Arbeiten in der Chemie

Wandel beginnt mit Wertschätzung

· Lesezeit 7 Minuten.
Wandel beginnt mit Wertschätzung
Sieht die Mitarbeiter als Herzstück des Unternehmens: Thomas Schroeder, Geschäftsführer bei Sotin in Bad Kreuznach. Foto: Wir.Hier./Joshua Murat

Das Wichtigste in Kürze: 

  • Das Unternehmen Sotin aus Bad Kreuznach ist ein Familienunternehmen mit rund 25 Beschäftigten, das sich auf Reinigungs- und Pflegemittel für die Sanitär- und Heizungsbranche spezialisiert hat.
  • Geschäftsführer Thomas Schroeder erzählt, wie sich das Unternehmen im Laufe der Jahre gewandelt hat, zum Beispiel mit der Einführung eines modernen Warenwirtschaftssystems.
  • Bei Veränderungen sei es wichtig, die Belegschaft mitzunehmen, sagt er. Zum Beispiel mit einem wertschätzenden Umgang, einer offenen Fehlerkultur und Ehrlichkeit.  

Links neben dem Eingang steht er: unscheinbar, aus Metall und Glas, mit ein paar Tasten. Nichts wäre besonders an diesem stinknormalen Wasserspender im Vorraum des Bad Kreuznacher Familienunternehmens Sotin. Für Geschäftsführer Thomas Schroeder aber ist das Gerät ein Symbol – für Veränderung. „Das war eine der besten Entscheidungen der letzten Jahre“, sagt Schroeder und grinst. 

Früher, erzählt er, seien bei Sotin jedes Jahr rund 600 Kästen Mineralwasser gekauft und durch die Gegend gefahren worden. Erst voll, dann leer. Jetzt füllen die Mitarbeiter ihre Trinkflaschen einfach hier auf. „Das ist nachhaltiger, einfacher – und passt zu uns.“ Manchmal beginnt Wandel also mit frischem Wasser.

Vom Lehrling zum Geschäftsführer

Thomas Schroeder, 60, freundliche Augen, lebhafte Stimme, grünes Polohemd, läuft an diesem Herbstmorgen durch die Produktionshallen und erzählt, was sich hier mit den Jahren alles verändert hat. Und wenn das einer beurteilen kann, dann er: „Eigentlich bin ich ja schon mein ganzes Leben hier!“ 

1977 gründete Schroeders Vater gemeinsam mit einem Partner den Betrieb – anfänglich vor allem als Hersteller von Reinigungsmitteln für den Kraftfahrzeugbereich. Schon als Schüler füllte der junge Thomas für 5 D-Mark die Stunde Scheibenklar für eine Supermarktkette ab. „Bis drei Uhr morgens, weil um sieben der Kunde kam.“

Von der Pike auf lernte Schroeder also das Tagesgeschäft im väterlichen Betrieb – und entschied sich nach dem Abi dann doch für einen neuen Weg: Universität statt Betrieb. Was folgte, war eine Lehre fürs Leben. „Ich hab das erste halbe Jahr sehr korrekt, das nächste halbe Jahr sehr erfolglos Chemie studiert.“ Wieder dieses jungenhafte Grinsen. Damals habe er begriffen: „Ich möchte mit Menschen arbeiten – mit Mitarbeitenden, Kunden. Nur chemische Verbindungen im Labor, das reicht mir nicht.“ 

Schroeder pfiff auf die akademische Laufbahn, kehrte zurück zu Sotin und lernte Industriekaufmann. Später wurde er Prokurist. Und leitet das Unternehmen jetzt seit 23 Jahren als Geschäftsführer. 

Stärke in der Nische gefunden

Eine lange Zeit – mit stetem Wandel und vielen Veränderungen. So sorgte vor Jahren ein Firmenzukauf für die Spezialisierung auf Heizkesselreinigung. Eine Nische, wie Schroeder sagt, „mit der sich große Hersteller kaum beschäftigen – und genau das ist unsere Stärke“. Wandel? Ja, klar – aber Schritt für Schritt. „Wir haben uns technisch und in der Rezeptur in all den Jahren weiterentwickelt, aber es war eher Evolution als Disruption.“ Neue Rohstoffe, neue Anlagen, effizientere Prozesse: Heute produziert Sotin mit fast derselben Mannschaft die 20-fache Menge wie früher.

Effizienz:
Effizienz: mit fast derselben Belegschaft produziert Sotin heute die 20-fache Produktmenge wie früher. Foto: Wir.Hier./Joshua Murat

Zwar sei man in seiner Branche noch vergleichsweise analog unterwegs. „Wir kaufen Rohstoffe, mischen sie, füllen sie ab und verschicken das Produkt.“ Trotzdem sei Sotin heute deutlich digitaler als früher. „Wir haben ein modernes Warenwirtschaftssystem eingeführt“, erzählt Schroeder beim Gang durch die Hallen – eine tiefgreifende Veränderung im Arbeitsalltag. Das gefiel anfangs beileibe nicht jedem Sotinaner. „Früher ging es doch auch ohne, haben viele Kollegen gesagt.“

Schroeder nimmt sich viel Zeit für Gespräche

Schroeder nahm sich Zeit für viele Gespräche, versuchte, die Leute mitzunehmen. Seine Botschaft: Ja, anfangs wird es knirschen, vielleicht ein halbes Jahr lang. Aber dann könne man die Früchte der Mühe ernten. Und so war’s am Ende auch. „Was früher halbe Tage an Kalkulation und Rechenarbeit brauchte, geht mit dem neuen System in zwei Minuten. Heute sagen viele: ‚Wenn wir das System nicht hätten, wären wir längst tot.‘“

Für Schroeder ist klar: Technische Innovationen kann man zwar kaufen. Aber sie erfolgreich zu implementieren – das geht nur im Team. „Die Mitarbeiter sind das Herzstück!“ Deshalb sei es entscheidend, sie bei Umbrüchen mitzunehmen – ehrlich, offen, auf Augenhöhe. „Man muss die Ängste der Leute ernst nehmen. Und man muss ihnen immer die Wahrheit sagen.“ Und da sei noch was, sagt der Chef. 

Man habe ein Motto hier im Betrieb, das sich bewährt habe: „Gegenseitige Wertschätzung, radikale Fehlerfreundlichkeit und ein bisschen Wahnsinn – so arbeiten wir hier zusammen.“ Wer durch die Flure von Sotin geht, spürt, dass diese Mischung funktioniert. Fluktuation in der Belegschaft? So gut wie keine. Stattdessen ein Team, das miteinander lacht, diskutiert – und gern auch Ideen spinnt. Und die dürfen auch mal durchaus abseitig sein – ein wenig Wahnsinn eben.

Wandel im Kleinen wie im Großen

Wandel, so Schroeder, müsse man nicht fürchten, sondern ihm mit offenen Augen begegnen. „Veränderung ist Teil des Lebens – manchmal Segen, manchmal sicher auch Fluch. Definitiv beides.“ Kontinuität in einer Firma wie Sotin sei wichtig, nur einschlafen dürfe man eben nicht. „Die Welt da draußen tut das ja auch nicht.“ Am Ende des Gesprächs steht er noch einmal vor dem Wasserspender, draußen am Eingang. „Wandel heißt ja nicht immer: alles umkrempeln.
Manchmal sind es die kleinen Dinge, die zeigen, dass man verstanden hat, worum’s geht.“ Und wenn’s nur frisches Wasser ist …

Über Sotin

Seit fast fünf Jahrzehnten produziert Sotin in Bad Kreuznach Reinigungs- und Pflegemittel für die Heizungs- und Sanitärbranche. Aus den Anfängen mit Kfz- und Industriereinigern entwickelte sich ein hochspezialisierter Mittelständler, der heute in Deutschland führend bei Produkten zur Heizkesselreinigung ist. Rund 25 Beschäftigte arbeiten hier – viele seit Jahrzehnten. Sotin hat zum Beispiel eco-N₂ erfunden – die grüne Revolution bei der Heizungswartung: Handwerker müssen dabei den Druck im Ausdehnungsgefäß ausgleichen. Jahrzehntelang geschah das mit Aerosoldosen voller Treibhausgase – bis Sotin die umweltfreundliche Alternative herausbrachte: das tragbare Gefäßfüllsystem eco-N₂, das mit klimaneutralem Stickstoff arbeitet. 

Das Gerät machte das Unternehmen bundesweit bekannt und wurde mit dem Innovationspreis Rheinland-Pfalz sowie dem Responsible-Care-Landespreis ausgezeichnet. Dabei entstand die Innovation eigentlich aus einer Niederlage heraus: Lange Zeit hatte Sotin die Aerosoldosen selbst produziert – bis man den Großauftrag plötzlich verlor. „Das war damals bitter. Aber genau daraus ist eco-N₂ entstanden – eine echte kleine Revolution“, sagt Thomas Schroeder. Heute ist das System ein Umsatzrenner – mit zweistelligen jährlichen Wachstumsraten.

 

  • Like
  • PDF

Das könnte Sie auch interessieren

Chemie-Welt im Umbruch

Die Chemie- und Pharmaindustrie in Rheinland-Pfalz durchlebt eine Zeit radikaler Veränderungen, die Unternehmen massiv belasten und fordern. Was Transformation im Detail bedeutet – hier ein paar Beispiele.

„Den Wandel aktiv gestalten“

Was die Transformation für Betriebe bedeutet und wie die Sozialpartner den Wandel gemeinsam mit der Politik begleiten: Das fragte Wir.Hier. Dr. Bernd Vogler, den Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Chemie Rheinland-Pfalz.

Wechseln zur Seite International Articles Wechseln zur Seite Wir.Hier.news.