Faktencheck

6 Fakten zur sozialen Gerechtigkeit

Wie gerecht ist Deutschland? Wir erklären, was Wirtschaftsdaten darüber aussagen.

von Hans Joachim Wolter

· Lesezeit 3 Minuten.

Einkommensverteilung

Für die Einkommensverteilung haben Ökonomen eine spezielle Kennziffer, den Gini-Koeffizienten (benannt nach dem italienischen Statistiker Corrado Gini). Berechnet wird er mit einer komplizierten Formel, heraus kommen Werte zwischen null und eins. Beim Wert eins würde ein Mensch alles verdienen, beim Wert null alle Menschen gleich viel. Je kleiner also der Gini-Koeffizient, desto geringer die Einkommensunterschiede in einem Staat. Für Deutschland lag der Gini-Index in den vergangenen zehn Jahren (nach Steuern und Sozialleistungen) ziemlich stabil bei 0,28 bis 0,29. Damit weist Deutschland unter den großen Industrienationen (G 7) heute die geringste Ungleichheit auf. Die skandinavischen Länder etwa haben niedrigere Werte.

Stimmung

Die persönliche Stimmung ist bei den allermeisten Bundesbürgern deutlich besser, als die verbreitete Kritik an der Ungleichheit vermuten lässt. Das belegen Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), einer jährlichen Wiederholungsbefragung bei 15 000 Haushalten im ganzen Land: Danach attestierten zuletzt (2015) knapp 55 Prozent der Deutschen eine „hohe Zufriedenheit“ mit ihrem Leben und 43 Prozent eine „mittlere Zufriedenheit“.

Arbeitsmarkt

Stabile Mittelschicht und Einkommensverteilung – dazu trägt auch das deutsche Jobwunder bei. Seit über zehn Jahren steigt die Erwerbstätigkeit kontinuierlich. Weil deutsche Produkte auf dem Weltmarkt so gefragt sind, waren im vergangenen Jahr 78 Prozent der 20- bis 64-Jährigen berufstätig, durchschnittlich 43,6 Millionen Menschen hatten hierzulande Arbeit – ein Rekord. Ende September 2016 zählten die Statistiker 32 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte – auch das ein Rekord. Und was die angebliche Zunahme atypischer Stellen angeht, also befristete Jobs, Teilzeitarbeitsplätze unter 20 Wochenstunden, Minijobs und Zeitarbeit: Laut Statistischem Bundesamt gab es 2016 genauso viel atypisch Beschäftigte wie 2006. Im selben Zeitraum entstanden jedoch 1,6 Millionen sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen.

Gerechtigkeitsindizes

Wissenschaftler des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) errechnen regelmäßig den Gerechtigkeitsmonitor für 28 wichtige Industrieländer. Ergebnis: „Deutschland hat sich zwischen 2010 und 2015 vom zehnten auf den achten Rang verbessert“, berichtet IW-Ökonom Professor Dominik Enste. „Und die Bundesrepublik belegt als einziges großes Industrieland einen Platz unter den Top Ten.“ Vor Großbritannien, Frankreich, Kanada und den USA. Vorne finden sich die skandinavischen Staaten, am Ende südeuropäische Länder. Um das zu ermitteln, werten die Wissenschaftler viele Tausend Einzeldaten aus und fassen sie in einem Indexwert zusammen. Darin fließen zum Beispiel Zahlen zu staatlichen Gesundheitsausgaben, Altersarmut und Sozialleistungen für Familien ein.

Mittelschicht

Die Mittelschicht, von der es vielfach heißt, sie schrumpfe, ist tatsächlich seit 2005 recht stabil. Das belegt das SOEP. „2014 gehörten fast 48 Prozent der Bundesbürger zur Einkommensmitte und jeweils weitere 16 Prozent zur oberen und unteren Mittelschicht“, erklärt IW-Expertin Judith Niehues. „Von einer auseinanderdriftenden Gesellschaft kann nicht die Rede sein.“ Etwas abgenommen hat die Mittelschicht zuletzt durch die Zuwanderer, die in der Regel nur geringe Einkommen haben oder mit niedrigen Löhnen ins Arbeitsleben starten. Zur Mitte im engeren Sinn zählt die Ökonomin dabei alle Menschen, die 80 bis 150 Prozent des mittleren Nettoeinkommens verdienen.

Lohnentwicklung

Die Löhne sind zuletzt deutlich gestiegen. In der chemischen Industrie nahmen sie binnen zehn Jahren um gut ein Viertel zu. Im Schnitt kommen Chemiebeschäftigte in Vollzeit heute auf 66 000 Euro Jahresverdienst – das sind fast 24 Prozent mehr, als Mitarbeiter des verarbeitenden Gewerbes durchschnittlich erhalten. Und die 550 000 Chemie-Beschäftigten haben heute auch real, also wenn man die Preissteigerung abzieht, einiges mehr im Portemonnaie: 15 Prozent Plus gegenüber 2007. Für die Chemieunternehmen hat das aber auch einen Haken: Viele ihrer Wettbewerber im Ausland können mit zum Teil deutlich niedrigeren Kosten kalkulieren.

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