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Reportagen

„Die Lieferfähigkeit muss gesichert sein“

Warum die Chemische Fabrik Budenheim für eine Brücke kämpft.

von Sabine Latorre

· Lesezeit 3 Minuten.

Wenn Benjamin Kleine morgens aufwacht, gilt sein erster Blick dem Handy und dem Rhein-Pegelstand. „Daran hängt bei uns der Warenverkehr“, sagt der Leiter Logistik der Chemischen Fabrik Budenheim bei Mainz.

Jedes Jahr erreichen 140 000 Tonnen Rohmaterial das Werk des Experten für hochwertige Spezialchemie, überwiegend per Schiff und Pipelines. 122 000 Tonnen bearbeitetes Material gehen wieder raus zu den Kunden in der ganzen Welt. Davon zunächst 100 Prozent über die Straße: Täglich verlassen 40 bis 50 Lastkraftwagen den Betrieb. Viele davon fahren in den zehn Fahrminuten entfernten Industriehafen in Mainz. Von hier aus werden 40 Prozent der Produkte in Überseecontainern auf der Wasserstraße verschifft.

Verkehrsinfarkt in Rhein-Main

Das klappt auch recht gut. Kritisch wird es aber, wenn der Pegel des Rheins über 1,91 Meter steigt oder unter 80 Zentimeter fällt. „Dann können die Binnenschiffe nicht mehr fahren, und das Material muss mit Lkws auf die Straße“, erklärt Kleine. Zu dieser logistischen Herausforderung gesellt sich ein zweiter heikler Punkt in Form einer Brücke. Diese führt von dem kleinen Industriegebiet, in dem das Unternehmen liegt, über eine Bahnlinie und verbindet das Werk mit dem Straßennetz.

„Ich fahre täglich über die Brücke und hoffe, sie hält noch ein wenig“

Abenteuerlich schmal ist das Bauwerk: Fahren zwei Laster aneinander vorbei und passen nicht genügend auf, ist schnell ein Außenspiegel abgebrochen. Zudem ist die Brücke recht betagt: „Das ist ein Natobrückenkopf“, erklärt der Logistik-Chef. „Der Bau ist zwar sehr stabil und trägt sogar Panzer, aber er kommt jetzt so langsam in die Jahre.“

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Was eine Brückensanierung bedeutet, das ist in Rheinland-Pfalz hinreichend bekannt: 2015 wurde die Schiersteiner Brücke gesperrt, die vierspurige Verbindung der A 643 über den Rhein zwischen Mainz und Wiesbaden. Seitdem ist sie nur eingeschränkt befahrbar, der Neubau ist 1,5 Jahre im Verzug und wird vermutlich erst 2021 fertiggestellt.

Zum Glück wurde die Budenheimer Brücke damals von Statikern vorsorglich überprüft – alles in Ordnung. Aber für die Zukunft ist das leider keine Garantie. „Ich fahre täglich drüber und denke mir, hoffentlich hält sie noch ein wenig“, gesteht Kleine. „Wir haben die logistischen Probleme aller Unternehmen wie Fahrermangel, den Straßenzustand und den Verkehrsinfarkt in Rhein-Main, der keine verlässliche Aussage ermöglicht, wann ein Laster ankommt. Aber dazu müssen wir immer hoffen, dass der Rheinpegel stimmt und unsere Brücke weiter hält …“

Zweite Brücke existenziell wichtig

Schon seit 20 Jahren hat der Chemiespezialist Budenheim bei der gleichnamigen Gemeinde den Bau einer zweiten Brücke beantragt, um den Engpass zu entschärfen. Diese zweite Brücke wäre ungefähr gleich groß, jedoch nicht mehr so eng mit dem Ort verbunden wie bisher – was die Gemeinde in puncto Verkehr entlasten würde. Auch andere Industrie-Unternehmen, Gewerbetreibende, die Feuerwehr, die Bevölkerung und die Gemeinde selbst würden von der zweiten Brücke profitieren. Bisher war die Mühe dennoch vergeblich: „Es liegt an der endlosen Bürokratie und dem Streit um die Finanzierung durch Land, Landkreis und Gemeinde“, sagt Geschäftsführer Harald Schaub. „Dabei ist eine zweite Brücke für uns existenziell, schließlich stecken wir viel Geld in den Standort!“

Das Unternehmen beschäftigt weltweit über 1 000 Mitarbeiter, davon mehr als 700 am deutschen Standort in Budenheim. Bis 2030 will der Betrieb vor Ort einen „stattlichen zweistelligen Millionenbetrag“ investieren. Für Schaub ist klar: „Wenn wir in den deutschen Standort investieren, muss unsere Lieferfähigkeit gesichert sein!“

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Auch RLP-Wirtschaftsminister Volker Wissing sieht landesweit „Nachholbedarf“ in Sachen Infrastruktur.

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