Strukturwandel und Transformation – was ist der Unterschied?
Transformation ist ein tiefgreifender Wandel, der auf Megatrends wie Digitalisierung oder Klimaschutz beruht. Er wird von Politik und Wirtschaft gestaltet und gesteuert. Zum Beispiel hin zur Elektromobilität und zur Klimaneutralität.
Strukturwandel dagegen ist eine Veränderung der Wirtschaftsstruktur, die sich etwa aus besserer Technik, neuer Konkurrenz oder veränderter Nachfrage ergibt. Sie kann nur begrenzt beeinflusst werden. Ein Beispiel ist der Niedergang der Kohlebergbauindustrie im Ruhrgebiet.
Was von beidem trifft auf die Chemieindustrie eher zu?
Experte Andreas Ogrinz vom Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) sagt: „Den Wandel in unserer Branche würde ich eher als Strukturwandel bezeichnen. Auslöser sind zum Beispiel Veränderungen der globalen Konkurrenzverhältnisse, eine Nachfrageschwäche in anderen Branchen und technologische Veränderungen.“
Auf die Ursachen haben die Unternehmen keinen Einfluss. Gleichzeitig hat die ganze Branche auch die Transformation zu bewältigen – durch Digitalisierung, Klimaschutz, Demografie und die Veränderung der internationalen Verflechtungen.
Was ist für Betriebe die schwierigste Herausforderung?
„Über allem steht die Herausforderung, wettbewerbsfähig zu bleiben“, betont Experte Ogrinz. Das sei deshalb so schwierig, weil Energie-, aber auch Rohstoff- und Arbeitskosten in Deutschland viel höher sind als in vielen anderen Ländern. „Das macht den Chemiestandort Deutschland zurzeit nicht besonders attraktiv.“ Besonders energieintensive Sparten wie die Grundstoffchemie leiden darunter.
Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) befragte Mitgliedsunternehmen dazu, was für sie die größten Belastungen sind. Spitzenreiter noch vor den Rohstoff-, Energie- und Arbeitskosten ist die aufwendige Bürokratie und Regulierung. Für Ökonomen sind hohe Bürokratiekosten ein „strukturelles“ Problem – weil sie die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen und so die Wirtschaftsstruktur verändern können.
Warum ist die Chemieindustrie besonders stark vom Wandel betroffen?
Der Veränderungsdruck betrifft zwar alle Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft. Aber die Chemie erlebt ihn besonders stark. Die Gründe: „Erstens, unsere Branche agiert sehr global und spürt deshalb die weltweiten Probleme stärker“, so Ogrinz. Zweitens sei sie besonders energieintensiv und kohlenstoffintensiv – daher stärker als andere von der Dekarbonisierung betroffen, also der Reduzierung von CO2-Emissionen.
Laut Statistischem Bundesamt ist die Chemieindustrie mit Abstand die energieintensivste Branche in Deutschland. Sie benötigt etwa im Schnitt fast neunmal so viel Energie wie beispielsweise die Autoindustrie und ihre Zulieferer, und 16-mal so viel wie der Maschinenbau.
Was bedeutet der Umbruch für die Jobs?
Während bestimmte Tätigkeiten in Zukunft weniger gefragt sein werden, brauchen die Unternehmen auf anderen Gebieten ganz neues Knowhow. Ogrinz spricht von „Fachkräfteparadox“: Selbst wenn Unternehmen teilweise in bestimmten Bereichen ihr Personal reduzieren, herrscht trotzdem Fachkräftemangel.
Im Jahr 2025 benötigen Arbeitgeber im Schnitt 169 Tage, um eine offene Stelle zu besetzen. Vor vier Jahren lag der Schnitt noch bei 118 Tagen. Denn in den Betrieben sind zunehmend hoch spezialisierte Skills gefragt. Daher wird Qualifizierung auch immer wichtiger. Führungskräfte müssten darauf hinwirken, ihre Teams für den Wandel fit zu machen, so Ogrinz. Und: „Jeder Einzelne muss aber auch bereit sein, sich selbst zu verändern.“