Der Steamcracker II der BASF im Licht der Abendsonne: Mit einer Fläche von 64.000 Quadratmetern ist er die größte einzelne Anlage am Standort Ludwigshafen.

Arbeitspolitik

CO2: Chemieindustrie kämpft gegen Klimagas

Wie die Chemieindustrie ihren CO2-Ausstoß bis 2050 drastisch senken will.

von Hans Joachim Wolter

· Lesezeit 3 Minuten.

Die Bundesregierung packt den Klimaschutz an: Sprit, Heizöl und Gas werden verteuert, das Gebäudedämmen steuerlich absetzbar, Kohlekraftwerke abgeschaltet. Zahlreiche Vorhaben sollen den Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um 55 Prozent senken und bis 2050 fast vollständig auf null bringen. Eine gewaltige Herausforderung – auch für die Industrie.

Und doch: Die Chemie kann das schaffen, sagt eine neue Studie des Branchenverbands VCI. Verbandschef Wolfgang Große Entrup gibt als Ziel vor: „Wir wollen global die Speerspitze der technologischen Transformation bilden.“ Derzeit emittiert die Chemie 113 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Das deutlich zu verringern, erfordert Riesensummen. Allein in neue Herstellungsverfahren für sechs Grundchemikalien müssen die Unternehmen 45 Milliarden Euro investieren.

Technologiesprünge nötig

Besonders bei energieintensiven Prozessen reichen stetige kleine Verbesserungen nicht mehr aus, da sind Technologiesprünge nötig. Deshalb arbeiten BASF-Forscher an grundlegend neuen Verfahren für die Zeit ab 2030. Beispiel Steamcracker: Die Riesenanlagen erzeugen bei 850 Grad Celsius aus Rohbenzin wichtige Grundchemikalien für die Chemieproduktion. Statt mit Erdgas wollen Techniker sie künftig mit Ökostrom beheizen. Das könnte den CO2 -Ausstoß um bis zu 90 Prozent verringern. Noch sind viele Fragen offen. So müssen Materialprüfungen zeigen, welche Metallwerkstoffe die hohen Stromstärken dauerhaft aushalten.

Weniger CO2 dank neuer Reifenpressen

Auch der Reifenspezialist Michelin setzt auf neue Technik. Und hat dazu am Standort Bad Kreuznach (1.500 Beschäftigte) mehrere Millionen Euro in 19 neue Vulkanisationspressen investiert. In diesen Pressen erhalten die Reifenrohlinge unter hohem Druck ihr Profil, und der Kautschuk geht in den elastischen Zustand über. Bisher wurde der Werkstoff mit Dampf erhitzt, jetzt geschieht das elektrisch. Vorteil: Betrug der Wirkungsgrad der Pressen früher nur 4 Prozent (96 Prozent der Energie blieben ungenutzt), steigt er jetzt auf 60 Prozent; der Energiebedarf verringert sich auf ein Zehntel. Ergebnis: Der CO2 -Ausstoß des Werks wird um jährlich 2.500 Tonnen sinken.

Der Chemiespezialist Budenheim erzeugt seit 2017 mehr Energie selbst. Für 2 Millionen Euro hat das Unternehmen im Werk Budenheim (800 Mitarbeiter) ein mit Erdgas betriebenes Blockheizkraftwerk errichtet. Das produziert heute 40 Prozent des in den Betrieben nötigen Stroms, versorgt das Werk mit Dampf und heizt mit der Abwärme des Motors Büros und Betriebe. Insgesamt erreicht das Blockheizkraftwerk eine Energieausbeute von fast 80 Prozent – weit mehr als ein gewöhnliches Kraftwerk. Und es verringert so den Klimagasausstoß.

Ökostrombedarf wird steigen

Der Bodenbelaghersteller Tarkett, der in Frankenthal und Konz 428 Mitarbeiter zählt, hat seine weltweiten Kohlendioxid-Emissionen seit 2010 um 8,5 Prozent je Quadratmeter Produkt verringert. Er bezieht 27 Prozent der Energie aus eigenen Solarzellen, Biomasse, Geothermie oder zugekauftem Ökostrom.

Klar ist: Die Chemieproduktion der Zukunft wird jede Menge Strom zu wettbewerbsfähigen Preisen benötigen, Ökostrom natürlich. Bei einer Verringerung des CO2 -Ausstoßes um 60 Prozent wären es laut der VCI-Studie 224 Milliarden Kilowattstunden im Jahr. Das ist so viel Grünstrom, wie hierzulande im ganzen Jahr 2018 erzeugt wurde. Da passt es (nicht nur) der chemischen Industrie gar nicht ins Konzept, dass in diesem Jahr der Zubau von Windanlagen in Deutschland fast zum Erliegen gekommen ist.

Weitere Themen aus Politik und Wirtschaft, die die Chemieindustrie in Rheinland-Pfalz betreffen, finden Sie in unserer Rubrik Arbeitspolitik.

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