Politik & Wirtschaft

Standortwahl: Gibt es neue Champions neben China und den USA?

· Lesezeit 4 Minuten.
Moderne Skyline von Hanoi in der Dämmerung
Wachstumsstar Vietnam: Das Land verfolgt eine sehr ehrgeizige Industriepolitik. Zu dem vorhandenen Freihandelsabkommen gesellt sich demnächst eine strategische Partnerschaft mit der EU. Foto: Hanoi Photograhie/stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze:

  • Deutsche Chemie- und Pharmafirmen investieren vor allem in China und die USA, vor allem, um neue Absatz-Chancen zu nutzen.
  • Die Standortwahl hängt heute stark von Marktgröße, Stabilität, Fachkräften, Energiepreisen und Infrastruktur ab – den einen perfekten Standort gibt es nicht.
  • Neue Hotspots entstehen, etwa die Golfstaaten, Indien und Vietnam. Deutsche Investitionen in die USA gingen hingegen zurück.

Das Gros der Auslandsinvestitionen der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie fließt nach Asien und Nordamerika. Die Hauptzielländer sind dabei China und die USA. Die wichtigsten Gründe für diese Standorte sind:

  • Den Markt zu erschließen: Dies steht für die China-aktiven Unternehmen ganz klar im Vordergrund, gilt dem Verband der Chemischen Industrie zufolge aber auch für jede andere Weltregion.
  • Kosten zu sparen: Dies spielt für das Engagement in Nordamerika eine bedeutende Rolle – durch die günstige Energie. In den USA locken zudem industriepolitische Anreize und Förderungen. Doch auch hier überwiegt das Motiv, den Markt zu erschließen.

Handelskonflikte und der Wunsch, unabhängiger von einzelnen Ländern zu werden (De-Risking), führen zu neuen Standortbewertungen. So ermittelte das Institut der deutschen Wirtschaft, dass die deutschen Direktinvestitionen in den USA zwischen Februar und November 2025 um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum sanken.

Achim Haug, Bereichsleiter Ostasien bei Germany Trade & Invest, erläutert, worauf es bei einer Standortwahl heute ankommt.

Herr Haug, welche Entscheidungskriterien sind aktuell für die Standortwahl besonders wichtig?

Das wichtigste Kriterium für deutsche Unternehmen ist der Zugang zu relevanten Absatzmärkten. Marktgröße und -wachstum stellen zentrale Pluspunkte dar. Essenziell sind auch politische Stabilität und Rechtssicherheit, denn ohne diese Basis wird ein Standort meist gar nicht weiter betrachtet. Große Bedeutung haben außerdem Fachkräfteverfügbarkeit, Zuliefernetzwerke, Infrastruktur – gerade in der Chemie etwa Pipelines, Schiene und Häfen. Günstige, zuverlässig verfügbare Energie hat für energieintensive Unternehmen wie die Chemie hohe Priorität. Das macht zum Beispiel die USA als Standort interessant. Für Pharma stehen regulatorische Vorgaben und eine innovationsfreundliche Umgebung im Vordergrund. Hier können zum Beispiel Deutschland und Irland punkten.

Fördermöglichkeiten sind für Großunternehmen ausschlaggebender als für kleine und mittlere. Im Übrigen sehen sich deutsche Unternehmen hohen Standards in Umwelt, Sozialem und in Unternehmensführung, den ESG-Standards, verpflichtet, und schätzen entsprechende Rahmenbedingungen.

Achim Haug ist Bereichsleiter Ostasien bei Germany Trade & Invest.
Achim Haug ist Bereichsleiter Ostasien bei Germany Trade & Invest. Foto: GTAI/Rheinfoto

„Hunderte von Faktoren zählen bei einer Standortanalyse – unterschiedlich stark, je nach Komplexität, Branche und Innovationsgrad des Produkts sowie nach Bedürfnissen des Unternehmens. Den einen perfekten Standort gibt es nicht.“

Mit Blick auf die Chemie- und Pharma-Branche: Welche Standorte stehen aktuell besonders im Fokus?

Die größten Zielregionen deutscher Chemieunternehmen bleiben weiterhin die USA, China und Europa. Stark an Bedeutung gewinnen zudem die Golfstaaten – allen voran Saudi-Arabien und Oman –, aber auch Ägypten und Marokko, weil dort massiv in Chemieprojekte und Wasserstoffproduktion investiert wird. Gleichzeitig rückt das wachstumsstarke Indien immer stärker in den Fokus internationaler Chemieinvestitionen.

Gibt es unterschätzte Standorte?

Ja – besonders der Westbalkan sowie einige Länder Lateinamerikas zählen zu Standorten mit hohem Potenzial. Als Wachstumsstars gelten zudem mehrere asiatische Länder wie Taiwan und Vietnam. Vietnam erhält mit seinen ehrgeizigen industriellen Ambitionen zunehmend Aufmerksamkeit – entscheidend ist dann, ob der Ausbau der Infrastruktur und der nötigen Fachkräfte-Skills vor Ort gelingt.

Was die Schwellenländer Asiens betrifft, haben noch nicht viele deutsche Unternehmen dort eine eigene Niederlassung. Stattdessen arbeiten sie häufig mit Distributoren und Partnerunternehmen zusammen. Und noch mehr Aufholpotenzial steckt in Afrika: Nach den aktuellsten verfügbaren Zahlen befinden sich nur 1,1 Prozent der deutschen Direktinvestitionen in Afrika. 

Man sieht daran: Ein vorhandenes Netzwerk von Auslandshandelskammern und auslandsaktiven Unternehmen ist hilfreich, um weiterem Engagement den Weg zu bereiten.

Standortwahl: Eine Auswahl wichtiger Kriterien

Ein Geschäftsmann wählt anhand eines Tablets und weiterer Monitore einige Kriterien für wichtige Business-Entscheidungen aus. Foto: Shevon/stock.adobe.com
Eine Standortentscheidung bedarf sorgfältiger Analyse. Dabei wird eine Vielzahl von Kriterien gecheckt. Oft ziehen Unternehmen dafür externe Expertise hinzu. Foto: Shevon/stock.adobe.com

Lukrative Marktchancen sind ein Top-Kriterium bei der Standortwahl. Dabei fallen ins Gewicht:

  • die Größe des Marktes,
  • das Wachstum (insgesamt und/oder des betreffenden Geschäftsfeldes),
  • der Zugang.

Auch eine entwickelte Infrastruktur sollte vorhanden sein, zum Beispiel

  • günstige Energieversorgung,
  • ausgebaute Transportwege,
  • Industriezonen.

Je nach Komplexität der Herstellung und des Produkts sind Fachkräfte gefragt. Dabei kommt es unter anderem auf die

  • Verfügbarkeit,
  • Qualifikation und auf
  • Lohnhöhe an.

Die politischen Rahmenbedingungen müssen stimmen. Dazu zählen

  • Freihandel und Investitionsschutz,
  • Rechtssicherheit,
  • Anreize und Förderungen.

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