Das Wichtigste in Kürze
- Mehr Geld: Vom Entgelt-Plus profitieren ab 2027 alle tariflichen Entgeltgruppen. Wirtschaftlich starke Unternehmen können die Erhöhung vorziehen.
- Transformationsfonds als zentrales Instrument: Die 300 Euro pro Kopf und Jahr lassen sich zum Beispiel für Future Skills und ergonomische Arbeitsplätze einsetzen – je nach Weiterentwicklungsbedarf.
- Vielfältige Umsetzung machbar: Je nach Betriebsgröße und strukturellen Herausforderungen sind die Mittel aus dem betrieblichen Transformationsfonds mit Förderungen kombinierbar.
Die Ergebnisse ermöglichen eine gewisse Planbarkeit – und sind dennoch flexibel
Für viele Unternehmen ist Planbarkeit derzeit ein rares Gut. „Planen ist zur Königsdisziplin geworden“, sagt Michael Müller, Geschäftsführer des Mittelständlers Ursa-Chemie, Montabaur. Müller ist außerdem Vorstandsmitglied bei den Chemieverbänden Rheinland-Pfalz.
Der Chemiker meint mit den aktuellen Unsicherheiten nicht nur die Sorge um gestörte Lieferketten durch den Nahostkrieg. Oder Zollkonflikte. Ganz ähnlich belasten hohe Energiekosten, drückende Bürokratie und internationale Konkurrenz die deutschen Unternehmen. Nicht zuletzt führte erneut die schwache Nachfrage zu ungenügender Auslastung und sinkenden Umsätzen. Jüngst ging zum wiederholten Mal die Chemieproduktion zurück.
Vor diesem Hintergrund steht, so sehen es die Tarifpartner BAVC und IGBCE, der jetzt erzielte Tarifabschluss für Verantwortung und Weitsicht. Was das Entgelt betrifft, so sind die folgenden Schritte vereinbart.
- 2026 bleibt das Entgelt stabil.
- 2027 steigen Tarifentgelte um 2,1 Prozent.
- 2028 verbessern sie sich um weitere 2,4 Prozent.
Tobias Göpel, Kommunikationschef der Chemieverbände Rheinland-Pfalz, beschreibt das Ergebnis als „gut für die Stabilität“.
Gleichzeitig enthält der Abschluss Flexibilität: Wirtschaftlich starke Unternehmen, etwa aus dem Pharma-Bereich, können die Erhöhungen bis zu drei Monate vorziehen. Nach welchen Kriterien dies geschieht, ist im neuen Tarifvertrag geregelt. Ein positives Jahresergebnis, das über dem des Vorjahres liegt, gehört dazu.
Der Transformationsbeitrag: Insgesamt eine Millionensumme
Der neue Transformationsfonds ist das Herzstück des Tarifabschlusses. 300 Euro je tariflich Beschäftigtem und 150 Euro je Azubi können 2026 und 2027 in einen betrieblichen Topf fließen – oder ausgezahlt werden. Bundesweit ergibt das einen Millionenbetrag, der für Qualifizierung, Beratung oder Arbeitsplatzgestaltung genutzt werden kann.
Für Müller ist klar: „Wir bewegen uns in einem strukturellen Wandel. Da braucht man Arbeitskräfte, die diese Balance leisten können“ – und der Fonds helfe, Beschäftigte „zielgerichtet und breit gefächert“ weiterzuentwickeln.
Future Skills aufbauen, das zahlt sich aus
Die Digitalisierung stellt dabei einen wichtigen Teilbereich dieses Wandels dar. Für ein Unternehmen wie Ursa-Chemie mit 80 Mitarbeitenden ist es zum Beispiel kaum möglich, eine eigene Stabsstelle für die strikteren Datenschutz- und sicherheitsaufgaben einzurichten. Das heißt: Um Vorgaben wie neue Network and Information Security Richtlinie (NIS-2-Richtlinie) der EU zu erfüllen, lassen sich einige der vorhandenen Beschäftigten entsprechend schulen. „Weiterbildungen sind essenziell, um dieses Wissen aufzubauen und umzusetzen“, erläutert Müller.
Auch Tobias Göpel betont, wie zentral es sei, Beschäftigte fit für neue Technologien zu machen: von Augmented Reality über Sensorik bis hin zu vollständig digital unterstützten Produktionsprozessen. „Die Anforderungen werden steigen“, sagt er, und Qualifizierung sei entscheidend, damit sich Beschäftigte nicht abgehängt fühlen.
Smarte, humane Arbeitsplätze sind eine sinnvolle Investition
Arbeitsplätze inklusiver zu gestalten, das stellt einen weiteren Weg dar, Beschäftigte und deren Produktivität zu halten. „Bei einem höheren Altersdurchschnitt der Belegschaft schaue ich, wie ich die körperliche Belastung mindern kann“, sagt Göpel. „Dies tun Unternehmen bereits, etwa indem sie bei der Produktkontrolle intelligente Maschinen einsetzen, die den Beschäftigten das Heben ersparen. Und weniger Rückenschmerzen bedeuten weniger Fehltage.“
So kann der Wandel vor Ort gelingen
Wie die Sozialpartner und die Personalentwicklung im Betrieb die Mittel aus dem Transformationsfonds einsetzen, das können sie flexibel entscheiden. Dabei gibt es keine individuellen Ansprüche. Denn er ist als kollektiver Topf gedacht, der den Qualifizierungs- und Beschäftigungsziele des Unternehmens dient. Diese variieren je nach
- Zusammensetzung der Belegschaft,
- Unternehmensgröße,
- Kundenanforderungen und
- Digitalisierungsgrad.
Eine Kombination mit weiteren Fördermitteln, beispielsweise durch die Bundesagentur für Arbeit, ist möglich.
Schritt für Schritt zu mehr Entgelt
Die Entgeltsteigerungen greifen moderat – und doch spürbar. Da es prozentuale Erhöhungen sind, profitieren alle tariflichen Gruppen: Auszubildende, Fachkräfte und Beschäftigte mit Führungsverantwortung, sofern sie einer Tarifgruppe angehören.
Das Plus tut vor dem Hintergrund der steigenden Inflationsrate gut. Wie das Statistische Bundesamt berichtet, ist Energie momentan der Preistreiber. Im März gingen die Energiekosten um rund 7 Prozent im Vergleich zum Vormonat nach oben. Es handelt sich um den ersten Energie-Preisanstieg seit Dezember 2023. „Diese Kostensteigerung spüren natürlich auch die Unternehmen“, sagt Michael Müller.
Was heute für den Einstieg in die Chemie- und Pharmabranche spricht
Überdies entfaltet der Tarifabschluss eine Wirkung für die nächste Generation. Göpel betont, wie stark sich die Branche wandelt – und wie attraktiv sie auf diese Weise bleibt. Berufsbilder entwickeln sich weiter, neue Technologien kommen hinzu. Digitale Prozesse und Tools machen Aufgaben spannender und zugleich komfortabler.
Gleichzeitig investieren Betriebe massiv in Ausbildung. Viele engagieren sich trotz großer Herausforderungen – etwa unterschiedlichen Lernvoraussetzungen oder kulturellen Erwartungen zwischen Ausbildergeneration und Jugendlichen. „Die jungen Menschen wollen – man muss sie nur gut begleiten“, sagt Göpel.
Der Transformationsfonds kann auch hier helfen: durch Zukunftskompetenzen, Englischförderung oder zusätzliche Ausbildungsunterstützung.