Azubi Evonik

Reportagen

Ein Tag mit einem Nachwuchs-Chemikanten

Was die Ausbildung bietet – und was sie erfordert.

von Jürgen Schmidt

· Lesezeit 4 Minuten.

Wenn Rafael Sanchez seine Frühschicht antritt, heißt es gleich nach der Übergabe: raus ins Freie. Der Kontrollrundgang über und durch die Anlage gehört zu den ersten Aufgaben im Arbeitstag des Chemikanten-Azubis bei Evonik in Worms. Der 26-Jährige absolviert gerade einen Teil seiner Ausbildung im Betrieb 16. Dort wird Blausäure produziert und anschließend in anderen Anlagen auf dem Gelände zu weiteren Vor- und Zwischenprodukten verarbeitet. Am Ende vieler Prozesse stehen dann Rohstoffe etwa für Lacke, Klebstoffe, Kontaktlinsen oder Plexiglas.

Wichtige Kontrollaufgabe

Etwa eine Stunde ist Sanchez unterwegs, um zu überprüfen, ob die Anlage reibungslos funktioniert. „Wir hören und sehen, ob es irgendwo eine Störung gibt, etwas nicht in Ordnung ist“, erklärt Michael Winhardt, der seit 19 Jahren in der Blausäureanlage arbeitet. Rund zwei Monate dauere es, bis die Auszubildenden sich so weit auskennen, dass sie erste Aufgaben selbstständig übernehmen können. Bis ein neuer Kollege mit allen Anlagenteilen vertraut sei, vergingen aber ein bis zwei Jahre.

Sanchez kann mit seiner Erfahrung bereits aktiv an Kontrollgängen teilnehmen. Stets in Begleitung eines Kollegen zieht er Proben an der Anlage. Das hat nichts damit zu tun, dass er noch in Ausbildung ist. „Bei Probenentnahmen müssen wir aus Sicherheitsgründen stets zu zweit sein“, erklärt Sanchez. Dann kann der Kollege eingreifen oder Hilfe holen, falls es einen Zwischenfall gibt. Beim Umgang mit chemischen Stoffen spielt Sicherheit eine große Rolle. So müssen Sanchez und sein Kollege bei der Entnahme blausäurehaltiger Proben mit Atemschutzmasken arbeiten.

Elektrik, Mechanik, Informatik

Diese Tätigkeit bringt man auch als Laie sofort mit einem Chemikanten, also einem Chemiefacharbeiter, in Verbindung. Doch das Berufsbild und auch die Ausbildung sind keineswegs nur auf Chemie im engeren Sinne beschränkt. Am Anfang ihrer Ausbildung lernen die Azubis Grundlagen der Elektrik und Mechanik. „Wir müssen schließlich beurteilen können, was wir selbst reparieren können oder in welchem Fall ein Elektriker oder Mechaniker angefordert werden muss“, sagt Sanchez.

Und ein Chemikant muss mit der digitalen Welt vertraut sein. Denn alle Parameter der Produktion werden per Computer überwacht. In der Leitstelle der Anlage stehen Dutzende von Bildschirmen, mit Grafiken und Zahlenkolonnen. Deren Kontrolle und eventuelle Änderungen machen einen nicht unerheblichen Teil von Sanchez’ Arbeitstag aus. Von der Leitstelle aus würden Einstellungen an der Anlage geändert, falls das erforderlich sei, um die Qualität und Produktivität zu optimieren, erläutert der Azubi.

In den dreieinhalb Jahren ihrer Ausbildung setzt Evonik die Nachwuchskräfte jeweils drei bis vier Monate in verschiedenen Betrieben des Wormser Werks ein. Das gehört mit rund 1 100 Mitarbeitern, davon 100 Azubis und darunter 44 Chemikanten, zu den 16 deutschen Produktionsstandorten des Konzerns. Alle zwei Wochen verbringt Sanchez zwei Tage in der Berufsschule, wo er die theoretischen Hintergründe lernt. Vor allem vor Prüfungen werden die Azubis zudem im eigenen Ausbildungszentrum geschult, erklärt Ausbilder Tobias Haas. Dort stehen etwa ein Labor und eine Demonstrationsanlage, an der typische Abläufe chemischer Verfahren einfacher verdeutlicht werden können als in der Produktion.

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Die Passendsten, nicht die Besten

Um Chemikant werden zu können, sollte man in Mathe und Naturwissenschaften ganz gut sein, sagt Haas. Was den Schulabschluss angeht, gibt es keine festen Kriterien. Aber fast zwei Drittel der Azubis haben laut Bundesagentur für Arbeit mittlere Reife, nur 7 Prozent einen Hauptschulabschluss. Noten sind jedoch nicht alles, auch das Verhalten zählt. „Wir suchen nicht die Jahrgangsbesten, sondern die, die am besten zu uns passen“, meint Haas. Und Evonik ist auch offen für junge Menschen mit Berufswegen, die nicht völlig gradlinig sind.

Zu denen gehört Rafael Sanchez. Der hatte schon eine Banklehre abgeschlossen und in der Bank gearbeitet, bevor er sich zum Neuanfang entschloss. „Aufgrund der schlechten Zinslage konnte man die Kunden für die Geldanlage kaum begeistern, das hat mir auf Dauer keinen Spaß gemacht“, sagt Sanchez. Zur Chemie und Evonik hat er zudem familiäre Beziehungen: Sein jüngerer Bruder arbeitet in Worms. „Von ihm wusste ich, dass der Beruf interessant und abwechslungsreich ist.“ Jetzt sieht Sanchez sich an der richtigen Stelle und hofft, dass er 2018 übernommen wird. Am liebsten würde er im Blausäure-Betrieb 16 arbeiten. Genau wie sein Bruder.

Lesen Sie hier mehr über die Berufevielfalt und Azubi-Gehälter in der Chemie. Und hier erfahren Sie mehr über die unterschiedlichen Erwartungen von Jugendlichen und Ausbildern.

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