Politik & Wirtschaft

Klimapolitik: Was der Green Deal für die Chemieindustrie bedeutet

· Lesezeit 4 Minuten.

Diese Frau hat einen ehrgeizigen Plan: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will "Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt machen". Durch ihren "Green Deal" soll die Europäische Union Mitte des Jahrhunderts unter dem Strich kein klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) mehr ausstoßen. So von der Leyens Klimaziel.

Damit das auch klappt, plant die EU eine Verschärfung des Klimaziels für die Zwischenetappe bis 2030. Die neue ehrgeizige Vorgabe: Die EU-Mitgliedsstaaten sollen ihren Treibhausgasausstoß bis dahin um 55 Prozent gegenüber 1990 verringern. Erreicht sind bisher aber erst minus 27 Prozent. Das heißt: Im nächsten Jahrzehnt müssen die Emissionen stärker sinken als in den gesamten 30 Jahren zuvor.

"Roadmap 2050" zeigt, wie der Wandel gelingen kann

Für die Chemiebranche geht es dabei um den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit, so der Verband der Chemischen Industrie (VCI). "Klimaschutz ist uns wichtig. Die Chemieunternehmen wollen 2050 klimagasneutral produzieren, aber das neue Zwischenziel ist äußerst ambitioniert", sagt Jörg Rothermel, Abteilungsleiter Energie, Klimaschutz und Rohstoffe bei dem Chemieverband. "So eine Zielverschärfung muss zwingend durch zusätzliche Maßnahmen begleitet werden, damit die chemische Produktion in Europa weiter wirtschaftlich bleibt." Zum Beispiel sollten Verkehrs- und Gebäudesektor stärker als bisher am CO2-Einsparen mitwirken.

Denn nur eine erfolgreiche Chemieindustrie wird die gewaltige Transformation bewältigen, die für eine klimaneutrale Produktion nötig ist. Dass und wie dieser Wandel gelingen kann, hat der Verband mit der Studie "Roadmap 2050" dargelegt. Sie zeigt der Politik, worauf es nun ankommt:

  • Viel Vorlaufzeit erforderlich. Für eine treibhausgasneutrale Chemie müssen oft ganz neue Verfahren her. Die werden frühestens ab Mitte der 2030er Jahre zur Verfügung stehen und erst danach wirtschaftlich sein, heißt es beim VCI. Ein Beispiel: Etwa 2010 entwickelten Forscher des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen ein neues Verfahren, um Wasserstoff klimagasfrei herzustellen. Aktuell baut der Konzern dafür eine Testanlage. Arbeitet sie erfolgreich, soll in ein paar Jahren eine Pilotanlage entstehen, ab 2030 dann eine große Produktionsanlage.

Herzstück des Produktionsverbunds: In Zukunft will die BASF solche Steamcracker mit Grünstrom beheizen. Foto: BASF
Herzstück des Produktionsverbunds: In Zukunft will die BASF solche Steamcracker mit Grünstrom beheizen. Foto: BASF

  • Riesige Investitionen nötig. Allein um für sechs wichtige Grundchemikalien neue Verfahren zu entwickeln und voraussichtlich auch neue Anlagen zu bauen, wird die Branche laut der "Roadmap 2050" in den nächsten Jahrzehnten 45 Milliarden Euro zusätzlich investieren müssen. Neben dem neuen Verfahren für Wasserstoff prüft die BASF derzeit, wie ihre Steamcracker in Zukunft nicht mehr mit Erdgas, sondern mit Grünstrom beheizt werden können. In diesen Großanlagen gewinnt man bei 850 Grad Celsius aus Rohbenzin viele Grundchemikalien für die Produktion. Für die Einführung neuer Technologien müsste nach Einschätzung von Experten allein die BASF Milliarden investieren. Nur eine wettbewerbsfähige Branche kann solche Investitionen stemmen.
  • Massen an Ökostrom gefragt. Ab Mitte der 2030er Jahre wird der Strombedarf der Chemiebranche daher rasant steigen. Eine CO2-neu­trale, elektrifizierte Chemie verbraucht laut Studie 628 Milliarden Kilowattstunden Grünstrom pro Jahr - so viel wie die gesamte deutsche Stromproduktion heute. Das heißt: Der Ausbau von Wind- und Sonnenenergie hierzulande muss enorm beschleunigt werden. Auch die EU-Kommission geht das nun an; sie will die Strom­erzeugung auf Offshore-Anlagen im Meer deshalb bis 2050 um das 25-Fache steigern.
  • Strom billig machen. Die viele elektrische Energie muss aber auch preiswert sein. Nur bei Stromkosten von 4 Cent je Kilowattstunde wären die neuen stromintensiven Verfahren wirtschaftlich, so die VCI-Experten. Heute zahlen industrielle Großabnehmer, die 100 Millionen Kilowattstunden im Jahr beziehen, im Schnitt 8,5 Cent. Auch das zeigt: Die Politik hat hier noch Hausaufgaben zu machen.

Warum VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup einen globalen CO2-Preis fordert.

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