Das wichtigste in Kürze:
- Im Interview sagt Dr. Bernd Vogler, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Chemie Rheinland-Pfalz, dass die Unternehmen der Branche derzeit mit massiven Herausforderungen konfrontiert seien – zum Beispiel mit extrem hohen Energiekosten und unklaren politischen Vorgaben.
- Der Verband unterstütze seine Mitgliedsunternehmen zum Beispiel, indem er sich für verlässliche Rahmenbedingungen einsetzt und sich in der Politik aktiv einbringt.
- Mit der Gewerkschaft IGBCE ziehe der Arbeitgeberverband an einem Strang – gemeinsame Projekte, Tarifinitiativen und Weiterbildungsoffensiven seien zum Beispiel darauf ausgerichtet, die Industrie zukunftssicher zu halten und Arbeitsplätze zu sichern.
Was sind für die Unternehmen derzeit die größten Herausforderungen?
Die chemische Industrie steht mitten in einem tiefgreifenden Umbruch – kein Stein bleibt auf dem anderen. Die Unternehmen sehen sich mit massiven Herausforderungen konfrontiert: extrem hohen Energiekosten, unklaren politischen Vorgaben, wachsendem Fachkräftemangel und einem enormen Druck, gleichzeitig wettbewerbsfähiger, digitaler und nachhaltiger zu werden. Viele Betriebe müssen ihre Strukturen neu ausrichten, Prozesse und Produktionen verändern und sich im globalen Wettbewerb behaupten.
Diese Situation verunsichert Führungskräfte wie Beschäftigte. Aber klar ist auch: Wir brauchen diesen Wandel, um zukunftsfähig zu bleiben. Die Branche befindet sich in einer Phase der Konsolidierung und Restrukturierung, die Kraft kostet, aber notwendig ist.
Also ist der Wandel auch eine Chance?
Ja, wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen, können daraus auch Chancen entstehen – für innovative Produkte, effizientere Prozesse und neue Geschäftsmodelle.
Entscheidend ist, dass die Politik endlich Rahmenbedingungen schafft, die Investitionen ermöglichen und Wettbewerbsfähigkeit sichern. Wir brauchen eine echte Produktivitätsoffensive, sonst droht der Standort den Anschluss zu verlieren.
Wie unterstützen die Chemieverbände RLP ihre Mitgliedsunternehmen in dieser Phase?
Unsere Aufgabe ist es, den Wandel aktiv zu gestalten. Wir setzen uns dafür ein, dass die Unternehmen in Rheinland-Pfalz investieren, modernisieren und Arbeitsplätze sichern können. Dafür braucht es verlässliche Rahmenbedingungen – mit weniger Regulierung und schnelleren Genehmigungsverfahren.
Bezahlbare Energie und Löhne sind die Grundlage unserer industriellen Wettbewerbsfähigkeit. Wenn diese Balance verloren geht, wandern Produktion und Wertschöpfung ab. Das müssen wir verhindern – mit einer Politik, die die industrielle Basis stärkt.
Welche Einflussmöglichkeiten hat der Verband in der Politik?
Wir vertreten die Interessen der Branche in politischen Entscheidungsprozessen, bringen Studien und Fachwissen ein und fördern konkrete Projekte. Gleichzeitig unterstützen wir unsere Mitglieder mit Netzwerken, Förderinitiativen und Beratung – besonders bei Innovation, Digitalisierung und Fachkräftesicherung.
Unser Ziel ist klar: Die Chemiebranche in Rheinland-Pfalz soll auch künftig der Motor für Wertschöpfung, Beschäftigung und Fortschritt bleiben. Wir sind die Stimme einer Schlüsselindustrie – und diese bringen wir aktiv ein. Das tun wir durch direkte Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern, durch Stellungnahmen zu Gesetzen, durch Studien und öffentliche Initiativen.
Unser Ziel ist, dass politische Entscheidungen zur Realität in den Betrieben passen – und nicht an ihr vorbeigehen.
Haben Sie ein Beispiel?
Ein Beispiel ist die Reform der EU-Chemikalienverordnung REACH. Hier haben wir uns erfolgreich dafür eingesetzt, dass übermäßig pauschale Eingriffe abgemildert und Übergangsfristen verlängert wurden.
Auch auf Landesebene arbeiten wir intensiv daran, dass Infrastruktur und Standortpolitik den Anforderungen einer modernen Industrie entsprechen. Ohne funktionierende Verkehrswege und eine verlässliche Energieversorgung gibt es keine erfolgreiche Transformation.
Wie arbeiten Sie in Sachen Transformation mit der Gewerkschaft zusammen?
Die Transformation betrifft Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen – und deshalb braucht es starke Sozialpartner. Arbeitgeber und die Gewerkschaft IG BCE ziehen hier in Rheinland-Pfalz an einem Strang. Wir arbeiten gemeinsam daran, die Industrie zukunftsfähig und die Arbeitsplätze sicher zu halten. In Projekten, Tarifinitiativen und Weiterbildungsoffensiven bündeln wir Kräfte, um Fachkräfte zu sichern, Qualifizierung auszubauen und die Beschäftigten auf neue Technologien vorzubereiten.
Natürlich gibt es auch unterschiedliche Positionen – das ist normal. Entscheidend ist, dass wir im Dialog bleiben und Lösungen entwickeln, die wirtschaftlich tragfähig und sozial verantwortungsvoll sind.
Wo konkret haben Arbeitgeberverband und Gewerkschaft zum Beispiel gemeinsame Nenner?
Wir teilen viele Grundüberzeugungen mit der IGBCE – insbesondere, dass die Chemie eine Schlüsselrolle im industriellen Wandel spielt. Beide Seiten wollen Arbeitsplätze sichern und die Industrie fit für die Zukunft machen. Unterschiede gibt es beim Tempo und bei der Belastung der Betriebe: Wir sehen die Gefahr, dass überzogene Regulierung und überhastete Zielvorgaben Investitionen verhindern. Der Clean Industrial Deal zum Beispiel darf kein Bürokratiemonster werden, sondern muss die Industrie befähigen, innovativ und wettbewerbsfähig zu sein.
Natürlich zeigen sich in den Tarifrunden unterschiedliche Sichtweisen. Die IGBCE stellt verständlicherweise die Interessen der Beschäftigten in den Vordergrund, während wir als Arbeitgeber die wirtschaftliche Realität und Zukunftsfähigkeit der Unternehmen im Blick behalten müssen.
Worauf kommt es in der Tarifrunde an?
In der aktuellen Situation gibt es keinen Verteilungsspielraum: Viele Betriebe stehen unter massivem Kostendruck, restrukturieren oder kämpfen um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Tarifforderungen dürfen nicht das gefährden, was wir gemeinsam erhalten wollen: gute Arbeitsplätze in einer starken Industrie. Wir brauchen einen grundlegenden Wandel, der wieder industrielles Wachstum ermöglicht und nicht verhindert. Und Tarifrunden, die die Realität in den Betrieben abbilden.