gab es bisher eine Checkliste aus Papier, die wurde abgeheftet. Jetzt haben wir eine App, die alles vorgibt. Man scannt bei der Kontrolle auch QR-Codes an relevanten Orten wie zum Beispiel im Keller oder im Tanklager. Das beweist, man war tatsächlich vor Ort.“ Praktisch: Falls eine Pumpe defekt ist, heftet man ein Foto ans Protokoll.

Ab 2019 wird mit virtuellen Brillen gelernt

Was die Augen von Ausbilder und Azubi leuchten lässt, freut aber nicht jeden: „In meiner Klasse mochten anfangs nicht alle das Tablet“, sagt Berg. „Man muss zum Beispiel Tabellenkalkulation mit Excel können, um Werte einzutragen oder zu berechnen. Das ist mit Papier im ersten Moment leichter. Aber mit ein bisschen Übung klappt es mit der Zeit.“ Man kann übrigens von allen Rechnern der BASF auf seine digitalen Notizen oder firmen­eigene Dateien zugreifen. „Von zu Hause aus geht das aus Sicherheitsgründen nicht“, warnt Karle.

Die Berufsschule ist noch nicht so weit: „Wir arbeiten mit Büchern und Beamern“, erzählt Berg. Was sich wohl bald ändert, denn das Landesbildungsministerium und die Ausbildung der BASF starten ein Pilotprojekt zur Digitalisierung der beruflichen Bildung. Geplant ist zum Beispiel eine gemeinsame Lernplattform. Karle ist jedoch schon wieder einen Schritt weiter: Jetzt sollen die Azubis mithilfe virtueller Brillen lernen, wie man sich in den Anlagen zurechtfindet oder eine Kreiselpumpe in Betrieb nimmt. „Das müssen alle Chemikanten aus dem Effeff können“, sagt der Ausbilder. „Aber virtuell kann man es vorher ortsunabhängig ausprobieren. Das ist ein großer Vorteil.“ Die neuen Hilfsmittel begeistern ihn: „Die Inhalte der Ausbildung bleiben im Kern erhalten. Aber die Möglichkeiten, etwas zu lernen, sind heute einfach fantastisch!“

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