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Was bedeutet der Industriestrompreis für die Chemiebranche in Deutschland?

Für energieintensive Unternehmen wie die Chemie ist die aktuelle Industriestrompreis-Initiative sehr wichtig.

von Elke Bieber

· Lesezeit 4 Minuten.
Energieintensiv und zentral für die deutsche Gesamtwirtschaft: Die Chemie- und Pharmabranche ist der größte Stromverbraucher Deutschlands und befürwortet die aktuelle Industriestrompreis-Initiative. Foto: BASF SE

Die Chemieindustrie verbraucht rund 11 Prozent des Stroms in Deutschland und stöhnt unter der Last der Kosten. Im Mai legte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sein Arbeitspapier zum Industriestrompreis vor. Dieser soll energieintensive Unternehmen auf dem Weg in die grüne Transformation stärken. Bundesfinanzminister Christian Lindner und die meisten Wirtschaftsweisen sind dagegen. Bislang hat sich die Bundesregierung auf kein Vorgehen geeinigt. In der jüngsten Regierungspressekonferenz  hieß es lediglich: Kanzler Olaf Scholz wünsche sich für Deutschland vertretbar niedrige Energiepreise, jedoch keine Dauersubvention. Um unseren Standort noch attraktiver zu machen, setze die Regierung nun auf einen Dreiklang aus Investitionsförderung, Abschreibungen und dem Industriepreis – für eine Übergangsphase.

Industriestrompreis: für den VCI ein Muss

Die Chemieindustrie betrachtet den Industriestrompreis allerdings als ein Must-have, wie es Wolfgang Große Entrup, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), formuliert. Die Energiekrise habe energieintensive Unternehmen wie die Chemie enorm belastet. Zwar seien die Preise inzwischen wieder gesunken. Dennoch bleibe der Abstand zu internationalen Konkurrenten groß. 

 

Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Foto: VCI/Lohnes

Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Foto: VCI/Lohnes

Ohne Chemie, ohne Grundchemie, ohne energieintensive Industrien funktioniert kein Windrad, keine Batterie und keine moderne Mobilität.“

Woanders ist Strom günstiger

  • Im europaweiten Eurostat-Preisranking für Unternehmensstrom  stand Deutschland 2022 mit einem Unternehmensstrompreis von rund 15 Cent (ohne Steuern) auf Platz 14 (von 38), etwa gleichauf mit Belgien.
  • Länder wie Frankreich (rund 12 Cent) und die Niederlande (rund 13 Cent) liegen dagegen mit ihren Unternehmensstrompreisen deutlich darunter.
  • Einen äußerst günstigen Strompreis bieten die USA. Er betrug 2022 für Industrieunternehmen nur gut 8 US-Cent je Kilowattstunde (umgerechnet knapp 8 Euro-Cent). In Europa wird er nur von wenigen Ländern unterboten, etwa Island oder Moldawien.

Der Strompreis ist ein Standortfaktor

Die Sorge des VCI ist: Gerät die Chemieindustrie in Deutschland wegen der hohen Energiekosten gegenüber ausländischen Playern ins Hintertreffen, könnte sie Standorten wie den USA den Vorzug geben. In Deutschland hat die Energiekrise unter Umständen zur Folge, dass energieintensive Unternehmen ihre Produktionen oder Teile davon auf Dauer stilllegen. Dies wiederum betrifft auch andere Branchen, weil die energieintensiven Unternehmen am Anfang der Wertschöpfung stehen. Eingeübte Lieferketten und Innovationswege könnten Schaden nehmen.

Was die Chemie- und Pharmaindustrie, die bedeutendste energieintensive Branche in Deutschland, betrifft, so hat sie im ersten Halbjahr 2023 in der Tat hohe Produktionseinbußen erlitten:

  • Laut VCI-Halbjahresbericht sank die Produktion um rund 11 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2022. Dies betrifft vor allem die Grundstoffsparten, weniger die Fein- und Spezialchemikalien.
  • Ähnlich schrumpfte der Umsatz (- 12 Prozent), dabei vor allem im Inland (- 16 Prozent gegenüber -9 Prozent im Ausland).
  • Zugleich stiegen die Erzeugerpreise um 11 Prozent und belasteten damit die Chemie- und Pharmaunternehmen.

Die Zahl der Beschäftigten ist stabil

Eine gute Nachricht ist jedoch, dass die Beschäftigung in der Chemie- und Pharmabranche stabil geblieben ist. Dort arbeiten derzeit rund 477.000 Menschen. Zudem haben die Pharmaunternehmen ihre Produktion im ersten Halbjahr 2023 auf demselben Level wie im Vorjahreszeitraum gehalten. 
 

Markus Steilemann, Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Foto: Covestro AG

Markus Steilemann, Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Foto: Covestro AG

Positiv ist, dass inzwischen auch die Politik den Ernst der Lage erkannt hat. Jetzt müssen Taten folgen. Und zwar schnell, unbürokratisch und gezielt, etwa durch einen Industriestrompreis als Brücke in die Zukunft.“ 

Der Industriestrompreis – was ist das eigentlich?

Als eine solche Brücke hat sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck den von ihm initiierten Industriestrompreis gedacht. Dieser soll bis ca. 2030 die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Unternehmen schützen. Das heißt: Standorte und Arbeitsplätze in Deutschland bewahren. Der geplante Deckel von nur 6 Cent pro Kilowattstunde kommt demnach Unternehmen zugute, die

  • tariftreu sind und Standortgarantien abgeben sowie
  • sich zur Transformation zu einer klimagerechten Wirtschaftsform verpflichten.

Zudem wird der Brückenstrompreis nur auf 80 Prozent des Verbrauchs angewendet. So bleibt ein Anreiz zum Stromsparen. Mittel- und langfristig soll die Industrie direkten Zugang zu billigem grünem Strom erhalten. Dieser muss indes noch erzeugt werden. Eine Welt mit genug preiswertem Ökostrom ist das Ziel, zu dem der Industriestrompreis eine Brücke schlagen soll.

Die Chemie sieht den Industriestrompreis als Voraussetzung für Klima-Investitionen

„Wer die bestehende Produktion energieintensiver Branchen erhalten und Investitionen in klimaschonende Technologien forcieren will, kommt um wettbewerbsfähige Strompreise nicht herum“, meint Wolfgang Große Entrup. Er sieht den Industriestrompreis dabei als Win-win für alle Seiten. Denn es gelte, eine gesunde Industriestruktur zu erhalten, mit der eine treibhausgasneutrale Transformation der Gesamtwirtschaft möglich werde. 
 

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