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Streit um Pflanzenschutz

Bauern und Agrochemie-Hersteller warnen: EU-Pläne gefährden Versorgungssicherheit

von Hans Joachim Wolter

· Lesezeit 3 Minuten.
Weinbauer beim Spritzen
Weinbauer beim Spritzen: Die EU will den Einsatz der Mittel bis 2030 halbieren. Foto: Ewald Fröch - stock.adobe.com

Droht weltbekannten Weinlagen das Aus? „Forster Ungeheuer“ in der Pfalz, „Roter Hang“ in Rheinhessen oder „Wehlener Sonnenuhr“ an der Mosel? Das könnte passieren, wenn es dort zu einem Totalverbot von Pflanzenschutz kommt. Die EU plant das in einer neuen Verordnung. Die rheinland-pfälzische Landwirtschaftsministerin Daniela Schmitt setzt sich intensiv dagegen ein.

Was die EU vorhat: Sie will den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 um die Hälfte verringern. Landwirte sollen die Substanzen, die gegen Insekten, Milben, Pilze oder Unkräuter wirken, gar nicht mehr oder weniger verwenden. So sieht es eine neue Pflanzenschutzverordnung („Sustainable Use Regulation“) vor, an der Brüssel derzeit arbeitet. In Vogel-, Natur- und Landschaftsschutzzonen würden die Stoffe verboten. Die Bauern müssten jeden Einsatz detailliert dokumentieren.

EU-Kommissarin Stella Kyriakides begründet das mit Gesundheitsschutz und Insektensterben: „Die Zeit chemischer Pestizide ist vorbei“, sagt sie. Umweltschützer begrüßen das, Bauern protestieren. Agraringenieur Johann Meierhöfer, Leiter des Fachbereichs Pflanzliche Erzeugung beim Bauernverband DBV in Berlin, kritisiert den Entwurf als überambitioniert. „Wenn man das so umsetzt, riskiert man die Ernährungssicherheit in Deutschland und Europa.“ Die Verordnung müsse überarbeitet werden. Das fordert auch der Agrochemie-Herstellerverband IVA.

Knapp 40 Prozent der Agrarfläche würden zur Verbotszone

Große Sorgen bereiten Bauern und Branche die Verbotszonen, in denen die 950 Pflanzenschutzmittel mit insgesamt 280 Wirkstoffen tabu wären. Bliebe es wie geplant, träfe das in Rheinland-Pfalz knapp 40 Prozent von 700.000 Hektar Agrarfläche. Das würde Ackerbau in vielen dieser Gebiete fast unmöglich machen und die Existenz vieler Landwirte gefährden. Die Erträge von Obst und Gemüse gingen deutlich zurück, bei Kartoffeln und Zuckerrüben drohten Jahre mit Totalausfall, Weinbaugebiete stünden vor dem Aus. Die Getreideernten würden um 15 bis 20 Prozent schrumpfen. Nahrung würde teurer, der globale Wettbewerb darum größer.

Mittlerweile haben die Agrarminister der EU eine weitere Folgenabschätzung für die Verordnung von der Brüsseler Bürokratie gefordert. Denn Nahrung ist wegen des Ukraine-Krieges ohnehin knapp. Und Europäer würden ärmeren Ländern zukünftig mehr Lebensmittel wegkaufen.

 Daniela Schmitt, Wirtschafts- und Weinbauministerin in Mainz, Foto: Jan Hosan

Daniela Schmitt, Wirtschafts- und Weinbauministerin in Mainz, Foto: Jan Hosan

Agraringenieur Meierhöfer kritisiert zudem die „übertriebenen Dokumentationspflichten“. Vor jedem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln seien alle Alternativen zu prüfen. „Das ist, als müsse man vor jeder Autofahrt genau begründen, warum man nicht Rad oder Bahn benutzt.“

Ohnehin nimmt der Verbrauch bereits ab – seit 2014 um fast 20.000 Tonnen auf 86.500 Tonnen im Jahr. Wäre da noch weniger zu schaffen? Gibt es Alternativen zum EU-Plan?

Smarte Technik erkennt Unkräuter und sprüht nur dort

Ministerin Schmitt schlägt vor: „Wir wollen eine Reduktion der Pflanzenschutzmittel durch Innovation erreichen.“ Stichwort Digitalisierung: 10 Milliarden Euro wollen Agrochemiehersteller in diesem Jahrzehnt in die Präzisionslandwirtschaft investieren. Eine Smart-Spraying-Technologie von BASF und Bosch etwa erkennt Unkräuter mit Kameras in Millisekunden präzise und sprüht nur dort Pflanzenschutz, wo er nötig ist. Sie soll noch 2023 in ersten europäischen Ländern auf den Markt kommen. Schon verfügbar ist ein digitales Tool („Xarvio Field Manager“), das verschiedene Feldzonen unterschiedlich intensiv spritzen hilft. Angesichts solcher Innovationen prognostiziert Experte Meierhöfer: „Bis 2030 sollten sich damit 30 Prozent oder gar mehr einsparen lassen.“

Eine Hoffnung sind auch neuartige Mittel, die wie Corona-Impfstoffe den Botenstoff RNA nutzen. „Damit kann man Schädlinge zielgenau bekämpfen, ohne andere Tiere zu treffen“, erklärt der Experte. Die könnten in fünf bis acht Jahren kommen. Und schließlich sei da noch die Insekten- und Vogelvielfalt: Sie lasse sich durch miteinander verbundene Hecken, Wiesen und Grünstreifen fördern.

Noch ist die Verordnung nicht beschlossen, bei den Verbotszonen hat die EU-Kommission Kompromissbereitschaft angedeutet. Womöglich gibt es auch bei den innovativen Methoden Bewegung. Und der Wein wäre zu retten.

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