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Tarifabschluss: So erleichtern die Sozialpartner die Transformation

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Tarifabschluss: So erleichtern die Sozialpartner die Transformation
Unterstützung im Wandel: Gewerkschaft und Arbeitgeber der Chemie- und Pharmaindustrie haben besondere Lösungen entwickelt, damit die Branche wettbewerbsfähig bleibt. Foto: Andrey Popov/stock.adobe.com

Der Tarifabschluss für die 585.000 Beschäftigten in den 1.700 Betrieben der deutschen Chemie- und Pharmabranche hat eine Laufzeit von 27 Monaten bis Ende Mai 2028. Die Sozialpartner haben nicht nur Entgeltsteigerungen ab 2027 festgelegt, sondern auch besondere Maßnahmen getroffen, um die Branche in der gegenwärtigen Krise zu unterstützen: So wird der Demografie-Tarifvertrag weiterentwickelt zu einem Transformations-Tarifvertrag. 

Der Abschluss setzt ein klares Signal: In der aktuellen Krise übernehmen Arbeitgeber und Gewerkschaft gemeinsam Verantwortung – für die Wettbewerbsfähigkeit der Branche, für die Sicherung von Arbeitsplätzen und für Investitionen in die Zukunft des Chemie- und Pharmastandorts Deutschland.

Planungssicherheit und Orientierung in der Krise

„Der Tarifabschluss zeigt, dass wir in einer schwierigen Situation gemeinsam Verantwortung übernehmen“, kommentiert Katja Scharpwinkel, Präsidentin des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC). Die Einigung spiegle die Krise der Branche wider. Zugleich gebe sie Planungssicherheit und Orientierung. 

„Mit dem Weg zur Einigung wie auch mit dem Ergebnis zeigen wir, dass Sozialpartnerschaft einen Unterschied macht. Beiden Seiten ist bewusst, wie groß die Herausforderungen sind. Und beide Seiten wollen anpacken, damit wir Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen. Das ist ein wichtiger Beitrag der Sozialpartner, mit dem wir Perspektiven für Standort und Beschäftigung verbessern“, so Scharpwinkel. 

Dringende Entlastung für die Unternehmen

„Dieser Tarifabschluss bringt den Unternehmen die dringend benötigte Entlastung“, unterstreicht BAVC-Verhandlungsführer Matthias Bürk. „Dauerhaft mehr zahlen die Arbeitgeber erst ab 2027 – und das zu krisengerechten Konditionen.“ 

Die lange Laufzeit gebe den Unternehmen ein hohes Maß an Planungssicherheit. Zugleich betreten die Sozialpartner Neuland mit dem Transformations-Tarifvertrag: „Auf betrieblicher Ebene bündeln wir Ressourcen für den Umbruch – zielgenau, praxisnah und sozialpartnerschaftlich. Wir helfen da, wo es nötig ist, und investieren gemeinsam in die Zukunft unserer Branche“, so Bürk.   

Unternehmen können die Tariferhöhung auch vorziehen

Von März bis Dezember 2026 werden die Tarifentgelte unverändert fortgeschrieben. Ab 1. Januar 2027 erhalten die Beschäftigten eine Entgelterhöhung von 2,1 Prozent. In einer zweiten Stufe werden die Entgelte ab 1. Januar 2028 um 2,4 Prozent erhöht. Die Ausbildungsvergütungen steigen entsprechend. Die Gesamtlaufzeit beträgt 27 Monate bis Ende Mai 2028.  

Unternehmen, die nicht wesentlich von der Krise betroffen sind, können eine oder beide Stufen der Tariferhöhung um 3 Monate vorziehen. In diesem Fall beraten sich zunächst die Betriebsparteien. Die abschließende Entscheidung trifft der Arbeitgeber.  

So hilft der Tarifvertrag in der Transformation

Der bestehende Demografie-Tarifvertrag wird zu einem Transformations-Tarifvertrag weiterentwickelt – und das ist ein tarifpolitisches Novum in einem großen Flächentarifvertrag. Zentrale Neuerung: Die Mittel des betrieblichen Demografiefonds können ab sofort auch für Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung eingesetzt werden – zum Beispiel für Investitionen in Weiterbildung, in Ausbildungskapazitäten oder in persönliches Coaching. 

Die Verwendung der Mittel erfolgt zielgenau ausgerichtet am Bedarf im Betrieb.

Für die Jahre 2026 und 2027 zahlen die Arbeitgeber einen zusätzlichen Betrag in Höhe von 300 Euro pro Kopf und Jahr in den betrieblichen Fonds ein (für Auszubildende 150 Euro pro Kopf und Jahr). Der Arbeitgeber kann entscheiden, den Betrag auszuzahlen oder für andere Zwecke des Tarifvertrags zur Verfügung zu stellen. Zudem können die Beträge für 2026 und 2027 in einem Jahr gebündelt werden.  

Die Sozialpartner investieren gemeinsam in Future Skills und Fachkräfte

Zusätzlich werden IGBCE und BAVC weitere Instrumente finanzieren und ausbauen, die Unternehmen und Beschäftigten im Strukturwandel helfen: Das in der Branche etablierte Analyse-Tool PYTHIA Chemie wird weiterentwickelt: Es bietet künftig sowohl eine Demografie- als auch eine Qualifikationsanalyse im Unternehmen. Mit dem Tool können Unternehmen die vorhandenen Qualifikationen ihrer Beschäftigten abbilden und den zukünftigen Qualifikationsbedarf ermitteln, insbesondere im Hinblick auf demografiebedingte Fluktuation. Eine regelmäßige Demografie-Analyse ist in der Chemie bereits seit 2008 Bestandteil des Flächentarifs. 

Der Future Skills Report Chemie wird aktualisiert und ausgeweitet. Er ermittelt KI-basiert auf Grundlage von Stellenausschreibungen, welche Kompetenzen in der chemisch-pharmazeutischen Industrie künftig benötigt werden, und bietet Unternehmen und Beschäftigten so eine verlässliche Orientierung zu in der Branche gefragten Berufen und Kompetenzen. 

Die finanzielle Förderung des bundesweit angebotenen Fachkräfteradars Chemie durch die Sozialpartner wird verlängert und das Angebot ausgebaut. Die Online-Plattform ermöglicht es Fachkräften und Ausbildungsabsolventen, die nicht weiterbeschäftigt werden können, schnell und einfach von anderen Betrieben kontaktiert zu werden, die Personalbedarf haben. 

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