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Mit LNG-Importen will Deutschland von Russland unabhängiger werden

Wie verflüssigtes Erdgas künftig russisches Erdgas ersetzen soll.

von Hans Joachim Wolter

· Lesezeit 6 Minuten.
LNG-Tanker vor dem Terminal in Swinemünde. Bild: Wojciech Wrzesien - stock.adobe.com
LNG-Tanker vor dem Terminal in Swinemünde: Seit 2015 bezieht Polen hierüber Flüssigerdgas. Ende 2022 will das Nachbarland unabhängig von russischem Gas sein. Bild: Wojciech Wrzesien - stock.adobe.com

Tschüss, russisches Erdgas! Deutschland will den Energieträger zukünftig nicht mehr vom Kreml beziehen. Weil Norwegen und die Niederlande uns aber kaum zusätzliches Gas liefern können und auch die inländische Förderung nicht ohne Weiteres ausbaufähig ist, setzt Wirtschaftsminister Robert Habeck auf verflüssigtes Erdgas, kurz: LNG (für „liquefied natural gas“). Die USA und Katar sollen per Schiff liefern und so den Rohstoff- und Energiehunger von Industrie, Haushalten und Kraftwerken stillen.

Das geht aber nicht von heute auf morgen! Warnt Professorin Michèle Knodt, die an der Technischen Universität Darmstadt zur Energieversorgung forscht. „Unser Land kann unter optimalen Bedingungen kurzfristig maximal 74 Prozent des Gasbedarfs über höhere LNG-Importe und verstärkten Bezug von bestehenden Lieferländern decken“, hat sie errechnet. Ohne russisches Gas geht es in diesem Jahr und im Winter noch nicht – schon gar nicht in der Industrie! Frühestens Mitte 2024, schätzt auch Minister Habeck, könnte Deutschland unabhängiger von Russland sein.

Gasversorgung per LNG in großem Stil. Ein Überblick dazu, wie das gehen soll:

Wie funktioniert das überhaupt mit dem LNG?

Das Erdgas kommt nicht per Pipeline, sondern mit dem Schiff nach Deutschland. Damit die Tanker große Mengen des Energieträgers transportieren können, wird das Gas in mehreren Prozessschritten und mithilfe von Druck auf minus 162 Grad Celsius abgekühlt. Dadurch wird es flüssig – und lässt sich so auf Spezialschiffe mit riesigen Tanks pumpen. Sind die Tanker am Zielort angekommen, wird das verflüssigte Gas an Terminals abgepumpt, regasifiziert und ins Leitungsnetz gespeist. Die aufwendige Technik hat einen enormen Nachteil: Das Verflüssigen zu LNG verbraucht etwa 10 bis 25 Prozent des Erdgases.

Ist LNG deshalb also teurer als Pipeline-Gas?

Das ist leider so. LNG hat ein höheres Preisniveau als das herkömmliche Erdgas. Lieferungen nach Japan und Südkorea waren in den letzten zehn Jahren etwa 30 Prozent teurer als das per Pipeline nach Europa strömende Erdgas.

Wie viel Gas kann ein Tanker transportieren?

Im Durchschnitt haben LNG-Tanker aktuell ein Fassungsvermögen von ungefähr 150.000 Kubikmetern. Die größten Tanker können sogar 260.000 Kubikmeter LNG transportieren. Da das Gasvolumen beim Abkühlen auf ein Sechshundertstel zusammenschnurrt, nehmen diese Tankerriesen fast so viel Gas auf, wie an einem Tag von Russland her durch die Leitung „Nord Stream 1“ strömt. Zurzeit schippern laut dem Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik in Bremen rund 680 LNG-Tanker über die Weltmeere. 180 Schiffe sollen in den kommenden drei Jahren vom Stapel laufen, sie werden jetzt dringend benötigt.

Gibt es auf dem Weltmarkt überhaupt ausreichende Mengen an verflüssigtem Erdgas?

Auf die Schnelle sicher nicht. Aber: Der Markt für LNG ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Im Jahrzehnt bis 2020 legte die weltweit exportierte Menge laut der „Statistical Review of World Energy 2021“ kräftig zu: von 302 auf 488 Milliarden Kubikmeter. In diesem Jahr soll das Angebot Prognosen zufolge um maximal 30 Milliarden Kubikmeter wachsen. Meist geht das Flüssiggas dabei an vertraglich gebundene Abnehmer – das macht es schwierig, kurzfristig größere Mengen einzukaufen. Trotzdem ist das Geschäft mit LNG flexibler als das mit Pipeline-Gas. Davon profitierte Europa zum Beispiel im letzten Winter: Weil dieser in Asien sehr mild war und die Gaspreise in Europa hoch waren, drehten Tanker auf hoher See um und nahmen Kurs auf Europa. Schon in den letzten Jahren haben die EU-Staaten die Importe über ihre bisher 26 Terminals wieder gesteigert.

Aber wer liefert denn nun schnell mehr Gas nach Europa? Die Vereinigten Staaten?

Genau darauf setzt die Europäische Union. In diesem Jahr wollen die USA ihre LNG-Lieferungen in die EU um 15 auf 37 Milliarden Kubikmeter steigern. Das haben Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Joe Biden im März vereinbart. Mehr schaffen die USA kurzfristig nicht, die Terminals an der Ostküste arbeiten bereits auf Hochtouren. Ende des Jahres sollen die Kapazitäten dort deutlich gesteigert werden. Darüber hinaus will Präsident Biden neue Bohrlizenzen vergeben. In den nächsten Jahren könnten die USA dann maximal 30 Prozent der EU-Importe aus Russland ersetzen. Allerdings: Dieses Gas wird mit der umstrittenen Methode des Fracking gewonnen, also mit Druck und Chemikalien aus tiefen Gesteinsschichten gepresst. „Trotzdem brauchen wir es, wenn wir von Russland unabhängiger werden wollen“, betont Energieexpertin Knodt von der TU Darmstadt.

Wirtschaftsminister Habeck war kürzlich in Katar. Was kann das Emirat zur Gasversorgung beitragen?

Katar wird wegen seines Umgangs mit den Menschenrechten kritisiert – und richtet doch im Winter die Fußball-Weltmeisterschaft aus. Nun strebt der Minister eine Energiepartnerschaft mit dem Emirat an. Große Lieferungen sind allerdings zunächst nicht zu erwarten. 80 Prozent der Exporte von Flüssiggas gehen an Kunden mit langfristigen Verträgen, nur ein kleiner Teil lässt sich kurzfristig umleiten. Es gibt aber Hoffnung: Emir Tamim bin Hamad Al Thani will die Produktionskapazität seines Landes, ohnehin schon zweitgrößter LNG-Exporteur der Welt, bis 2027 um fast zwei Drittel steigern. Das wäre rechnerisch mehr als genug Gas für Deutschland, es wird aber sicher auch an andere Länder gehen.

Wo sollen die Tanker ihr Gas denn anlanden in Deutschland? Es gibt doch noch gar keine Terminals.

Das ist in der Tat ein Problem. Seit Jahren sind LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Stade und Brunsbüttel in der Diskussion, doch richtig voran kamen die Projekte bisher nicht. Nun müssen diese Entladestationen in „Tesla-Geschwindigkeit“ her, so der Wirtschaftsminister. Damit das klappt, stellt die Bundesregierung bis zu 3 Milliarden Euro zum Anmieten von schwimmenden LNG-Terminals bereit. Eines will der Energiekonzern Uniper bereits zum Jahresende in Wilhelmshaven in Betrieb nehmen, bis dahin sollen auch 30 Kilometer Anschlussleitung zum Gasnetz verlegt werden. Insgesamt braucht Deutschland drei bis vier Terminals, um seine Versorgung zu sichern. Schon jetzt aber bezieht die Bundesrepublik über das Netz Gas von LNG-Terminals: aus Seebrügge (Belgien), Dünkirchen (Frankreich) und Rotterdam (Niederlande). Die von dort importierte Menge ist in der letzten Zeit gestiegen.

Könnten Norwegen oder die Niederlande uns denn nicht mehr Gas liefern?

Norwegen fördert mit hoher Auslastung und will im Sommer zusätzliche 1,4 Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa leiten. Das sind aber lediglich 1 Prozent mehr als letztes Jahr. Die Niederlande wiederum wollen ihre Förderung eigentlich möglichst rasch einstellen – wegen der dadurch verursachten Erdbeben.

Begibt sich Deutschland durch sein Umsteuern in neue Abhängigkeiten?

Das zementiere die Abhängigkeit von Gas, kritisieren Umweltschützer. „Aber derzeit bleibt uns nichts anderes übrig“, erklärt Energieexpertin Knodt, „auch, weil die Industrie ihre Prozesse so schnell nicht von Gas auf Strom umstellen kann. Deshalb müssen wir beim Ausbau von Wind- und Sonnenenergie jetzt den Turbo zünden. Und: Wir alle müssen mehr fürs Energiesparen tun.“

Ohne Erdgas stünden viele Fabriken still

Ob Stahl, Chemie, Papier, Glas oder auch Lebensmittel – industrielle Produktion braucht Gas. Ohne ständigen Nachschub stünden viele Fabriken rasch still. Wo der Energieträger besonders wichtig ist:

  • Chemie-Industrie. Die gut 2.000 Firmen verbrauchen allein gut 9 Prozent allen Erdgases hierzulande. Sie benötigen es als Energieträger, um mit Hitze Grundstoffe für die Chemie- und Arzneiproduktion zu erzeugen, sowie als Rohstoff, um Ammoniak für Düngemittel herzustellen.
  • Nahrungsmittelbetriebe. Sie sind der zweitgrößte industrielle Gasverbraucher. Den größten Bedarf haben die Milchwirtschaft und die Fleischerzeuger.
  • Papierhersteller. Drittgrößter Gasverbraucher: Erdgas liefert 55 Prozent der Produktionsenergie. Nur etwa ein Zehntel des Bedarfs wäre rasch ersetzbar.
  • Metallerzeugung. Auf Rang vier in der Industrie. Gas wird zum Schmelzen, Glühen, Härten und Verformen genutzt. Für die Stahl-Industrie käme ein Lieferstopp Russlands oder ein Embargo einer Zwangsabschaltung gleich.

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