Arbeiten in der Chemie

KI gegen Netzhauterkrankungen: Fortschritt im Blick

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Khaled Nassar bei Boehringer in Ingelheim
Khaled Nassar: Der gelernte Augenarzt arbeitet seit drei Jahren bei Boehringer Ingelheim. Foto: Alessandro Balzarin

Netzhauterkrankungen, etwa infolge von Diabetes, führen bislang oft dazu, dass Patienten immer weniger sehen. Im schlimmsten Fall erblinden sie. Etwa 300 Millionen Menschen weltweit leben mit diesem Risiko. Doch Nassar und ein multidisziplinäres Wissenschaftlerteam bei Boehringer Ingelheim entwickeln gerade einen vielversprechenden Ansatz, mit dem sich solche Erkrankungen frühzeitig erkennen und therapieren lassen sollen. Der Schlüssel ihres Erfolgs ist künstliche Intelligenz (KI).

Von Kairo nach Ingelheim

Nassar, 48 Jahre alt, ist einer der führenden Wissenschaftler im Bereich Netzhauterkrankungen bei dem Pharmakonzern aus Ingelheim. Der gebürtige Ägypter studierte in Kairo Medizin und kam vor 15 Jahren nach Deutschland. Das Aufsehen war groß, als das KI-Projekt im vergangenen Jahr vorgestellt wurde: Zusammen mit der Medizintechnik-Sparte des Technologieunternehmens Zeiss aus Jena wollen die Boehringer-Experten Merkmale für frühe Stadien von Netzhauterkrankungen identifizieren.

KI fördert Behandlungserfolg

Dazu nutzen sie große Mengen von Bildern der Augen, die bei der Behandlung von Patienten gemacht wurden und anonymisiert für wissenschaftliche Forschung in einer Cloud gespeichert werden. KI kann diese Daten in kurzer Zeit durchkämmen, typische Krankheitsmerkmale herausarbeiten und Muster erkennen.

„Was uns Forscher früher Stunden oder Tage gekostet hat, kann mithilfe von Algorithmen auf wenige Minuten verkürzt werden“

„Auf dieser Grundlage wollen wir herausarbeiten, an welchen Auffälligkeiten sich Krankheiten früh erkennen lassen und dann durch klinische Studien ermitteln, welche Medikamente dem Ausbruch dieser Krankheiten früh entgegenwirken können“, sagt Nassar. Zwar gibt es auch bislang schon Wege, Netzhauterkrankungen zu behandeln – etwa durch Laser oder Injektionen. „Aber wir setzen nun einen Schritt früher an: Wir entwickeln Präzisionstherapien, die dem richtigen Patienten zum richtigen Zeitpunkt die richtige Behandlung bieten. So können wir Sehverlust verhindern, indem wir eingreifen, bevor irreversible Schäden entstehen“, sagt Nassar. Das könne Risiken und Kosten immens mindern und den Behandlungserfolg erhöhen. „Was uns Forscher früher Stunden oder Tage gekostet hat, kann mithilfe von Algorithmen auf wenige Minuten verkürzt werden.“

Von der Uniklinik in die Forschung

Noch steht das Projekt ganz am Anfang: Bis die KI so eingesetzt werden kann, dass sie tragfähige Ergebnisse aus den Daten liefert, braucht es Zeit. Danach folgen klinische Studien. „Es kann einige Jahre dauern, bis die KI-gestützte Präzisionstherapie Patienten helfen kann“, sagt Nassar. Die Bewertung der Daten und daraus folgende Behandlungsschritte bleiben auch künftig Aufgabe der Wissenschaftler: „Es geht nicht darum, Verantwortung an künstliche Intelligenz abzugeben. Sie hilft uns nur, schneller ans Ziel zu kommen.“

Der Wissenschaftler sieht es als Privileg, innovative Arbeitsweisen testen und vorantreiben zu können. Als gelernter Augenarzt war er zuvor lange in Krankenhäusern tätig. In Deutschland machte er seinen Facharzt und arbeitete einige Jahre am Universitätsklinikum Lübeck. Dann entschied er sich, in die Forschung zu wechseln. „Ich lerne ständig etwas Neues – nicht nur über Medizin, sondern auch über Technologie, Ethik und Recht.“

Arbeitssprache ist meist Englisch.

Dank der Cloud-basierten Daten kann Nassar seine Arbeit fast überall ausüben. Häufig ist er im Homeoffice tätig, was ihm ermöglicht, Beruf und das Familienleben mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen gut zu vereinbaren. Während eines typischen Arbeitstags beschäftigt er sich mit Studien, nachmittags hat er oft Meetings mit Kollegen aus unterschiedlichen Zeitzonen, etwa aus China und den USA. Er ist aber auch regelmäßig in Ingelheim vor Ort, um sich persönlich mit Kollegen auszutauschen. Hinzu kommen Dienstreisen zu internationalen Kongressen, zum Beispiel nach Barcelona oder Seattle. Arbeitssprache ist dabei meist Englisch, obwohl Nassar auch sehr gut Deutsch spricht. „Und wenn es doch mal Verständnisprobleme gibt, kann KI ja inzwischen auch helfen. Sprache ist in der Forschung keine Hürde mehr“, sagt er. Mit passenden Übersetzungstools lassen sich Gespräche in Echtzeit untertiteln.

KI ist nur ein Hilfsmittel.

Ob er angesichts dieser rasanten technologischen Fortschritte Angst hat, eines Tages selbst durch eine KI ersetzt zu werden? „Überhaupt nicht“, sagt Nassar lächelnd. Denn KI sei nur ein Hilfsmittel. „Die Arbeit von uns Wissenschaftlern – also Studien zu konzipieren und zuverlässige Therapien zu entwickeln – wird sie nicht übernehmen können.“

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