Das Wichtigste auf einen Blick
- Regionen kommen unterschiedlich durch den Strukturwandel: Rheinland-Pfalz steht beim Bundesländervergleich im Mittelfeld.
- Chancen durch Bildung und Digitalisierung: Städte wie Koblenz profitieren von Hochschulen, KI-Initiativen und moderaten Lebenshaltungskosten. Auch strukturschwache Orte wie Pirmasens zeigen Potenzial.
- Erfolg braucht Qualifikation und Engagement: Wachstumsbranchen, Weiterbildung und eine gute Infrastruktur sind entscheidend, um den Wandel aktiv zu gestalten und regionale Abwärtstrends zu vermeiden.
Der Strukturwandel wirft Licht und Schatten, auch auf Rheinland-Pfalz. Schaut man auf die vier Megatrends – Digitalisierung, Dekarbonisierung, den demografischen Wandel und auf die Veränderungen der internationalen Arbeitsteilung –, so sind deren Effekte zwischen Eifel und Rhein-Main äußerst verschieden. Warum die eine Region eine Turbo-Entwicklung erlebt und die andere schrumpft, damit befassen sich Regionalökonomen wie Christian Oberst.
So wird die Dynamik gemessen
Sie vergleichen zum Beispiel die Entwicklung der Arbeitslosenquote, der Wirtschaftskraft und der Bevölkerung. Einer Regionalstudie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge schneidet Rheinland-Pfalz dabei besser ab als beispielsweise NRW oder Niedersachsen, allerdings nicht so gut wie Bayern. „Man muss sich aber nicht immer mit der Spitzenregion München vergleichen“, sagt Oberst, Mitautor der Studie.
„Sich von einem niedrigeren Niveau hochzuarbeiten, das macht eine Aufsteigerregion aus. Selbst wenn es die Betroffenen noch nicht unmittelbar spüren: Unter anderem diese vorteilhaften Entwicklungen deuten auf günstige Perspektiven hin.“
Schwache Regionen können Aufsteiger sein
Der Experte rät zu einem genauen Blick auf die Ausgangsituation einer Region oder Stadt.
So musste Pirmasens unter anderem den Verlust seiner Schuhindustrie verkraften – die Produktion findet inzwischen an ausländischen Standorten statt. In der westpfälzischen Stadt sind Arbeitslosigkeit und öffentliche Verschuldung hoch. Die Bevölkerung schrumpft. Im Unterschied zu vielen anderen Zentren kann Pirmasens jedoch mit günstigen Mieten und starkem Wachstum in der Digitalbranche punkten. „Sich von einem niedrigeren Niveau hochzuarbeiten, das macht eine Aufsteigerregion aus“, erklärt Oberst. „Selbst wenn es die Betroffenen noch nicht unmittelbar spüren: Unter anderem diese vorteilhaften Entwicklungen deuten auf günstige Perspektiven hin.“
So wichtig sind Hochschulen
Ein anderes Beispiel ist Koblenz: Die Zahl der Beschäftigten steigt, vor allem der mit Hochschulabschluss. Uni und Hochschulen treiben KI voran. Sie vernetzen Hightech-Akteure miteinander. Start-ups haben gute Bedingungen. „Koblenz ist Spitzenreiter bei KI und Industriepartnerschaften“, sagt Christian Oberst. „Hinzu kommt eine sehr gute Verkehrsanbindung.“ Trotz der recht hohen Wirtschaftskraft der Stadt am deutschen Eck sind die Lebenshaltungskosten relativ moderat.
Eine gute Forschungs-Infrastruktur ist Gold wert
Eine hervorragende Infrastruktur für Forschung und Entwicklung gilt als Trumpf, um Innovationen und Wirtschaftswachstum zu erzeugen. Oberst meint: Dieses günstige Umfeld entsteht nicht allein durch Förderungen. Die Wirtschaftspolitik vor Ort sollte vor allem Bürokratie mindern, um Neuentwicklungen auch in bestehenden Unternehmen zu erleichtern. Ebenso kommt es auf ein gründungsfreundliches Klima an. Und: Technologiezentren sollten zum Bedarf und zu den Stärken passen. „Wenn alle Regionen auf Technologiezentren setzen, dann verpufft der Effekt“, mahnt der Experte.
Die richtigen Qualifikationen zählen
Mit dem Strukturwandel verändern sich die Qualifikationsanforderungen. Regionen, die bislang von einer alten Industrie wie dem Bergbau abhingen, haben typischerweise viele Arbeitskräfte, die sich nicht mehr gut vermitteln lassen. Dieser Skill-Mismatch (fehlende Passung) bedeutet oft Arbeitslosigkeit.
Dafür gibt es mehrere Lösungen. „Unternehmen können am Standort gezielt die notwendigen Fachkräfte ausbilden und weiterqualifizieren, die sie benötigen und ansonsten gezielt Arbeitskräfte aus dem In- und Ausland anwerben. Beide sind enorm wichtig“, sagt Christian Oberst. „Ein bezahlbares Wohnangebot erleichtert die Anwerbung natürlich erheblich. Unternehmen können über Mitarbeiterwohnen und unterstützende Angebote helfen und an Attraktivität gewinnen.“
Transformationsregionen benötigen geeignete Qualifizierungsstrategien. Regionen mit starkem Wandel, Integrationsfähigkeit und hohem Wachstum sind Gewinner des Strukturwandels.
Bevölkerungsschwund und solide Versorgung: Eine Herausforderung
Steht dem Wandel jedoch kein Wachstum gegenüber, drohen Stagnation oder gar eine Abwärtsspirale. Überalterung oder Abwanderung verstärken diesen Abwärtstrend. Solche Bevölkerungsverluste gibt es beispielsweise in der Westeifel. „Politisch Verantwortliche müssen dann schauen, dass sie trotzdem ein gutes Versorgungslevel halten, etwa im Gesundheits- und Bildungsbereich“, sagt Oberst.
Die Kunst in der Regionalpolitik sei es, nicht zu viel Geld in veraltete Strukturen zu stecken, dabei jedoch Pfadabhängigkeiten zu beachten und notwendige Anpassungen zu erkennen. Kostenintensive Schritte zur Dekarbonisierung sowie Wachstumschancen gelte es zu unterstützen.
Leben und Arbeiten im Strukturwandel: So gehts
Selbst aktiv werden ist aus Expertensicht ein Schlüssel, um sich für Zukunftsaufgaben fit zu machen. Weiterbildung kann sich dabei auf neue To-dos und Positionen im bisherigen Unternehmen beziehen. Oder auf Skills, die auf dem Arbeitsmarkt neu nachgefragt sind.
Vernetzt zu sein dient im Übrigen nicht nur Unternehmen. Auch die Menschen profitieren, wenn sie mit Kolleginnen und Kollegen, Nachbarn und Freunden im Austausch stehen. „Ehrenamtliches Engagement stärkt den Zusammenhalt“, sagt Oberst. Ob in Sport, Musik oder Sozialem: Wer sich engagiert, verbessert die Lebensqualität in seinem Umfeld und auch die eigene. Freiwilligenarbeit erlaubt es nicht zuletzt, Tätigkeiten ohne Druck auszuprobieren und praktische Fertigkeiten zu erwerben, die auch für einen künftigen Job zählen können.