Deutsche Unternehmen brauchen internationale Fachkräfte. Viele Betriebe zögern jedoch damit, im Ausland zu rekrutieren. Einer der Gründe: Sie können die Qualifikationen der Kandidatinnen und Kandidaten schlecht einschätzen. Ein professionell vorbereitetes und durchgeführtes Bewerbungsgespräch schafft hier Klarheit.
Bewerbungsgespräche mit internationalen Fachkräften: eine Herausforderung
Wie das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) in einem ausführlichen Leitfaden aufzeigt, bieten digitale Bewerbungsgespräche mit ausländischen Talenten die Chance,
- deren Skills besser einzuordnen,
- zu prüfen, ob die Chemie zwischen den Beteiligten stimmt und
- mit überzeugendem Employer Branding zu punkten.
Die gilt nur, wenn sich die Personal-Profis des Unternehmens der Herausforderungen bewusst sind und sie im Vorfeld angehen. Dazu zählen:
- der Umgang mit Zeugnissen und weiteren Bewerbungsunterlagen,
- Sprachbarrieren,
- abweichende Erwartungen an den Ablauf des Bewerbungsgesprächs,
- technische Hürden,
- organisatorische Fragen, etwa zur Einreise.
Klarheit und eine gemeinsame Sprache helfen weiter
Das KOFA rät:
- Machen Sie die Agenda samt aller Teilnehmenden vorab klar.
- Drücken Sie sich verständlich aus.
- Entscheiden Sie vorab, welche Sprache für das Bewerbungsgespräch optimal ist und lassen gegebenenfalls dolmetschen.
- Planen Sie genug Zeit für Rück- und Verständnisfragen ein.
Ein besonderer Fokus gilt der Einschätzung der Kompetenzen:
- Gehen Sie mit einer Skill-Checkliste in das Gespräch.
- Fragen Sie nach praktischen Erfahrungen, Arbeitsbeispielen und Referenzen.
- Erkundigen Sie sich nach Arbeitsproben oder lassen welche erstellen.
Stimmt die Chemie?
Gerade für das Gespräch mit Kandidatinnen und Kandidaten aus einer anderen Unternehmenskultur bedarf es einer Atmosphäre psychologischer Sicherheit.
- Informieren Sie sich über Smalltalk- und Businesstalk-Gewohnheiten des Herkunftslandes.
- Stellen Sie auch interessierte Alltagsfragen.
- Klären Sie die gegenseitigen Erwartungen.
- Identifizieren Sie Unterstützungsbedarf, zum Beispiel bei Einreise, Wohnungssuche, Spracherwerb.
Drei Fragen an den KOFA-Experten Fabian Semsarha
Was unterscheidet Job-Interviews mit internationalen Fachkräften von denen mit einheimischen Bewerberinnen und Bewerbern?
Job-Interviews mit internationalen Fachkräften sind häufig komplexer, weil neben fachlichen Themen auch sprachliche, kulturelle und organisatorische Aspekte eine Rolle spielen. Lebensläufe und Abschlüsse sind oft nicht direkt mit denen einheimischer Personen vergleichbar, weshalb der Fokus stärker auf konkreten Tätigkeiten und praktischer Erfahrung liegen sollte. Zudem geht es im Gespräch häufiger um Fragen des Lebens und Arbeitens in Deutschland, etwa zu Arbeitskultur, Sprache oder Rahmenbedingungen außerhalb des Jobs.
Welche Herausforderung wird dabei oft unterschätzt?
Unterschätzt wird häufig, wie stark sprachliche Unsicherheiten die Gesprächssituation beeinflussen können – ohne dass dies etwas über die fachliche Kompetenz aussagt. Wenn Fragen zu abstrakt formuliert sind oder zu wenig Zeit eingeräumt wird, bleiben Potenziale leicht verborgen. Ebenso wird oft unterschätzt, wie wichtig es ist, Erwartungen an Job, Arbeitsalltag und Leben in Deutschland offen anzusprechen, um spätere Enttäuschungen zu vermeiden.
Wie ermittelt man im Bewerbungsgespräch, ob Kompetenzen und Erwartungen zueinander passen?
Das gelingt am besten, indem Unternehmen im Gespräch gezielt nach konkreten Tätigkeiten und Erfahrungen fragen, statt sich auf formale Abschlüsse zu verlassen. Hilfreich sind Nachfragen zu typischen Arbeitssituationen, eingesetzten Werkzeugen oder Projekten. Gleichzeitig sollten Erwartungen beider Seiten offen besprochen werden – etwa zu Aufgaben, Entwicklungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen. So entsteht ein realistischer Abgleich von Anforderungen, Kompetenzen und Perspektiven.