Arbeitspolitik

Das tut die Chemie gegen Kunststoffmüll

Umweltschutz dank Recycling und Müllvermeidung.

von Hans Joachim Wolter

· Lesezeit 3 Minuten.
Foto: dpa, PET Pfandflaschen

Die EU will den Kunststoffabfall bekämpfen – mit Verboten. Von 2021 an droht einigen Einwegprodukten das Aus. Die Kunststoffbranche hält dagegen: „Wir sollten vielmehr gegen die Wegwerfmentalität vorgehen und die Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette intensivieren“, so Rüdiger Baunemann, Chef des Herstellerverbands PlasticsEurope Deutschland. „Denn wir brauchen mehr Kreislaufwirtschaft.“ Was heute schon bei Recycling und Müllvermeidung geht, zeigen diese Beispiele aus der Chemieindustrie. Und was jeder von uns zur Müllvermeidung in der Mittagspause tun kann, lesen Sie hier.

Kunststofffenster

Beim Renovieren anfallende Fensterrahmen aus PVC sammelt der Rewindo-Service über ein bundesweit flächendeckendes Rückholsystem ein. Dahinter steht eine Initiative von acht Profilherstellern, zu der die Firma Profine in Pirmasens (1.200 Beschäftigte) gehört. Auch für Bodenbeläge, Rohre und Dachbahnen aus PVC gibt es Recyclingsysteme. Das Ergebnis: Nahezu 40 Prozent des PVC-Abfalls hierzulande wurden im Jahr 2017 als Werkstoff recycelt, insgesamt 257.000 Tonnen. Europaweit wurden sogar 640.000 Tonnen wiederverwertet. Das spart nicht nur Neumaterial; im Vergleich dazu verringert Recycling-PVC den Klimagasausstoß bei der Produktion um 90 Prozent.

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Verpackungen

Deren Recycling treibt seit einem Jahrzehnt das Mainzer Unternehmen Werner & Mertz (1.000 Mitarbeiter) voran, heute zusammen mit vier Partnerfirmen in der „Recyclat Initiative“. Mit PET aus der Pfandflaschensammlung fing der Hersteller von Haushaltsreinigern (Marke „Frosch“) an. Heute setzt er auch Massenkunststoffe wie Polyethylen (HDPE) aus dem Gelben Sack ein. „Wir sind in unserer Branche der einzige Markenhersteller, der daraus wieder hochwertige Flaschen macht und einsetzt“, sagt Timothy Glaz, Leiter Corporate Affairs bei den Mainzern. Sogar durchscheinende Behälter werden so gefertigt. Insgesamt hat Werner & Mertz aktuell bereits 220 Millionen dieser Flaschen verkauft. Glaz: „Wir zeigen, was geht, während andere Hersteller noch Versprechen machen.“

Granulate

Die Kügelchen sind Ausgangsbasis für jedes Kunststoffprodukt. Und manchmal finden sie sich auch im Meer. Damit das nicht passiert, sie gar nicht erst in Umwelt und Flüsse gelangen, haben sich 50 Unternehmen zur Initiative „Null Granulatverlust“ zusammengetan. Jeder Betrieb arbeitet seinen eigenen, detaillierten Maßnahmenplan ab und wird dafür zertifiziert. Oft helfen schon einfache Dinge wie Gullys durch Siebe zu sichern. Oder den Boden in den Werkhallen glatt zu beschichten, damit sich das Granulat leicht aufkehren lässt. Auch hier mit dabei ist Profine in Pirmasens.

Dämmstoff

Altes Styropor von Hausfassaden wollen 60 europäische Unternehmen der Initiative „Polystyrene Loop“ bald wiederverwerten. Für 9 Millionen Euro werden sie dazu in diesem Jahr in Terneuzen (Niederlande) eine Pilotanlage mit 3.000 Tonnen Jahreskapazität bauen. Der Styroporabfall wird mit einem umweltschonenden Lösemittel aufgelöst und durch Filtern gereinigt. Dann wird das Styropor wieder ausgefällt. Das Verfahren entfernt zugleich das heute verbotene Flammschutzmittel HBCDD, das oft in altem Dämmstoff enthalten ist. Hersteller Philippine Dämmstoffsysteme in Lahnstein (400 Beschäftigte) unterstützt das Projekt.

Vom Kunststoff zum Rohstoff

Ganz grundsätzlich will das Chemieunternehmen BASF in Ludwigshafen (35.000 Beschäftigte) das Abfallproblem jetzt anpacken, mit seinem „ChemCycling“: Aus Kunststoff soll wieder Rohstoff werden. Zurzeit werden erste Pilotprodukte entwickelt. Dabei kooperiert der Konzern mit der Verwerterfirma Recenso in Remscheid (Nordrhein-Westfalen). Sie wandelt den Kunststoffmüll durch starkes Erhitzen in ein Öl um. Das wird dann in den riesigen Steamcrackern in Ludwigshafen wieder als Rohstoff eingesetzt, um Grundstoffe für die Chemieproduktion zu gewinnen. Vorteil des Verfahrens: Es ermöglicht auch das Wiederverwerten gemischter oder verunreinigter Kunststoffe, die derzeit nicht recycelt werden. BASF-Chef Martin Brudermüller versichert: „Mit chemischem Recycling wollen wir einen signifikanten Beitrag leisten, die Menge des Kunststoffmülls zu verringern.“

Was Chemie-Mitarbeiter über Nachhaltigkeit denken

Auch die Chemie-Mitarbeiter denken „grün“. Das hat eine Umfrage der Brancheninitiative Chemie³ ergeben, die sich für mehr Nachhaltigkeit nicht nur im Umweltengagement der Chemieunternehmen einsetzt. Demnach ist der Begriff „Nachhaltigkeit” fast allen Befragten bekannt: Knapp zwei Drittel (59 Prozent) gaben in der Befragung Mitte 2018 an, ihn genau zu kennen. Weitere 37 Prozent der Beschäftigten haben eine grobe Vorstellung, was er bedeutet. Vier Prozent kennen den Begriff, seine genaue Bedeutung aber nicht. 98 Prozent der Befragten allerdings verbinden mit Nachhaltigkeit Umweltthemen, 40 Prozent soziale Aspekte und nur 28 Prozent sehen einen wirtschaftlichen Zusammenhang.

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