Frau Kirchhoff, die deutsche Chemie ist im Abschwung – 2025 fiel die Produktion auf ein 30-Jahres-Tief. Woran liegt das?
Deutschland steckt in einer wirtschaftlichen Schockstarre. Seit 2018 kommen wir beim Wachstum nicht vom Fleck. Die schwache Industriekonjunktur drückt die Nachfrage nach Chemieprodukten. Die Chemie ist Grundstofflieferant für zahlreiche Industriezweige und ist tief in Wertschöpfungsketten eingebunden. Wenn also die Industrie schwächelt, spürt die Branche das sofort. Dazu kommen Standortnachteile wie hohe Energie-, Arbeits- und Produktionskosten. Und der Außenhandel wird zunehmend durch geopolitische und geoökonomische Risiken erschwert. In den USA werden willkürlich Zölle erhoben, ausgesetzt und wieder neu verhandelt. Alle 48 Stunden verändert sich hier gefühlt die Gemengelage. Für die Unternehmen bedeutet das Desorientierung statt Planungssicherheit.
Warum läuft es für den Bereich Pharma besser?
Die Pharmaindustrie segelt dagegen aktuell erstaunlich stabil. Bei Beschäftigung, Investitionen oder Produktion sehen wir sogar Wachstum. Das liegt auch an der Natur der Branche: Sie ist weniger konjunktur- und krisenanfällig, sprich resilienter, und stellt Produkte her, die unabhängig von der aktuellen wirtschaftlichen Lage gebraucht werden. Aber auch an der Pharmaindustrie gehen die konjunkturelle Schwäche und die Handelshemmnisse nicht spurlos vorbei.
Ganz sorgenfrei ist die Lage also nicht?
Nein, denn auch Pharma leidet unter den strukturellen Problemen wie Fachkräftemangel, überbordender Bürokratie und der lang aufgebauten Investitionsschwäche am Standort. Und dann müssen wir auch das Gesundheitssystem berücksichtigen: Es steht seit Jahren unter Druck, der Finanzierungsbedarf steigt. Also sucht der Staat nach Einsparmöglichkeiten – und häufig fällt der Blick dabei auf Arzneimittel. In der Vergangenheit wurde dort immer wieder kurzfristig eingegriffen. Für eine Branche mit langen Entwicklungs- und Produktionszyklen sind aber gerade kurzfristige, wiederholte Eingriffe schwierig und sorgen dafür, dass Investitionen in Forschung und Produktion schwerer planbar und eher zurückgestellt werden.
Wie sehr schadet die Bürokratie?
Wir haben das ausgerechnet: Allein die Erfüllung branchenspezifischer bürokratischer Anforderungen verursachte bei den deutschen Pharmaunternehmen zuletzt Kosten von über zweieinhalb Milliarden Euro. Das eigentliche Problem ist der Faktor Zeit. Zeit ist für die Branche eine wichtige Währung. Bürokratische Prozesse binden zunehmend Ressourcen im Unternehmen, die nicht in Forschung oder Produktion fließen können. Besonders deutlich wird das bei Zulassungen von Arzneimitteln: In Europa dauert ein Verfahren im Durchschnitt bis zu 120 Tage länger als in den USA. Diese Zeit fehlt den Unternehmen, um Investitionen schneller zu refinanzieren. Ähnliches gilt für klinische Studien. Und: Der Föderalismus macht es auch nicht leichter. 16 Bundesländer mit zum Teil unterschiedlichen Auslegungen der Datenschutzverordnung und Vertragspraktiken – das kostet Zeit und Geld.
Die Länder unterscheiden sich bei den Standortbedingungen. Wie schlägt sich Rheinland-Pfalz?
In Rheinland-Pfalz kommt einiges an Stärken zusammen. Der Standort hat eine lange Tradition. Über Jahrzehnte hat sich dort ein recht starkes Ökosystem aus Pharma- und Biotech-Unternehmen entwickelt, von großen Playern bis zu mittelständischen Akteuren. Außerdem funktioniert die Vernetzung: Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen arbeiten eng zusammen und diese Verflechtung reicht bis in die Wirtschaft hinein. Ein Beispiel ist die Translation, also der Übergang von Forschung in die Anwendung, bei dem es in Deutschland oftmals ordentlich hakt. Das Problem hat man in Mainz früh erkannt und seit 2010 soll etwa TRON – das Institut für translationale Onkologie – diesen Transfer beschleunigen. Auch politisch gibt es Rückenwind für die Branche. Die Landesregierung hat den Biotech- und Pharmastandort parteiübergreifend auf die Agenda gesetzt. Das hilft.
Woran lässt sich das ablesen?
Der Pharmabereich ist am Industriestandort Rheinland-Pfalz ein Schwergewicht. Über 7 Prozent der Industrieinvestitionen fließen in die Branche, auf Bundesebene sind es viereinhalb Prozent. Beim Personal zeigt sich ein ähnliches Bild. Knapp 4 Prozent der Industriebeschäftigten arbeiten im Land für Pharmaunternehmen, deutschlandweit sind es gut 2 Prozent. In der Forschung ist der Abstand noch größer: Rund 17 Prozent des industriellen Forschungspersonals und etwa 28 Prozent der internen Forschungsaufwendungen entfallen dort auf den Pharmasektor – bundesweit liegen die entsprechenden Werte bei rund 6 beziehungsweise 9 Prozent.
Wie groß ist eigentlich die Gefahr, dass Pharmabetriebe abwandern?
Kurzfristig betrachtet geringer als oft angenommen. Pharma kann nicht einfach auf der grünen Wiese neu entstehen: Die Branche braucht zum Beispiel eingespielte Produktionsstandorte, Fachkräfte und funktionierende starke Forschungsnetzwerke. Das lässt sich in Ländern, die diese Voraussetzungen nicht mitbringen, nicht ohne Weiteres nachbauen. Und auch an bereits bestehenden Pharmastandorten wäre das wahnsinnig teuer und würde Jahre dauern. Viele Unternehmen halten zwar an ihren Standorten fest, bauen diese aus und haben zuletzt in Deutschland investiert. Wenn wir aber unsere Standortnachteile nicht konsequent beseitigen, besteht mittel- bis langfristig tatsächlich die Gefahr, dass Investitionen von deutschen zu anderen Pharmastandorten verschoben werden.
Und wie realistisch ist der umgekehrte Weg – also Produktion zurückholen?
Im generischen Bereich – also bei den preisgünstigen Nachahmerpräparaten – lautet meine Antwort: gar nicht. Gerade dort ist die Abhängigkeit von China und Indien groß, etwa bei Antibiotika. Das ist ein hausgemachtes Problem. Die Produktion wurde über Jahrzehnte aus Kostengründen ausgelagert, zum Teil ganz eingestellt. Wir haben bei diesen Produkten in der Vergangenheit zu stark an der Preisschraube gedreht. Diese Produktionen kämen nur zurück, wenn sie sich hier auch längerfristig wirtschaftlich lohnen. Und das ist derzeit nicht realistisch.
Was ist stattdessen nötig, um die Arzneimittelproduktion in Europa zu sichern?
Sinnvoller ist es, über marktbasierte Anreize vorhandene Produktionen zu sichern und ihren Ausbau zu fördern. Das Mindestziel muss sein, dass eine bestehende Produktion nach Ablauf von Patent- und Unterlagenschutz nicht auch abwandert. Dann braucht es die richtigen Rahmenbedingungen, um Lieferketten zu diversifizieren. Und: Der Standort muss innovativer werden, damit zukünftige Therapien weiterhin auch aus Deutschland kommen. Das alles lässt sich allerdings nicht nur national lösen, sondern hier braucht es besonders die europäische Ebene.