Chemiestandort RLP

Vor welchen Hürden die Chemie steht

Die Chemieunternehmen müssen mehrere Krisen gleichzeitig bewältigen – und die langfristigen Herausforderungen darüber nicht vergessen.

· Lesezeit 3 Minuten.

In gewöhnlichen Zeiten ist die Chemieindustrie ein Motor des Standorts Deutschland. Ihre Produkte sind zentral für alle Lebensbereiche und für viele andere Branchen, die damit arbeiten. Jetzt aber müssen die Unternehmen mehrere Krisen gleichzeitig bewältigen:

Energiekosten

Die höchste Hürde für Chemie und Pharma sind derzeit die Energiekosten. Die Chemieunternehmen sind der größte industrielle Energieverbraucher in Deutschland: 2020 sind hier nach Angaben des VCI 215 Terawattstunden oder knapp 9 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland angefallen. Beim Strom lag der Anteil mit 10,5 Prozent leicht, beim Erdgas mit 15,4 Prozent deutlich höher. Daran lässt sich absehen, wie stark die explodierenden Preise die Branche treffen: Eine Umfrage des BAVC hat ergeben, dass Stand September 88 Prozent der Unternehmen massive Preissteigerungen bei Energie verkraften mussten – zum Teil sogar Vervielfachungen.

Preise steigen, Erwartungen schwinden

Die Unternehmen erhöhen nun zwar nach Möglichkeit die Preise, um die Kostensteigerungen weiterzugeben. Dies gelingt einem Großteil laut BAVC-Umfrage aber zu höchstens 40 Prozent. Für dieses Jahr erwarten zwei Drittel der Chemieunternehmen in Rheinland-Pfalz auch deshalb eine Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage. Und schon heute leidet die Wettbewerbsfähigkeit der Chemieproduktion in Deutschland unter den Mehrkosten: In den USA kostet die Kilowattstunde Gas 3 statt 30 Cent.

Rohstoffe und Lieferketten

Die Chemieindustrie braucht Öl und Gas nicht nur als Energieträger – sie sind auch wichtige Rohstoffe für Basischemikalien wie Ammoniak und Acetylen. Die BASF etwa nutzt 60 Prozent ihres Gasbedarfs für Energie, 40 Prozent als Ausgangsstoff. Sollten als Folge von Russlands Überfall auf die Ukraine ein Gasmangel und Rationierungen drohen, stünde der weltgrößte Chemiestandort still. Schon heute bedrohen die hohen Gaspreise die Produktion etwa von Ammoniak.

Versorgung stockt

Nicht nur die Versorgung mit fossilen Rohstoffen (und das zu deutlich höheren Preisen) bleibt eine Herausforderung für die Branche. Knapper und teurer wird es ebenfalls bei zahlreichen anderen chemischen Elementen und Vorprodukten. Der Preis für Nickel, dessen Hauptlieferant bislang Russland war, ist seit Kriegsbeginn um zeitweise 300 Prozent gestiegen. Auch Chinas Politik treibt die Preise nach oben und den Mangel voran: Corona-Lockdowns führen zu Verzögerungen und Ausfällen in den Lieferketten zum Beispiel für Lithium und Seltene Erden.

Strukturwandel

Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft, Digitalisierung, Fachkräftesicherung: Diese Transformationen werden durch Krieg, Energiekrise und Pandemie noch beschleunigt. Die Chemie wird gewaltige Investitionen stemmen, etwa in Nachhaltigkeit: Sie will bis 2045 klimaneutral sein. Dazu setzt die Branche auf neue Verfahren und Anlagen, 45 Milliarden Euro Zusatzinvestitionen veranschlagt der VCI allein für Produktionsumstellungen bei sechs Basischemikalien. Noch eine Mammutaufgabe: Der Grünstrombedarf einer CO₂-neutral fertigenden Chemie wäre mit 628 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr so hoch wie die deutsche Stromproduktion heute.

Andere Jobs, weniger Bewerber

Hinzu kommen Veränderungen durch Digitalisierung und den Fachkräftemangel. Tätigkeiten wandeln sich, und die Menschen, die sie ausüben, werden rar: Dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung zufolge gibt es in Technik und Instandhaltung sowie IT und Softwareentwicklung längst viel mehr offene Chemie-Stellen als Arbeitslose, auch in der Produktion wächst der Mangel. Zugleich gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente, während der Azubi-Nachwuchs weniger wird.

Regulierung

Der Green Deal der EU soll Europa bis 2050 klimaneutral umbauen. Dazu gehört auch eine „Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit“ (CSS) – für die Unternehmen eine weitere Hürde im anstrengenden Wettlauf um die Zukunft. Das Prinzip hinter der Strategie nennt der VCI „einen Regulierungsansatz, der sehr stark auf den gefährlichen Eigenschaften von Chemikalien basiert und die Bedingungen einer trotzdem sicheren Verwendung außer Acht lässt“. Unter anderem sollen Stoffe und Stoffgruppen nach Gefährlichkeit neu klassifiziert und ihre Anwendung soll stärker reglementiert werden.

Aufwand hoch, Umsatz runter

Während sich die wirtschaftlichen Aussichten durch Krieg und Energiepreise also ohnehin eintrüben und die notwendigen Zukunftsinvestitionen wachsen, könnte den Unternehmen durch die CSS noch ein Teil ihres Produktangebots wegbrechen. Für einen anderen Teil müssten sie aufwendig neue Rezepturen entwickeln. Der VCI erwartet ja nach Szenario bis 2040 Umsatzrückgänge zwischen 47 und 81 Milliarden Euro pro Jahr.

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