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Wie sich Chemieunternehmen auf eine Gaskrise vorbereiten

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Wie sich Chemieunternehmen auf eine Gaskrise vorbereiten
Setzt auf Sonnenstrom: Michelin baut die Photovoltaik in Bad Kreuznach kräftig aus. Foto: Philipp Köhler

Gashahn zu oder auf? Russlands Poker um die Lieferungen treibt den Preis für den knappen Energieträger auf Rekordhöhen. Sparen ist deshalb angesagt wie lange nicht. Verbraucher drehen die Heizung runter, duschen kürzer. Auch Unternehmen suchen fieberhaft nach Wegen, Gas zu sparen oder zu ersetzen. Oder sie bauen gleich auf Solarenergie.

Die Chemie ist mit 120 Milliarden Kilowattstunden im Jahr der größte Gasverbraucher in der Industrie. Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie, sagt: „Unsere Unternehmen arbeiten seit Monaten an Lösungen und versuchen, auch die allerletzten Energieeinsparpotenziale zu heben. Manche drosseln die Produktion oder verzichten ganz darauf, bestimmte Produkte herzustellen. Wer kann, ersetzt Gas durch Öl oder Kohle.“ Auch in Rheinland-Pfalz sind Alternativen gefragt.

25 Fußballfelder Photovoltaik, ein Speicher für den Notbetrieb

Beispiel Michelin in Bad Kreuznach. Der Reifenhersteller (1.400 Beschäftigte) hat „alternative Energiequellen für die Anlagen identifiziert“, die von einem Gasmangel betroffen sein könnten. „Wir glauben, dass diese Alternativen bis zum Jahresende aktiviert werden können“, so das Unternehmen. Bis Mitte 2023 will Michelin zudem die Photovoltaikflächen im Werk um fast die Hälfte auf 180.000 Quadratmeter ausbauen. Das entspricht dann rund 25 Fußballfeldern. Werkdirektor Cyrille Beau sagt: „Schon heute beziehen wir für unsere Reifenproduktion zu 100 Prozent grünen Strom. In Zukunft wird ein Großteil davon auf unseren eigenen Flächen erzeugt.“

Der Mittelständler Gechem in Kleinkarlbach baut aktuell eine große Photovoltaik-Anlage auf zunächst einen Teil der Dächer des Werks mit 160 Mitarbeitenden. „Wenn alles gut läuft, können wir dann etwa ein Drittel unseres Strombedarfs selbst erzeugen“, teilt Gechem mit. Zudem wird ein Speicher installiert, um morgens, bis es hell ist, und auch bei Stromausfall Tore öffnen, Hallen beleuchten und PCs betreiben zu können. Damit sich ein- und ausgehende Lkws abfertigen lassen.

Industrie hat Gasverbrauch bereits um 11 Prozent verringert

Der Hersteller für Kunststofffolien und -produkte Renolit in Worms (1.000 Mitarbeitende) will bei Gasmangel den Heißdampf für die Produktion mit Öl erzeugen. Dafür hat er neue Brenner gekauft, Öltanks reaktiviert und Heizöl eingelagert. Wo ein Betrieb mit Öl nicht möglich ist, will die Firma Autogas (LPG) verwenden. Die Technik dafür ist bestellt. Je nach Lieferzeit sowie Dauer der Genehmigung könnten die Anlagen bereits zum Jahresende umgestellt sein. Langfristig setzt Renolit verstärkt auf erneuerbare Energiequellen. An den Standorten in Rheinland-Pfalz will man Dachflächen nutzen, Solarparks bauen und Windanlagen errichten. In Worms ist zudem eine Wasserstoffturbine geplant.

Auch der Chemiekonzern BASF spart Gas, wo er kann. 37 Milliarden Kilowattstunden Erdgas verbraucht er pro Jahr allein im Hauptwerk Ludwigshafen (34.400 Beschäftigte). Seit März hat der Konzern den Gasbedarf durch verschiedene Maßnahmen gesenkt. Dazu gehören technische Optimierungen im Produktionsnetzwerk sowie die Umstellung auf alternative Brennstoffe, wo immer das möglich ist, teilt die BASF mit. Als Faustregel gelte: „Wenn die Erdgasversorgung in Ludwigshafen nicht unter etwa 50 Prozent unseres maximalen Bedarfs fällt, könnten wir den Verbundstandort mit reduzierter Last weiterbetreiben.“

Erste Sparerfolge gibt es schon: Die Industrie hat laut einer Studie der Hertie School nach Beginn des Ukraine-Kriegs ihren Gasverbrauch um 11 Prozent verringert, die privaten Haushalte haben 6 Prozent geschafft. Vielleicht ist da ja noch mehr drin.

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