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Energiewende – jetzt erst recht oder erst mal nicht?

Was die junge Generation in der Energiepolitik erwartet.

· Lesezeit 3 Minuten.

„Die Energiewende darf keine Arbeitsplätze kosten. Deshalb müssen wir die ganze Bandbreite nachhaltiger Technologien fördern.“

Jan-Philipp Groth, 17, Gründer und Inhaber von Digitally Agency (Mainz)

Wir müssen das ganze Bild sehen: Einerseits müssen wir unsere Wirtschaft als Grundlage für unser aller Wohlstand im Blick haben, andererseits können wir Umweltschutz und Nachhaltigkeit nicht vernachlässigen. Wo wir die Energiewende sinnvoll durchführen können, sollten wir sie vorantreiben. Aber Unternehmen dürfen durch die hohen Energiekosten nicht zu drastischen Sparmaßnahmen gezwungen sein. Es geht um den Schutz der Arbeitnehmer. Hier ist der Staat gefragt.

Die Energiewende könnte dennoch Fahrt aufnehmen. Es gibt viele Technologien, die bislang kaum Beachtung finden. In der öffentlichen Debatte geht es meist um Energie und Mobilität. Aber auch bei Konsum oder Lebensmitteln können wir viel mehr tun: So gibt es in der Agrarwirtschaft ein hohes Potenzial für Kreislaufwirtschaft, die nachhaltig ist und Energie und andere Ressourcen spart. Ich arbeite mit meiner Mutter an einem Konzept für die Futtermittelindustrie, bei dem wir Abfälle zu Proteinen verarbeiten. Aber auch in der Mobilität geht noch mehr, etwa mit alternativen Kraftstoffen. Subventionen müssen die technologische Vielfalt viel stärker fördern, statt nur auf Themen wie Solarenergie oder Windkraft zu setzen. Das gilt auch für die Frage, wie wir radioaktiven Müll nachhaltig entsorgen. Ist sie gelöst, sollten wir Atomkraft als CO2-neutrale Energiequelle einbeziehen.

Klar ist, dass der Energiebedarf durch die Energiewende wachsen wird. Auch hier müssen wir die vielfältigen technologischen Möglichkeiten fördern: Durch welche Prozesse können wir noch Energie gewinnen? Wenn E-Autos bremsen, könnten wir beispielsweise bereits Energie zurückgewinnen.

Natürlich stehen bei der Wende auch die Unternehmen in der Verantwortung. Sie müssen ihren Betrieb auf sämtliche Sparpotenziale abklopfen: Wie können Lieferketten nachhaltiger und emissionsärmer werden, kann in der Logistik noch mehr über die Schiene laufen oder Energie für Büros durch hybrides Arbeiten gespart werden?

 

„Der Strukturwandel durch Dekarbonisierung trägt zu einer größeren Unabhängigkeit von den fossilen Krisenenergien bei.“

Etienne Denk, 21, Student und Aktivist bei Fridays for Future

Oft wird gesagt, unsere Gesellschaft könne nur eine Krise gleichzeitig bearbeiten, da unsere kollektive Aufmerksamkeit sonst überfordert sei. Blickt man auf die letzten 15 Jahre zurück, hätten insbesondere Umweltaktivistinnen und -aktivisten viel Grund, daran zu glauben. Denn seit der Finanzkrise 2008/09 wurden sie immer damit vertröstet, dass Umwelt natürlich auch irgendwie wichtig sei, jetzt jedoch gerade eine andere angeblich wichtigere Krise einen Sachzwang darstelle, hinter dem die Bearbeitung der Umweltkrise zurücktreten müsse.

Doch es gibt gute Gründe zu glauben, dass das nicht stimmt. Es ist wahr, dass ein Diskurs nur begrenzte Aufmerksamkeit hat und einer Gesellschaft nur begrenzte (politische) Ressourcen zur Verfügung stehen. Es ist jedoch nicht wahr, dass die Bearbeitung der Umweltkrise daran scheitern würde, dass die Möglichkeiten ausgeschöpft wurden und nicht ausreichten. Vielmehr war es bequemer oder opportuner, dieses große und schwierige Thema mit gelegen kommenden Ausreden aufzuschieben.

Seit es diese Ausreden gibt, argumentieren Umweltaktivistinnen und -aktivisten, dass es keiner der multiplen Krisen gerecht wird, sie gegeneinander auszuspielen. Vielmehr sollten Synergien erkannt und genutzt werden. In der aktuellen Energiekrise ist dieses Argument umso einleuchtender: Wir erleben eine geopolitische und wirtschaftliche Krise der fossilen Energien, die so schnell wie möglich aus dem Energiemix entfernt gehören. Dabei wirkt der Hochlauf der Erneuerbaren preisdämpfend. Und während zwar der Strombedarf durch die Dekarbonisierung wachsen wird, wird der Energiebedarf durch Effizienzgewinne in der Industrie, durch Dämmen von Gebäuden oder Elektrifizierung von Wärme und Verkehr sinken. Zwar bleibt die Aufgabe, einen gelungenen Strukturwandel von fossilen Branchen in zukunftsfähige zu meistern – doch dieser Strukturwandel trägt zu einer größeren Unabhängigkeit von den Krisenenergien bei. Es gibt also keinen Grund, Krisen gegeneinander auszuspielen. Mit dem notwendigen Willen und durch das Nutzen von Synergieeffekten wären diese Krisen in großen Teilen gemeinsam bearbeitbar.

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