Arbeitswelt

Neu durchstarten mit 50+? Und ob!

Ein Spezialteam der Agentur für Arbeit in Rheinland-Pfalz hilft gerade älteren Beschäftigten, beruflich umzusatteln. Lars Eschke, Gudrun Kräbs und Susanne Weskott von der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen schildern, was Ältere antreibt, noch mal durchzustarten – und wie es gehen kann.

von Elke Bieber

· Lesezeit 5 Minuten.
Man lernt nie aus: Die Chemieindustrie in Rheinland-Pfalz wandelt sich. Ältere finden gute Bedingungen vor, um ihre Erfahrungen und neues Know-how für ihre Weiterentwicklung zu nutzen. Foto: stock.adobe.com/nimito

Wenn Ältere sich eine Wende in ihrem Berufsleben wünschen – was sind die Gründe?

Susanne Weskott: Die sind vielfältig: Vielleicht endet die Familienphase, oder man muss die Pflege eines Angehörigen organisieren. Möglicherweise treten erste eigene gesundheitliche Probleme auf. Oder berufliche Interessen verändern oder schärfen sich. Wer schon Stellenanzeigen liest, merkt dann, dass sich bei den gewünschten Qualifikationen etwas getan hat. Mit entsprechenden Fragen kommen die Interessierten dann auf uns zu.

Gudrun Kräbs: Auch Umbrüche im Betrieb spielen eine Rolle. Betriebliche Transformationsprozesse können ein Anlass sein, über eigene Veränderungen nachzudenken. Da loten wir mit viel Feingefühl aus, welche Chancen eine Neuorientierung bietet. Veränderungen durch Automatisierung oder Robotik sehen Ältere nach unserer Wahrnehmung übrigens nicht grundsätzlich kritisch. Sie schätzen vielmehr, dass dies für Entlastung und mehr Zeit für hochwertigere Arbeiten sorgen kann. Geht es um Job-Perspektiven, nutzen wir Tools, um solche Zukunftsentwicklungen darzustellen. Dazu gehören der job-futuromat und die Digitalisierungsinfos je Beruf im Berufenet der Agentur für Arbeit.

Gudrun Kräbs, Berufsberaterin im Erwerbsleben. Foto: AA Koblenz-Mayen

„Oft sind sich Ältere ihrer Kompetenzen nicht so bewusst. Wir helfen ihnen, das zu ändern.“

Wie möchten die Älteren in aller Regel durchstarten – im selben Unternehmen, derselben Branche, oder komplett neu?

Susanne Weskott: Oft wünschen sie sich, ihren Beruf noch möglichst lange auszuüben, aber eben nicht mehr wie bisher. Wer allerdings komplett umsattelt, ist dadurch Neuling und nicht mehr Fachkraft – und das hat Folgen fürs Einkommen. Darum schauen wir, welche Qualifizierungen bessere Rahmenbedingungen ermöglichen. Geringqualifizierte können Abschlüsse nachholen und dann mit mehr Kompetenzen bei ihrem Arbeitgeber bleiben, der sie ja schon wegen ihrer Zuverlässigkeit und Erfahrung schätzt. Fachkräfte können Aufstiegsqualifizierungen machen; da gibt es viele Optionen mit unterschiedlicher Dauer, etwa zum Thema Arbeitssicherheit oder Qualitätsmanagement.

Gudrun Kräbs: Generell finden wir es gut, die vorhandene Berufserfahrung optimal zu nutzen. Auch wenn wir stets ergebnisoffen beraten – oft stellt sich heraus, dass die Gründe für die berufliche Unzufriedenheit handhabbar sind und es hilft, mit dem Arbeitgeber ins Gespräch zu kommen.

Lars Eschke: Wir beraten übrigens auch die Unternehmen. Die müssen die Fortbildungen nicht komplett selbst bezahlen. Die Förderung, zum Beispiel nach dem Qualifizierungschancengesetz, reicht vom Arbeitsentgeltzuschuss über die Erstattung von Lehrgangskosten bis zur Übernahme von Kinderbetreuungs-, Fahrt- und Lernmittelkosten der zu qualifizierenden Beschäftigten. Wird das Wissen weitergeben, profitiert das Unternehmen mehrfach. Unser Ziel ist, Fachkräfte im Unternehmen zu halten und Unternehmensstandorte zu sichern.

Welche Hürden sehen die Silver Ager?

Gudrun Kräbs: Sie erwarten, dass man ihnen mit Annahmen wie „nicht so teamfähig“, „nicht so belastbar“, „nicht flexibel oder lernfähig“ gegenübertritt. Dies können sie entkräften, etwa, indem sie beschreiben, welche Projekte sie mit anderen managen …

Susanne Weskott: … oder welche Hobbys man ausübt. Wer bei der freiwilligen Feuerwehr aktiv ist, beweist damit seine Teamfähigkeit sowie körperliche und psychische Belastbarkeit. Im Übrigen gibt es ja auch Firmen, die diverse Teams wollen, weil die besser funktionieren.

Welche Vorteile hat es, in die Skills Älterer zu investieren?

Lars Eschke: In Rheinland-Pfalz sind 24 Prozent der Beschäftigten über 55 Jahre alt. Digitalisierung und Robotik verändern die Arbeitswelt. Dies gilt auch für die Chemie. Zudem erfordern Aufgaben wie die Dekarbonisierung zusätzliche Kompetenzen. Weiterentwicklung heißt, die Transformation gemeinsam mit den Beschäftigten zu meistern.

Lars Eschke, Teamleiter Berufsberatung im Erwerbsleben. Foto: AA Koblenz-Mayen

„Es gibt 390.000 Beschäftigte über 55 in Rheinland-Pfalz – ein großes Potenzial!“

Womit punkten Ältere?

Lars Eschke: Ältere haben einen realistischeren Blick aufs Arbeitsleben. Sie sind auch eher daran interessiert, lange beim Arbeitgeber zu bleiben. Weitere wichtige Stärken sind ihre Menschenkenntnis, Erfahrung, Problemlösefähigkeit und ein gewachsenes berufliches Netzwerk. Das kann der weiteren Personalgewinnung dienen.

Was macht Mut? Haben Sie ein Beispiel?

Gudrun Kräbs: Häufig sind sich die Menschen ihrer Stärken gar nicht bewusst. So ist einer gelernten Bürokauffrau, die mit ihrem Betrieb gewachsen ist, nicht unbedingt klar, dass sie längst die Aufgaben einer Fachwirtin erfüllt, auch ohne einen solchen Abschluss. Darum machen wir erstmal eine Bestandsaufnahme. Manchmal ist es den Älteren peinlich, dass sie die neue Fachsprache noch nicht kennen oder bestimmte Anwendungen noch nicht beherrschen. All das lässt sich aufbrechen!

Susanne Weskott, Berufsberaterin im Erwerbsleben. Foto: AA Koblenz-Mayen

„Unser Überblick über die Qualifizierungen gibt den Ratsuchenden neue Perspektiven.“

Susanne Weskott: Mut braucht man immer, wenn man etwas ändert. Traut sich jemand nicht, eine Bewerbung abzuschicken, obwohl die Voraussetzungen stimmen, dann ermuntern wir dazu! Überdies helfen unsere Tools bei der Selbsteinschätzung wie der Selbsttest New Plan. Eine tolle Stärke ist beispielsweise die Kunden- und Serviceorientierung. Diese Kompetenz wollte eine Friseurin Mitte 50, nach Jahrzehnten in diesem Beruf, woanders einbringen. Sie überzeugte ihren Wunsch-Arbeitgeber im Gespräch und arbeitet nun beim Ordnungsamt. Ein anderes Beispiel ist ein Hilfskoch, der in der Pandemie via Externenprüfung zuerst den Berufsabschluss und dann seinen Meister gemacht hatte. Weil sein altes Team damit nicht zurechtkam, wandte er sich mit Anfang 50 an uns. Wir haben ihn auf dem Weg in seine neue Position als Küchenmeister begleitet.
 

Neue Perspektiven im Job erschließen

Die „Berufsberatung im Erwerbsleben“ der Agentur für Arbeit startete 2021, um gerade ältere Beschäftigte in der Entwicklung zu unterstützen. Im Norden von Rheinland-Pfalz steht ein 18-köpfiges Spezialteam bereit. Es berät flexibel – virtuell, per Telefon, persönlich, zeitlich passend im virtuellen Beratungszimmer.

Attraktive Konditionen in der Chemie

Die Chemieindustrie bietet älteren Beschäftigten sehr gute Bedingungen. Die Tarif-Arbeitszeit liegt bei 37,5 Wochenstunden. Weitere Vorteile: 30 Tage Jahresurlaub, Sonderurlaub für Schichtarbeit, Altersvorsorge, Sonderzahlungen sowie Altersfreizeiten für Beschäftigte ab 55. Auch bei Neueinstellungen nehmen die Unternehmen gern Ältere in den Blick.
 

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