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„Die Chemie braucht wettbewerbsfähige Strompreise“

Branche in der Krise: Energie ist noch immer teurer als vor dem Ukraine-Krieg. Das ist auch eine Hürde auf dem Weg zur klimaneutralen Produktion.

von Hans Joachim Wolter

· Lesezeit 3 Minuten.
Ammoniak-Anlage von BASF in Ludwigshafen. Foto: BASF SE
Wird runtergefahren: Der Chemiekonzern BASF legt eine seiner beiden Ammoniak-Anlagen in Ludwigshafen still. Foto: BASF SE


Die Chemieindustrie steckt in der Krise: Produktion auf dem Tiefpunkt, Flaute bei den Auf-trägen, sinkende Umsätze. Dazu kämpfen die Betriebe mit hohen Rohstoffkosten und Energiepreisen. Die Preise für Erdgas und Strom sind nach den historischen Höchstständen im Jahr 2022 zwar wieder zurückgegangen. Sie liegen aber noch immer über den Werten von vor dem Ukraine-Krieg.

Vor allem der Strompreis macht Probleme, berichtet Jörg Rothermel, Bereichsleiter Energie beim Verband der Chemischen Industrie (VCI). „Wir brauchen dringend international wettbewerbsfähige Strompreise!“, fordert der Experte. „Je niedriger, desto besser.“

Im Ausland ist Strom deutlich günstiger

Einen Nachteil beim Strompreis hatten deutsche Chemiefirmen schon vor der Krise. Der Ukraine-Krieg hat ihn noch vergrößert, in dem er das Preisniveau anhob. Selbst Großverbraucher, die 150 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr benötigen, mussten hierzulande im ersten Halbjahr immer noch mehr als doppelt so viel zahlen wie 2019 – durchschnittlich knapp 16 Cent je Kilowattstunde. Zum Vergleich: Ihre Wettbewerber in China und Frankreich zahlten 9 Cent und Chemiefirmen in den USA nur 4,4 Cent.

„Mit diesen Stromkosten können viele Betriebe nicht wirtschaftlich arbeiten“, berichtet Rothermel. Besonders bei anorganischen Grundchemikalien (wie Chlor oder Natronlauge), Petrochemikalien (wie etwa Ethylen) sowie Kunststoffen ging die Produktion deshalb die-ses Jahr zurück.

Jörg Rothermel, Bereichsleiter Energie bei Verband der Chemischen Industrie in Frankfurt. Foto: VCI

Jörg Rothermel, Bereichsleiter Energie bei Verband der Chemischen Industrie in Frankfurt. Foto: VCI

Ein Industriestrompreis von 6 Cent je Kilowattstunde, wie vom Wirtschaftsministerium lange angestrebt, wäre da hilfreich. Das „Strompreispaket“ der Bundesregierung aber bringt laut dem Chemieverband keinen „Befreiungsschlag“. Berlin will die Stromsteuer für alle Unternehmen des produzierenden Gewerbes 2024 und 2025 massiv auf den zulässi-gen Mindestwert in der EU senken, also von 1,537 Cent auf nur noch 0,05 Cent je Kilowattstunde. 

Kommt das Strompreispaket überhaupt?

Eine Menge energieintensiver Industrieunternehmen sind jedoch bereits bisher großenteils von der Stromsteuer befreit. Diese Befreiung sollte Ende des Jahres auslaufen, bliebe durch das Strompreispaket aber erhalten. Bestenfalls in Einzelfällen führt das Paket zu einer nennenswerten Entlastung, für die allermeisten Betriebe ist die Senkung viel zu gering. Energieexperte Rothermel: „Die Maßnahmen werden den Wettbewerbsnachteil gegenüber China oder den USA nicht spürbar reduzieren.“ Wenn sie denn kommen. Denn auch das Strompreispaket ist wegen des Verfassungsgerichtsurteils und der Haushaltssperre aktuell in Frage gestellt.

Zudem gibt es ein weiteres Problem: Der teure Strom ist ein massives Hindernis für die Chemie, ihre Produktion klimaneutral umzubauen. Dafür müssen viele Verfahren und An-lagen elektrifiziert werden. „Das werden Unternehmen nicht tun, wenn Strom so teuer ist“, warnt Rothermel. „Wenn beim Strompreis nichts passiert, werden wir so schnell keine Elektrifizierung der Betriebe sehen.“

Schleichende Deindustrialisierung droht

Gestiegen ist durch den Ukraine-Krieg auch der Gaspreis. Er wird nicht wieder auf das Vorkrisenniveau zurückgehen. Denn das per Tanker über die Weltmeere gelieferte verflüssigte Erdgas (LNG) ist teurer als das frühere russische Pipeline-Gas. Auch das belastet die Branche. Besonders kritisch wird der hohe Gaspreis, wenn Betriebe Erdgas als Rohstoff nutzen. Die BASF will deshalb eine ihrer beiden Anlagen zur Ammoniakproduktion (für Düngemittel) und weitere Anlagen stilllegen.

Für den Standort Deutschland ist das eine problematische Mixtur. Laut einer aktuellen Studie der Beratungsfirma Deloitte und des Industrieverbands BDI sehen 59 von 100 befragten Unternehmen Energiesicherheit und -kosten als wichtigsten Grund für Investitionen im Ausland. Jede dritte Firma plant, Teile der Wertschöpfung zu verlagern. Es droht eine schleichende Deindustrialisierung. Rothermel fordert: „Die Politik muss weiter an der Zukunft des Standorts arbeiten.“ Die Chance dafür bietet die Beratung mit der Regierung über den geplanten Chemiepakt. 
 

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