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„Wir bringen mehr Wertschöpfung nach Worms”

Rund 11.700 Menschen arbeiten für den Kunststoff-Spezialisten Röchling, 1.100 davon in Rheinland-Pfalz. Wie geht es dem Unternehmen angesichts der vielen globalen Krisen?

von Christine Haas

· Lesezeit 5 Minuten.
Raphael Wolfram und Evelyn Thome. Fotos: Röchling
Röchling-Spitzenkräfte: Raphael Wolfram und Evelyn Thome. Fotos: Röchling

Im Alltag gibt es fast keine Chance, Röchling zu entkommen. So beschreibt es Finanzvorstand Evelyn Thome mit einem Augenzwinkern – denn die technischen Kunststoff-Teile des Familienunternehmens sind an vielen Stellen unverzichtbar, wenn auch nicht immer sichtbar: vom Sitz in Straßenbahnen über die Batterie von Elektro-Autos bis zu Medizinanwendungen. 
 
Die Röchling-Gruppe, vor mehr als 200 Jahren gegründet, hat inzwischen mehr als 90 Standorte in Europa, Asien sowie Nord- und Südamerika, drei davon in Rheinland-Pfalz. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Mannheim gliedert sich in drei Teilbereiche: Industrial, Automotive und Medical. In allen geht es darum, Kunststoff-Lösungen für Kunden aus unterschiedlichen Branchen zu entwickeln, zum Beispiel Rundstäbe und Platten, Batterieabdeckungen für Elektro-Autos und Pharmaverpackungen.  

Im Interview erklären Finanzchefin Evelyn Thome und Vorstandssprecher Raphael Wolfram, vor welchen Herausforderungen das Unternehmen steht und was sie an den Standorten Lahnstein, Ruppertsweiler und Worms vorhaben.  

Rezession, Inflation, Ukraine-Krieg: Die Unternehmen in Deutschland stehen vor einer ganzen Reihe von Krisen und Risiken. Wie geht es Röchling? 

Raphael Wolfram: Unterm Strich geht es uns sehr gut. Das Jahr 2023 läuft bislang sogar besser als erwartet. Aber die Gemengelage, die Sie beschreiben, beschäftigt uns natürlich sehr. Der Ausblick trübt sich in einigen Bereichen ein. 

Welche Herausforderungen treffen Sie besonders?  

Wolfram: Wir sind in fast allen Bereichen weg von der Vollauslastung. Denn Kunden, etwa aus Maschinenbau und chemischer Industrie, bestellen weniger als vor einem Jahr. Im Bereich Automotive ist es schwierig, die gestiegenen Kosten an unsere Kunden, die Automobilhersteller, weiterzugeben. Gleichzeitig müssen wir neue Produkte für die E-Mobilität finanzieren. Und den Bereich Medical müssen wir grundsätzlich weiter aufbauen, sodass er gleichwertig neben den anderen beiden steht.  

Evelyn Thome: Wir sind trotzdem optimistisch, denn wir sind zuletzt in allen Regionen – also Europa, Asien und denen Amerikas – gewachsen. Der Umsatz ist um 18 Prozent gestiegen. Wir sind in so vielen unterschiedlichen Branchen unterwegs, dass wir Rückgänge durch gute Ergebnisse an anderer Stelle abfedern können. Bei Infrastruktur-Projekten im Verkehr oder bei erneuerbaren Energien läuft es zum Beispiel sehr gut.  

Wie sieht es mit den Standorten Lahnstein, Ruppertsweiler und Worms aus? Sie beschäftigen dort rund 1.100 Mitarbeitende.  

Thome: Wir erwarten für Rheinland-Pfalz, dass die Beschäftigungslage mindestens stabil bleibt. Möglich ist auch, dass wir die Zahl der Beschäftigten dort noch erhöhen. Das hängt davon ab, wie sich die wirtschaftliche Situation entwickelt.  

Ihr Werk in Gernsbach im Schwarzwald wird zum Jahresende schließen. Dafür fließt eine einstellige Millionensumme nach Worms. Was genau wird sich verändern?  

Wolfram: Wir verlagern die Maschinen von Gernsbach nach Worms. So können wir einzelne Schritte der Fertigung unter einem Dach zusammenführen. Dadurch bringen wir mehr Wertschöpfung nach Worms, heben Effizienzen und können damit den Standort langfristig stabilisieren. 

Thome: Wir haben nach Möglichkeit alles versucht, um den Mitarbeitern in Gernsbach den Wechsel an einen unserer anderen Standorte zu ermöglichen. Wir möchten möglichst viele in Arbeit und Brot bei Röchling behalten. Wobei einige Kollegen auch kurz vor der Rente stehen und nicht mehr wechseln möchten. Für andere, die im Schichtdienst arbeiten, ist es schwierig, zu pendeln.  

Was sind die Stärken von Röchling in Rheinland-Pfalz? 

Thome: An unserem Industrial-Standort in Lahnstein sind wir ein großer Arbeitgeber mit rund 390 Beschäftigten. Hier haben wir ein enormes Know-how sowohl in der Extrusion als auch für weitere Prozesse. Damit sind wir im Wettbewerb weit vorn.  

Wolfram: In Worms wiederum ist unsere Stärke die Kombination aus Werk und Entwicklungszentrum. Hier befindet sich neben Leifers in Südtirol eins unserer beiden großen globalen Technical Center für den Automotive-Bereich. Diese Mischung ist für den Standort Worms sehr wichtig, wenngleich eine Fertigung in Deutschland als Hochlohnland zunehmend schwierig wird. Deshalb fokussieren wir uns in Worms sehr bewusst auf Produkte und Bauteile, bei denen die Nähe zu den Kunden wichtig ist. 

Was hat Röchling im Wormser Entwicklungszentrum genau vor? Hier erfahren Sie Details: Autos in der Wasserstraße - Was Röchling in Worms testet

Ist es derzeit schwer, geeignetes Personal zu finden?  

Thome: Es ist herausfordernd, gerade für die Fertigung, die ja rund um die Uhr läuft. Wir suchen Fachkräfte aller Art. Deshalb sind wir in unseren Teams sehr international aufgestellt – gerade auch an den Standorten Worms und Lahnstein. Man muss nicht zwangsläufig der deutschen Sprache mächtig sein. Sicher wird überwiegend Deutsch gesprochen, aber wir arbeiten stark vernetzt mit unterschiedlichen Kunden und anderen Unternehmensteilen. Neben Deutsch wird viel Englisch gesprochen.  

Welche Trends und Entwicklungen werden Sie in den nächsten Monaten besonders beschäftigen? 

Thome: Ein wichtiges Thema ist Nachhaltigkeit. Viele unserer langlebigen  Kunststoffanwendungen sind schon seit längerem biobasiert und recyclingfähig. Unser Ziel ist es, zu den Standardmaterialien jeweils einen nachhaltigen Zwilling anbieten zu können.  

Wolfram: Die Produkte eignen sich für sehr viele Anwendungen, aber es braucht natürlich auch die entsprechende Nachfrage durch die Kunden. Diese sind aufgrund der Kosten oft noch zurückhaltend.  

Thome: Ein anderes Thema sind die politischen Rahmenbedingungen. Wir sind nicht energieintensiv, aber abhängig von Energie. Wir benötigen neben niedrigeren Kosten dringend mehr Planbarkeit bei den Energiekosten, um in Europa wettbewerbsfähig zu bleiben.  

Wolfram: Eng damit zusammenhängt, dass wir ein stärkeres Bewusstsein für die schleichende Deindustrialisierung in Europa und besonders in Deutschland brauchen. Unser Wohlstand, unser Leben, so wir es kennen, braucht diese starke Industrie, den weltweit erfolgreichen Mittelstand. Und da sind gewisse Tendenzen, die dem entgegenlaufen: Bürokratie, Energiepreise, fehlende Investitionsanreize. Hier sollte die Politik dringend gegensteuern.  

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