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Faktencheck

Sechs Fakten zum Pflanzenschutz

Was die Glyphosat-Debatte für Bauern bedeutet.

von Sabine Latorre

· Lesezeit 3 Minuten.

Noch im November stimmte Deutschland dem Vorschlag der EU-Kommission zu, den Einsatz des wichtigsten Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat für weitere fünf Jahre zu genehmigen. Doch jetzt tritt man auf die Bremse: Man wolle das „deutlich einschränken“ und „so schnell wie möglich beenden“, heißt es im Koalitionsvertrag. Das hätte Folgen.

Konventionell dominiert

Union und SPD bekennen sich zu einer „flächendeckenden Landwirtschaft – sowohl ökologisch als auch konventionell“. Doch für die große Mehrheit der Nicht-Ökobauern, die 2016 bundesweit rund 93 Prozent der Flächen bewirtschafteten, ist die Glyphosat-Kehrtwende ein Alarmsignal. In Rheinland-Pfalz bewirtschaften derzeit 17 100 Betriebe 708 200 Hektar, die Landwirtschaft wird auch hier größtenteils konventionell betrieben.

Bio erfordert Investitionen

Zwar zeigt der Biolandbau, dass es auch ohne chemische Helfer geht – mit kleinen Feldern, vielseitiger Fruchtfolge und schonender Bodenbearbeitung. Und auch in Rheinland-Pfalz steigt der Anteil an Ökobetrieben stetig. Mit einem Öko-Aktionsplan will Ernährungsministerin Ulrike Höfken (Grüne) erreichen, dass die ökologische Landwirtschaft im Land auf 20 Prozent der bewirtschafteten Flächen wächst – und sich damit im Vergleich zu heute verdoppelt. Für Landwirte bedeutet die Umstellung auf Biolandwirtschaft allerdings, dass sie investieren müssen.

Bio ist teurer

Nur eine Minderheit der Verbraucher will oder kann sich die teureren Bioprodukte leisten: Lediglich jeder Siebte kauft mehr Bio- als konventionelle Lebensmittel, jeder Fünfte kauft gar kein Bio, ergab eine Umfrage der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers. Wer mit der „Schnäppchenjagd an der Supermarkttheke“ mithalten müsse, also für das Gros der Verbraucher produziere, „hat keine vernünftige Alternative“, sagt Professor Christoph Schäfers, Bereichsleiter am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie: „Wenn Glyphosat einfach so verboten wird, gibt es auf deutschen Äckern bald keine wirtschaftliche Lebensmittelproduktion mehr.“

Keine effektiven Alternativen

„Kein chemisches Mittel ist derzeit so effektiv wie Glyphosat. Die Ersatzstoffe sind entweder giftiger oder unwirksamer oder beides“, sagt Fraunhofer-Experte Schäfers. In der Not würden die Bauern auch in erosionsgefährdeten Lagen wieder pflügen. Oder ihre Betriebe aufgeben – dann gäbe es eben mehr importierte Lebensmittel, die unter schlechteren Bedingungen produziert werden könnten.

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Schädlichkeit strittig

Seit 1974 ist Glyphosat auf dem Markt, 800 000 Tonnen werden jährlich weltweit produziert, das ist ein Drittel aller Pflanzenschutzmittel. Zu der Frage, ob die Substanz Krebs auslösen kann, gibt es widersprüchliche Studien. Schäfers schätzt die negativen Folgen als „sehr gering“ ein, wenn auf Anwendungen vor der Ernte verzichtet wird. Professor Andreas Hensel, Chef des Bundesinstituts für Risikobewertung in Berlin, wehrt sich seit Jahren gegen eine aus seiner Sicht hysterische Gefahrendebatte. So kommentierte er eine Kampagne von Umweltschützern („Glyphosat raus aus dem Bier!“) mit dem Hinweis: „Um eine kritische Menge Glyphosat aufzunehmen, müsste man täglich 1 000 Liter Bier trinken.“

Hightech als Ausweg

Neue Technologien helfen beim Anbau. Für Fraunhofer-Experte Schäfers geht es im Kern nicht um eine Substanz wie Glyphosat, sondern um eine Vision: Wie kommt man, auch mit Blick auf die Artenvielfalt im Ökosystem, zu weniger chemischem Pflanzenschutz? „Hightech-Ackerbau mithilfe von Sensoren, Satelliten und Robotern kann helfen – aber das braucht Zeit und Geld. Man muss Lösungen mit der Landwirtschaft suchen, nicht gegen sie.“

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